the decline of western civilization part II: the metal years (penelope spheeris, usa 1988)

Veröffentlicht: September 5, 2015 in Film
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Ich hatte schon in meinem Text zum Vorgänger betont, wie wichtig mir dieser Film ist. Als ich ihn zum ersten Mal sah, war das noch einige Jahre bevor ich MTV empfangen konnte: Lemmy Kilmister, Alice Cooper, Megadeth, Ozzy Osbourne, Gene Simmons und Paul Stanley von Kiss oder Steven Tyler und Joe Perry von Aerosmith in bewegten Bildern sehen zu können, war noch etwas wirklich Besonderes, auch wenn ich gerade erst angefangen hatte, mich in Metal und Hardrock „einzuarbeiten“. Aber als echten „Metalfilm“ habe ich THE DECLINE OF WESTERN CIVILIZATION PART II: THE METAL YEARS eigentlich schon damals nicht erlebt. Der Schwerpunkt liegt eher auf Glamrock, der damals von Fans des „harten“, „ehrlichen“ und „echten“ Metal verachtet wurde (der Begriff „Poser“ war allgegenwärtig), und das aufgedrehte, ignorante und sexistische Gesülze von Poison und Faster Pussycat oder Never-have-beens wie London und Odin erschien mir damals vor allem peinlich. Eine Szene wie jene, in der Chris Holmes von W.A.S.P. sich vor den Augen seiner sichtlich besorgten Mama volllaufen lässt und Sätze äußert wie „I’m a full blown alcoholic“, war immer für einen herzhaften Lacher und ein entgeistertes Kopfschütteln gut. Ebenso wie die Naivität der zahllosen zu Wort kommenden Hobbymucker, die felsenfest davon überzeugt sind, der nächste Superstar zu werden und keinen Plan B in der Tasche haben. Oder natürlich der Typ, der meint, es schütze ihn vor Aids, dass der Vater seine Freundin Frauenarzt ist.

Spheeris‘ Film liefert immer noch einen äußerst munteren Blick auf die damalige Szene und schürt bei mir nicht wenig Nostalgie für eine Zeit, die irgendwie wunderbar einfach schien. THE DECLINE OF WESTERN CIVILIZATION PART II: THE METAL YEARS ist bunter, lebhafter, witziger als der Vorgänger. Trotzdem hat sich mit den Jahren, die ich inzwischen zugelegt, den Erfahrungen, die ich gemacht habe, und der Zukunftsperspektive mit zwei Kindern auch meine Wahrnehmung erheblich verändert. Was ich früher einfach nur haarsträubend komisch oder zum fremdschämen peinlich fand, offenbart mittlerweile eine andere Dimension. Und da wird dann auch deutlich, dass die Differenz zwischen den Protagonisten dieses Films und denen der vorigen Installation gar nicht so gewaltig ist, wie man vielleicht annehmen könnte. Ja, das Rockstardenken war den Bands, die in THE DECLINE OF WESTERN CIVILIZATION vorgestellt worden waren, denkbar fern, während es im Sequel alles bestimmt: Man spürt, dass die Achtzigerjahre ein materialistisches und oberflächliches Jahrzehnt waren. „Rebellion“ und „Widerstand“ sind zu relativ leeren Gesten verkommen, man hat sich mit den  Umständen arrangiert und der Sunset Strip bietet dann auch einen Ort, an dem man diese Art des „Widerstands“ feilbieten darf und dafür mit Groupies, lokalem Ruhm und vielleicht sogar einem lukrativen Plattendeal entlohnt wird. Die Musik ist glatter, eskapistischer, die Ecken und Kanten sind abgeschliffen. Aber ansonsten sind sich die Kids beider Filme erstaunlich ähnlich. Mit den an sie gestellten Ansprüchen sind sie massiv überfordert, lieber wollen sie auf der Bühne die Kuh fliegen lassen – und schon das Einräumen der Möglichkeit, dass das nicht langfristig funktionieren wird, erscheint ihnen als erster Schritt zur Niederlage –, als einem langweiligen Job nachzugehen, Die Zukunft ist noch weit weg, die Gegenwart ist der Ort, an dem sich das Leben abspielt. Sex, Drugs and Rock’n’Roll liefern die gewünschte Ablenkung von der Tristesse des Alltags. Was die Rocker aus Teil 2 von den Punks aus dem ersten Teil hingegen wesentlich unterscheidet, mehr als alle Oberflächenmerkmale, ist der Wunsch, einen Platz innerhalb der Gesellschaft zu finden: einen privilegierten zwar, einen, der es ermöglicht, „sein eigenes Ding“ zu machen und dank des Geldes auf Distanz zum Mittelmaß gehen zu können, aber dennoch einen, der es ermöglicht, dazuzugehören. Es gibt keine Verachtung, keinen Wunsch zu fliehen oder das verlogene System zum Teufel zu jagen.

