assault on precinct 13 (john carpenter, usa 1976)

Veröffentlicht: September 3, 2015 in Film
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Ein Jahrhundertfilm. Absolute inszenatorische und dramaturgische Perfektion, dabei aber niemals glattgebügelt, steril und leblos, sondern roh, voller Power und Elektrizität. Das ist ASSAULT ON PRECINCT 13: Ein Film, nach dem sich John Carpenter auch gut und gern hätte zur Ruhe setzen können, denn alles, was sein Werk ausmacht, ist hier, in seinem zweiten Spielfilm, bereits in seiner reinsten Form enthalten. Wer beim Einsetzen des minimalistisch-treibenden Scores nicht schon mit zitternden Beinen, vibrierendem Herzen und aufgestellten Nackenhaaren auf der äußersten Stuhlkante sitzt, ist wahrscheinlich schon tot. Danach wird man nur immer tiefer ins Geschehen gezogen, vom Meistererzähler Carpenter langsam und sachte verführt, bis es irgendwann zu spät ist und einem nichts anderes mehr bleibt, als die Schweißpfütze zu seinen Füßen zu registrieren. Und das Beste: Dieser Gnadenhammer ist nicht nur von einer nahezu unerträglichen Dichte und nervenzerfetzenden Spannung, er offenbart auch nach der xten Betrachtung immer noch neue Details, Dimensionen und Aspekte. ASSAULT ON PRECINCT 13 pulsiert. Es ist ein Film, der einen abhängig machen kann, der einen das Medium mit neuen Augen sehen und verstehen lässt, ein Abschluss und ein Anfang: Rund 80 Jahre amerikanischer Filmgeschichte kulminieren in diesem Werk, der gewissermaßen Tabula rasa macht, um aus der Asche etwas Neues entstehen zu lassen. Ist das hier vielleicht gar der wichtigste Film seines Jahrzehnts?

Es ist ein Allgemeinplatz, dass Carpenter ein glühender Verehrer von Howard Hawks war, dessen spätem Meilenstein namens RIO BRAVO er mit dieser Neuinterpretation seine Referenz erwies. Wie Hawks in seinem Western von einem Belagerungszustand erzählt – drei Freunde, einer davon Sheriff einer Kleinstadt, die unter der Knute eines verbrecherischen Großgrundbesitzers zittert, müssen sich im Sheriffbüro gegen die sich außen versammelnde Übermacht der Ganoven verteidigen –, so verlegt Carpenter dieses Szenario in einen von Bandenkämpfen zerrissenen Stadtteil von Los Angeles. Er rührt damit wieder an die Ursprünge des amerikanischen Kinos, die Western eines D. W. Griffith oder John Ford, die im Wesentlichen von den Geburtswehen der Nation erzählten, die aus einem beständigen Ringen der Moderne mit der Vergangenheit, der Einwanderer mit den Ureinwohnern hervorging. (Mein lieber Freund Marcos hat mir zuletzt viel über das sogenannte Blockhüttenmotiv erzählt und weil das noch an anderer Stelle zur Sprache kommen wird, belasse ich es hier bei der Erwähnung.) Das Polizeirevier im fiktiven Stadtteil Anderson wird geschlossen. Nur noch eine Handvoll Angestellte sind dort mit der Abwicklung beschäftigt, der Afroamerikaner Ethan Bishop (Austin Stoker) übernimmt an seinem ersten Tag als Lieutenant die Aufsicht. In der Vornacht waren mehrere Gangmitglieder von der Polizei erschossen worden, das Viertel liegt am Boden, marodierende Jugendgangs haben die Kontrolle übernommen, die Zivilisation überlässt Anderson sich selbst und dem drohenden Verfall. Als die vier Warlords einer Gang namens „Street Thunder“ bei einem ihrer Streifzüge ein kleines Mädchen erschießen, der Vater Selbstjustiz übt und sich anschließend in das leerstehende Polizeirevier flieht, kommt es zu einem verzweifelten Kampf.

