an enemy of the people (george schaefer, usa 1978)

Veröffentlicht: September 2, 2015 in Film
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Bevor ich auf AN ENEMY OF THE PEOPLE selbst eingehe – wahrscheinlich nicht nur der seltsamste Film in McQueens Filmografie, sondern der vielleicht seltsamste Film, den ein Star dieser Größenordnung auf dem Gipfel seines Ruhms überhaupt jemals gemacht hat –, muss ich etwas zu den historischen Rahmenbedingungen sagen, die ihn ermöglichten. Steve McQueen befand sich damals, Mitte der Siebzigerjahre, in einer Art Sinnkrise. Er war mit THE TOWERING INFERNO endgültig zu einem der bestbezahlten Schauspieler Hollywoods aufgestiegen und konnte sich seine Rollen gewissermaßen aussuchen, weigerte sich jedoch, ohne seine Gattin Ali McGraw zu arbeiten. Das Schauspielen begann ihn zu langweilen. Hinzu kamen massive Probleme mit der Produktionsgesellschaft First Artists, bei der McQueen unter Vertrag stand. Bei THE GETAWAY hatte die Zusammenarbeit gut funktioniert, auch weil McQueen erhebliches Mitspracherecht genoss, doch schon dieser Film war mit seinem Budget von 3 Millionen weit unter den wirtschaftlichen Möglichkeiten, die der Star sonst gewohnt war. Mitte der Siebzigerjahre war es nun vollends unmöglich, für solch kleines Geld einen Film zu drehen, der eines Schauspielers seines Status würdig war. Das führte zu der ungünstigen Situation, dass McQueen „blockiert“ wurde: Es gab keinen Film, den er für First Artists machen konnte, gleichzeitig erlaubte ihm die Gesellschaft auch nicht, für jemand anders zu arbeiten. McQueens Agent Marvin Josephson wird bei Marshall Terrill mit folgendem Satz zitiert: „You wouldn’t believe all the scripts that I read that are now classics. Every film that was great could have had a Steve McQueen role.“ Unter anderem war McQueen im Gespräch für FIRST BLOOD, THE DRIVER, ONE FLEW OVER THE CUCKOO’S NEST, A BRIDGE TOO FAR, APOCALYPSE NOW und SORCERER. Stattdessen spielte der Superstar für ein Handgeld einen Motorradfahrer in Lee Frosts DIXIE DYNAMITE und beschäftigte sich nebenbei mit den großen Dramatikern der Weltliteratur: U. a. Tschechow, Strindberg, Gogol und Ibsen, dessen Drama „En folkefiende“, englischer Titel: „An Enemy of the People“, besonderen Eindruck auf ihn machte.

Die (angesichts McQueens Persona verständliche) Begeisterung für das in den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts angesiedelten Stück, in dem es um den norwegischen Arzt Dr. Thomas Stockmann geht, der sich mit Einwohnern und Regierung seiner Heimatstadt anlegt, als er aufdeckt, dass die örtlichen Heilquellen, von denen man sich große Einnahmen verspricht, verseucht sind, brachte ihn auf eine Idee. Eine Verfilmung von Ibsens Drama sollte ihn in die Lage versetzen, drei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: 1) Das kammerspielartige Stück war im Gegensatz zu den actionlastigen Filmen, die das Publikum von ihm gewohnt war, auch mit einem geringen Budget umsetzbar. 2) Die Verkörperung des intellektuellen Idealisten in einer ernsten Literaturverfilmung bot McQueen die Möglichkeit, seinen Kritikern zu beweisen, was er konnte, und eine andere, bislang unbekannte Seite zu offenbaren. 3) Die Produktion eines gewaltigen Flops, der AN ENEMY OF THE PEOPLE ohne Zweifel werden würde, würde der verhassten First Artists schweren Schaden zufügen und McQueen im besten Fall von der vertraglichen Verpflichtung, weitere „Billigfilme“ zu drehen, befreien.

Doch obwohl die Idee für AN ENEMY OF THE PEOPLE zu einem nicht unerheblichen Teil aus dem Zorn geboren worden war, warf sich McQueen mit großem Enthusiasmus in die Rolle, die in ihrer enormen Dialoglastigkeit ein krasses Gegenteil zu seinen sonstigen Rollen darstellte. Er studierte zeitgenössische Bilder und Fotografien, ließ sich lange Haare und einen Vollbart wachsen, hinter denen er kaum noch zu erkennen war, und arbeitete seinen Kollegen zufolge – u. a. Charles Durning – mit höchstem Professionalismus: Auch wenn er wusste, dass der Film an seiner Zielgruppe komplett vorbeigehen würde, behandelte er ihn doch wie ein Herzensprojekt – und fand während der Arbeit die Freude an seinem Beruf wieder. Letzten Endes aber ereilte AN ENEMY OF THE PEOPLE das prognostizierte Schicksal: Dass Warner Bros. keine Ahnung hatten, wie sie den Film vermarkten sollten, sieht man schon an seinem Kinoplakat, das McQueens bärtigen Dr. Thomas Stockmann umringt von anderen ikonischen McQueen-Rollen zeigt. First Artists weigerten sich ganz einfach, überhaupt irgendeine Werbung für den Film zu machen, den sie als den Affront erkannten, der er sein sollte. Das Drama wurde für kurze Zeit ohne nennenswerten Erfolg in amerikanischen Universitätsstädten aufgeführt und verschwand danach in den Giftschränken des Studioarchivs, aus denen es erst 2009 anlässlich seiner Verfügbarmachung im Rahmen der Burn-on-Demand-Reihe „Warner Archives Collection“ wieder geborgen wurde. AN ENEMY OF THE PEOPLE ist somit vielleicht der Gipfelpunkt von McQueens stets problematischer Beziehung zur politisch-wirtschaftlichen Seite des Filmgeschäfts, seine große kommerzielle Verweigerungsgeste, aber eben doch kein „Scheißegal-“ oder „Fuck-you“-Film. Steve McQueen meinte es damals Ernst – und er war stolz auf den Film, auf seine Arbeit und darauf, sich unter Charakterdarstellern weit außerhalb seiner Komfortzone behauptet zu haben.

