the decline of western civilization (penelope spheeris, usa 1981)

Veröffentlicht: September 4, 2015 in Film
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Ich muss zugeben: Ich war nie ein großer Punk-Fan. Klar, es gibt ein paar Bands und Songs, die ich mag, und grundsätzlich ist mir die Idee, die hinter der Musik steht, sympathisch. Aber mir war die ganze Punk-Ästhetik immer zu wenig theatralisch und fantasievoll, zu nüchtern und negativ. Als ich begann, mich für Musik jenseits der Singlecharts zu interessierten, da waren mir Hardrock und Metal mit ihrer Flamboyanz, ihren Posen, ihrem Omnipotenzwahn und der Möglichkeit zum Eskapismus einfach näher. Ich schätze, ich war politisch nie ein besonders aufmüpfiger oder rebellischer Mensch, ich habe nie „Hass“ auf die Gesellschaft oder die Menschheit verspürt. Die Wahrnehmung der Welt, die in Punk und Hardcore zum Ausdruck kommt, war nie die meine. Und die Musik schien mir immer etwas zu stumpf, zu eindimensional, sowohl tonal wie in der Aussage (wie gesagt: Ausnahmen bestätigen die Regel), als dass ich mich mit ihr wirklich hätte identifizieren können.

Die neu erschienene Box mit den drei Dokumentationen, die Penelope Spheeris zwischen 1980 und 1998 unter dem Titel THE DECLINE OF THE WESTERN CIVILIZATION gemacht hat, habe ich mir logischerweise vor allem wegen des zweiten Teils gekauft: PART 2: THE METAL YEARS, in dem es um die Hardrock- und Metalszene im L.A. der ausgehenden Achtzigerjahre geht. In meiner Jugend im Fernsehen und später mit unverschämtem Glück als britisches Second-Hand-Videotape in einem Krefelder Comicladen aufgeschnappt, wurde der schier unglaubliche Film zu einem meiner absoluten Lieblinge und ich zittere jetzt schon vor Vorfreude auf das baldige Wiedersehen. Historisch signifikanter ist aber dieser Auftakt der Reihe, der die Punkszene der Westküstenmetropole unter die Lupe nimmt und heute, wo Punk seine Domestizierung auch schon wieder knapp zwei Jahrzehnte hinter sich hat, einen Blick in eine fremde, dreckige, hoffnungslose, asoziale und durch und durch kaputte Welt ermöglicht.

Spheeris widmet sich nacheinander Black Flag (mit ihrem zweiten Sänger Ron Reyes), Germs (kurz vor Auflösung der Band und ein knappes Jahr vor dem Tod von Sänger Darby Crash), Catholic Discipline, X, Circle Jerks, Alice Bag Band und Fear, lässt vereinzelte Mitglieder zu Wort kommen, besucht Shows sowie die Redaktion des Slash Magazines (mit dessen Chefredakteur sie zu der Zeit verheiratet war) und hört sich an, was Fans, Manager und Clubbesitzer zu sagen haben. Auffällig ist (vor allem im Vergleich mit einem Film wie METAL: A HEADBANGERS JOURNEY), dass sie nicht mit einer vorgefertigten Haltung an die Musiker herantritt: Die Interviews wirken sehr organisch in ihrem Verlauf, nur selten wird der Redefluss der Protagonisten durch Fragen der im Off befindlichen Regisseurin gestört. Mehr als um eine Klassifizierung der Musik oder darum, das vereinende Element in der Diversität zu finden, alles unter das Etikett „Punk“ zu zwängen, geht es darum, die Menschen hinter der Musik zu Wort kommen, sie sich so präsentieren zu lassen, wie sie das in der jeweiligen SItuation für richtig halten. Wenn der Film zu Ende ist, hat man dann auch nicht das Gefühl, sogleich einen Schulaufsatz über das Phänomen „Punk“ schreiben zu können, in dem alles schön geordnet nebeneinandersteht, was man mit der Szene immer schon assoziiert hat. Vielmehr erhält man einen Eindruck von der Vielgestaltigkeit von Punk nicht so sehr als einer ästhetischen Einheit als vielmehr einer bestimmten Weltanschauung und Lebenshaltung. THE DECLINE OF WESTERN CIVILIZATION funktioniert vor allem als Porträt einer Generation an der Schwelle zwischen zwei Jahrzehnten und was zunächst desillusionierend wirkt, relativiert sich mit dem Abstand von 35 Jahren: Die meisten der gezeigten Musiker sind heute Opas, die von ihrem Legendenstatus zehren, vielleicht kein Leben in Saus und Braus führen, aber eben auch nicht untergegangen sind, wie man das in den Film für einige von ihnen befürchtet.

Es sind beileibe keine schönen Bilder, die Spheeris einfängt: Ron Reyes zeigt das besenkammergroße „Zimmer“, das er für 16 Dollar in einer alten Baptistenkirche gemietet hat (der Schlagzeuger wohnt in einem „Fach“ über ihm), schildert, dass er beim Gas- und Stromversorger vsowie der Telefongesellschaft verschuldet ist und sich deshalb nichts anderes leisten kann. Die Mitglieder von X stechen sich ihre eigenen Tattoos (wirken aber sonst auffallend normal und intelligent). Fans berichten von nicht mehr vorhandenen oder völlig gleichgültigen Eltern und der Freude an Gewalt. Konzerte geraten völlig aus den Fugen, arten zum Teil in Massenschlägereien aus. Fear überziehen ihr Publikum von der Bühne aus mit homophoben Beleidigungen und lassen sich dafür beherzt anrotzen. Es ist ein Spiel, aber eins, das keine schützenden Grenzen kennt. Die Locations sind klein und versifft. Und wie jung die alle noch sind! Besonders bitter ist natürlich das Segment um die Germs und den seelisch offenkundig schwer angeschlagenen Darby Crash. Um die Anfeindungen des Publikums zu überstehen, sagt er, gehe er nur unter Drogeneinfluss auf die Bühne, wo er sich dann regelmäßig selbst verletzt oder aber von Zuschauern malträtiert wird. Ihn darauf hinzuweisen, dass er ins Mikro singen muss, hat die konsternierte Managerin längst aufgegeben, seine Darbietung, bei der er sich unter anderem mit einem Edding beschmiert und die Zuschauer um Bier anschnorrt, ist mit „erratisch“ noch sehr, sehr freundlich umschrieben. Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten war es der Band schon nicht mehr möglich, in L.A. aufzutreten: Wegen der immer wieder ausbrechenden Schlägereien bei ihren Gigs hatten alle wichtigen Clubs ein Auftrittsverbot ausgesprochen, das Konzert im Film wurde eigens dafür organisiert. Hier sieht man tatsächlich einem jungen Mann (Crash war damals 22) beim langsamen Sterben zu und fragt sich: Wie konnte es dazu kommen?

Was veranlasste diese zum Teil gerade eben der Schule entwachsenen Kids dazu, eine solch eruptive Musik zu machen, sich jeden Abend in eine wahre Schlacht zu werfen? Was löste diesen Zorn, diese Desillusion aus? Die Antworten liegen natürlich auf der Hand, wirken aber auch eine Nummer zu klischeehaft: Wie viele andere Teenies wachsen unter den gleichen Bedingungen auf, ohne solchermaßen produktiv zu werden? Und was machen junge Leute, die sich heute in ähnlichen Bedingungen wiederfinden? Die Zeit, in der etwas dermaßen Rohes und Asoziales entstehen und zumindest kurzzeitig die Schmerzen und die Angst lindern konnte, scheint weit, weit entfernt. Und das darf man – Punk-Fan oder nicht – durchaus bedauern.

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