Daher ist es auch kein Wunder, dass THE DECLINE OF WESTERN CIVILIZATION PART II: THE METAL YEARS viel vom „Business“ erzählt: Was braucht es, Rockstar zu werden, welche Fallen lauern auf dem Weg, welche Gefahren drohen, wenn man es geschafft hat? Wenn man den Veteranen Lemmy, Tyler, Perry, Simmons, Stanley oder Osbourne zuhört, merkt man, dass das „Rockstar-Sein“ auch nur ein Beruf ist, einer der viel Disziplin erfordert und dessen Verlockungen nur eine Entschädigung für die vielen Entbehrungen sind, die man auf sich nehmen muss, wenn man erfolgreich sein will. Der Traum ist in gewisser Hinsicht systemerhaltend. Er verspricht ein Leben außerhalb des Regelsystems, dabei wirft er einen umso stärker auf diese Regeln zurück. Man muss unweigerlich an Adorno denken und an das, was er einst zu den Preisausschreiben und Gewinnspielen geschrieben hat: Zu suggerieren, dass einer es schaffen kann, hält tausend andere bei Laune. Die Kids in THE DECLINE OF WESTERN CIVILIZATION PART II: THE METAL YEARS, die vom Leben als Rockstar träumen und an ihrer „Karriere“ stricken, können dem System keinen Schaden zufügen. Die dümmlichen Mädels, die an einem Miss-Wettbewerb teilnehmen, und sich dafür vor der Rocker-Jury in Unterwäsche auf dem Boden räkeln, sind ein noch schlagkräftigeres Beispiel: Die eine wünscht sich, die lockenden 1.000 Dollar Preisgeld in eine Eigentumswohnung zu investieren, die andere erhofft sich einen Bekanntheitsschub fürs „modelling“ und „actressing“. Hier ist das alles noch beinahe unschuldig, heute werden mit solchen Fantasien Millionen geschaufelt und das Versagen flächendeckend im Fernsehen ausgestrahlt.

Sehr bezeichnend für das angeblich ach so zersetzende Potenzial von Rockmusik und Metal ist der Blick, den eine Sozialbeamtin der (wieder einmal hinter der Kamera zurücktretenden) Interviewerin Spheeris zuwirft: Sie ist für ein Programm namens „De-Metalling“ verantwortlich, mit dem auffällig gewordene Metalkids vom „gefährlichen“ Metal weggeführt werden sollen. Ausführlich spricht sie über die Misogynie von Metal, von seiner Gewaltverherrlichung und seiner Vorliebe für den Satan. Allesamt schädliche Einflüsse auf die beeinflussbaren Kinderlein. Doch als sie gefragt wird, ob sie wirklich daran glaube, dass Ozzy den Teufel anbetet, kann sie sich ein Lachen kaum verkneifen. Aber natürlich kann sie auch nicht sagen, dass sie lediglich dazu da ist Nebelkerzen zu werfen, einen Eindruck zu wahren. Ein toller Film, einer der besten über Rockmusik, die ich kennen und der dank der Veröffentlichung auf Blu-ray hoffentlich seiner verdienten größeren Bekanntheit zugeführt wird.

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