Dass AN ENEMY OF THE PEOPLE ein massiver Flop werden würde, daran zweifelte indessen noch nicht einmal sein Regisseur George Schaefer, der von Steve McQueen persönlich ausgewählt worden war und eigentlich vom Fernsehen kam. Der hochdekorierte Mann hatte sich nicht zuletzt mit Adaptionen berühmter Theaterstücke einen Namen gemacht und war wohl am meisten erstaunt darüber, ausgerechnet mit Steve McQueen eine 3 Millionen Dollar teure Ibsen-Verfilmung zu drehen. Der Film entstand komplett im Studio, spielt in seinen 105 Minuten nahezu ausschließlich in Innenräumen und kann den etwas staubigen Geruch von Bildungsfernsehen nie ganz ablegen. Schauwerte gibt es genauso wenig wie Action, die gesamte Geschichte entfaltet sich ausschließlich in langen Dialogszenen. Es ist kein Wunder, dass sich das im Kino niemand ansehen wollte, und auch eine aggressivere Marketingstrategie hätte wohl nur einen marginalen Unterschied gemacht. Trotzdem muss ich nach der Betrachtung, der ich mit mehr als nur einiger Skepsis entgegengesehen hatte, sagen, dass AN ENEMY OF THE PEOPLE nicht ohne Reiz ist. Gelangweilt habe ich mich tatsächlich nicht, stattdessen legt der Film, so seltsam das klingen mag, ein nicht unerhebliches Tempo vor und überrascht mit enormem Affektpotenzial. Die Mechanismen, die Stockmann durch sein Engagement lostrittt, sind dieselben, die in vergleichbaren Situationen auch heute noch in Kraft treten, und Ibsens bitterböse, illusionslose Vorlage sorgt dafür, dass man als Zuschauer emotional nicht außen vor bleibt. Die Ignoranz, Falschheit, Unverfrorenheit und Mobmentalität, die Stockmann von den erbosten Bürgern entgegenschlägt, treibt einem den Puls ganz schön in die Höhe – und weckt sofort Assoziationen zu den feinen Herrschaften, die sich derzeit wieder in ganz Deutschland zusammenrotten, um im Namen eines „nationalen Wohles“ alle demokratischen und humanistischen Werte zu verraten. Aber ich kann trotzdem nicht verhehlen, dass ich AN ENEMY OF THE PEOPLE ohne seinen krassen Exotenbonus und Kuriositätenstatus wahrscheinlich nie in Betracht gezogen hätte – und mir wahrscheinlich auch nicht so schnell wieder ansehen werde. Für Fans von McQueen ist der Film allerdings tatsächlich unverzichtbar, erbringt er doch allerspätestens hier den Beweis, welche enorme Wandlungsfähigkeit er tatsächlich besaß. Den sanftmütigen Geistesmenschen, der allein mit Worten kämpft, nimmt man ihm gegen jede Wahrscheinlichkeit ab.

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Kommentare
  1. Martin Otremba sagt:

    Hallo und erstmal vielen Dank für diese Seite, für die vielen guten Kritiken inkl. diverser Hinweise, Querverbindungen, sowie die Besprechung seltener und weitgehend unbekannter Filme.
    So stelle ich mir einen Filmfan vor, der sich (genau wie ich) auch für die Hintergründe in dieser Branche interessiert. Und als regelmäßiger ofdb.de Besucher stolpert man ja auch automatisch immer mal wieder über „Remember it for later“.
    Als alter McQueen (und Eastwood, Delon, Bronson, Newman,…) Fan habe ich diesen Film leider nie gesehen und wüsste beim besten Willen auch nicht, wo man ihn herbekommen kann…!?
    Gibt’s da einen Tipp für mich?
    Danke und Gruß
    Martin

    • Oliver sagt:

      Vielen Dank fürs Lob! Das höre ich natürlich immer gern.

      ENEMY OF THE PEOPLE ist – wie viele Filme, von denen man noch nie gehört hat – über die DVD-R-Schiene von Warner, die sogenannte Warner Archive Collection, erhältlich. Kannst du einfach über Amazon.com zum relativ normalen Kurs bestellen und brauchst noch nicht einmal einen Codefree-Player dafür.

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