Schon früh arbeitet Carpenter die Unterschiede zwischen den Konfliktparteien heraus: Gesichtslose Polizeibeamte (man sieht nur ihre Arme) schießen mit schweren Gewehren auf die hilflos unter ihnen durch einen Gang laufenden Gangmitglieder. Der Schwerverbrecher Napoleon Wilson (Darwin Joston), der in ein anderes Gefängnis verlegt werden soll, erfährt institutionalisierte Gewalt und Demütigung durch seine Bewacher. Die Warlords hingegen – vier verschiedenen „Rassen“ zugehörig – schlitzen sich in einem archaischen Ritual die Arme auf, um Rache für ihre gefallenen Brüder zu schwören und suchen sich ihre Opfer danach per Zufallsprinzip aus. Am Schluss markieren sie das Polizeirevier mit einer Flagge. (Der Vater, der den Mörder seiner Tochter erschießt, verkörpert eine weitere Form der Gewalt, nämlich die „heiße“, emotionale). Anderson, das Revier der Gangs, ist die Wildnis, das Feindesland hinter der durch Pioniere nach Westen verschobenen Frontier: Hier herrschen andere Gesetze, gegen die der Rechtsstaat, verkörpert durch Bishop und das zurückgelassene Polizeipräsidium, noch nichts oder nichts mehr ausrichten kann. Selbst ein mehrfacher Mörder wie Wilson steht dem Cop im Kampf gegen die heranstürmenden, gesichtslosen Gangmitglieder näher als diesen. Carpenter ist aber nicht an einer soziologischen Bestandsaufnahme interessiert, die Gangmitglieder bleiben Chiffren, sagen – soweit ich mich erinnere – den ganzen Film über kein Wort, die Hintergründe für den Verfall Andersons werden nicht weiter beleuchtet. Gerade das verleiht dem Film seine Allgemeingültigkeit, seine immense Kraft und sein Schockpotenzial. Der lautlos durch die Straßen gleitende Wagen der Warlords, der aus dem Fenster herausragende Gewehrlauf, mit dem wahllos auf Passanten gezielt wird, wird zum Bild für die Irrationalität des Bösen, für das Ankommen der Menschheit am absoluten Nullpunkt. Nicht mehr das Mitgefühl hindert den Schützen am Drücken des Abzugs, nur noch Gleichgültigkeit lässt ihn von sinnlosen Mord absehen. Die Welt von ASSAULT ON PRECINCT 13 steht kurz vor der Implosion, das macht Carpenter in jeder Sekunde seines Films, in jedem Bild, mit jedem Pulsschlag seines minimalistischen Scores deutlich. (Mit HALLOWEEN und THE FOG „metaphysikalisiert“ Carpenter dieses Thema: Die lautlosen Schüsse, die in ASSAULT ON PRECINCT 13 Scheiben zerplatzen und Papierhaufen wie von Geisterhand emporfliegen lassen, erinnern an die immaterielle Allgegenwart des Bösen, die auch der geisterhafte Michael Myers und der todbringende Nebel verkörpern.)

ASSAULT ON PRECINCT 13 ist ein Meisterstück in Sachen Erzählökonomie, Spannungs- und Druckaufbau, ein Film, der einem von Sekunde zu Sekunde ein Stück weiter die Luft abschnürt, mit zunehmender Last auf den Brustkorb drückt, die Körpertemperatur erst langsam absenkt, um sie dann schlagartig in fiebrige Höhen zu treiben. Aber es ist nicht nur ein Stimmungsfilm: Der Rapport zwischen Ethan Bishop und Napoleon Wilson, zwei Seelenverwandten, die das Schicksal auf sich diametral gegenüberliegende Seiten des Spektrums verschlagen hat, verleiht ihm ein großes Herz. Überhaupt dieser Wilson: Neben Snake Plisske vielleicht die tollste Figur, die Carpenter sich in seiner Laufbahn ausgedacht hat. Nicht nur wegen ihm ist man fast ein wenig traurig, wenn die Albtraumnacht von ASSAULT ON PRECINCT 13 ein Ende findet.

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Kommentare
  1. Wolfgang sagt:

    Deine „Kritik“ (eigentlich: Lobpreisung) geht runter wie Honig, ja ein Jahrhundertfilm, in der Tat!! DER Film aus 1976!

  2. Ghijath Naddaf sagt:

    John Carpenters geniale Verbeugung vor dem Western. Schnitt : John T.Chance, natürlich.
    Einer der Polizisten wird übrigens von Henry Brandon ( Scar aus Ford´s The Searchers) gespielt.
    Über „Ethan Bishop“ gar nicht zu reden.
    Umso ärgerlicher, das tumbe Unverständnis, bis zur Indizierung, das die Geschichte dieses Films
    in Deutschland begleitete.

  3. […] Oliver Nöding auf Remember It For Later einigen Filmen von John Carpenter angenommen. Neben dem explosiven Meisterwerk „Das Ende“ auch die unterschätzten „Elvis“ und […]

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