furious 7 (james wan, usa 2015)

Veröffentlicht: September 7, 2015 in Film
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Man kann gar nicht oft genug betonen, welches Wunder die Entwicklung der FAST & FURIOUS-Reihe bedeutet. Mit den vergangenen beiden Installationen avancierte das Franchise endgültig zum Actionphänomen, das derzeit keine Konkurrenz hat. In keiner anderen Reihe wurde und wird so beherzt das Gaspedal durchgetreten – bildlich wie wörtlich –, keine andere ist so ungebremst kreativ in der Konzeption ihrer größenwahnsinnigen Action-Set-Pieces, keine andere hat dabei aber gleichzeitig eine solche Bodenhaftung. Man kommt für die Highspeed-Zerstörungsorgien und bleibt wegen Dom Toretto (Vin Diesel), Brian O’Connor (Paul Walker), Letty (Michelle Rodriguez) und ihrer Crew, die eigentlich eine große Familie ist. Zu dieser Familie gehörte seit dem grandiosen dritten Teil THE FAST AND THE FURIOUS: TOKYO DRIFT auch Regisseur Justin Lin, der für die Entwicklung der Reihe vom potenziellen DTV-Stoff hin zum Box-Office-Giganten maßgeblich verantwortlich war. Dass er sich nach dem sechsten Teil verabschiedete und der nun nicht gerade actionerprobte und generell streitbare James Wan ihn ersetzen sollte, durfte durchaus skeptisch stimmen. Was ein herber Schlag schien, wurde jedoch noch überschattet vom tragischen Unfalltod des erst 40-jährigen Paul Walker: Nun werden Schauspieler in Sequels immer wieder durch andere ersetzt, das ist das Geschäft. Aber für die FAST & FURIOUS-Reihe, die doch ganz wesentlich über die natürlich gewachsene Chemie zwischen ihren Protagonisten und eine jederzeit authentisch wirkende Kameradschaft funktionierte, war der Tod Walkers eine mittlere Katastrophe, dazu geeignet, das ganze Unternehmen entgleisen zu lassen. Dass FURIOUS 7 der Film geworden ist, der er ist, ist kaum angemessen zu würdigen. Nicht nur setzt er in puncto Action noch einmal einen auf die auch schon nicht gerade zurückhaltenden Vorgänger drauf, er schenkt dem viel zu jung verstorbenen, endlos sympathischen Walker einen wunderbaren Abschied, der noch einmal deutlich macht, worin der eigentliche Erfolg der Serie besteht: in ihrer Menschlichkeit.

Sicher, die Protagonisten sind allesamt keine komplexen Charaktere, zeichnen sich im Wesentlichen durch ein bis zwei markante Wesenszüge und Talente aus, mit denen sie das Kollektiv vervollständigen, das Beschwören von konservativen Werten wie Loyalität und Treue ist manchmal arg pathetisch und der Habitus des Ganzen eher prollig. Dom Toretto machte sich mit angewachsenem Wifebeater-Unterhemd und kiloschwerem Kettchen gut an jedem Autoscooter, die Musik bewegt sich in der Schnittmenge zwischen Eurodance und Hip-Hop, die Bilderwelt sieht bisweilen aus, wie aus dem Urlaubsprospekt entsprungen, und lediglich durchschnittlich attraktive Menschen sucht man gänzlich vergebens. Es ist nicht so, dass die Reihe immun gegen Kritik wäre, aber das ist ja auch gut so. Sie trägt ihr Herz offen am Revers, versucht nicht, sich als etwas auszugeben, was sie nicht ist, kommt vielmehr genauso so zum Ziel wie ihre Protagonisten: durch Einsatz, Herzblut, Kreativität und Teamgeist. Und so gelingt es ihr auch, es gleichzeitig vollkommen ernst zu meinen mit all dem PS-Overkill, den von Film zu Film unglaubwürdiger werdenden Stunts, den stoisch vorgetragenen One-Linern und albernen Witzchen (die meist auf das Konto von Tyrese Gibson gehen), der sich bis zum Ende unaufhörlich überbietenden Zerstörungsorgie und den warmherzigen Freundschaftsbekundungen, und sich trotzdem nie zu ernst zu nehmen. Ich weiß nicht, ob ich in den vergangenen Jahren bei einem anderen neuen Film so oft und so herzhaft gelacht habe wie bei FURIOUS 7. James Wan umarmt die Idee der sich ins Nirvana katapultierenden Überbietungslogik, scheißt auf Airbag, Seitenaufprallschutz und Antiblockiersystem und tritt das Gaspedal beherzt durchs Bodenblech in den dampfenden Asphalt. Da lassen sich die Helden mit ihren Autos an Fallschirmen aus einem Flugzeug fallen, um auf einer Gebirgsstraße einen Konvoi zu attackieren. Da springen Dom und Brian mit einem superteuren, superseltenen Rennauto von einem Hochhaus ins nächste und übernächste. Da werden die Kumpels von einer wild um sich ballernden Drohne durch die Straßenschluchten von Downtown L.A. gejagt. Da rast Dom aus einem hinter ihm einstürzenden Parkhaus über ein Rampe auf einen Hubschrauber zu, um midflight einen Rucksack mit Handgranaten an diesem zu befestigen. Tony Jaa läuft als fleischgewordener Spezialeffekt durch den Film und erinnert einen daran, wen man seit Jahren im Actionkino vermisst. Das Umsteigen einer Beifahrerin zwischen zwei sich in einer 360°-Schleuderbremsung umkreisenden Wagen ist dagegen schon fast als realistisch zu bezeichnen. Besonders absurd ist das alles, wenn man bedenkt, dass FURIOUS 7 aufgrund seines Ratings ohne echte Gewalt auskommt. Dass Menschen sterben, sieht man nie, und wie da Explosionen, metertiefe Stürze, Hochgeschwindigkeits-Unfälle und Ballereien überlebt werden, erinnert mehr als einmal an das selige A-TEAM, dessen Feinde auch stets mit Kopfschmerzen davonkamen, selbst wenn sie zuvor mit einer Handgranate in die Luft gejagt worden waren. Spätestens wenn zu guter letzt der den ganzen Film tatenlos mit einem Gipsarm im Krankenhausbett liegende Hobbs (Dwayne „The Rock“ Johnson) aufsteht, die Manschette durch Anspannen des Bizeps platzen lässt und mit einer Riesenkanone ballernd durch die Stadt läuft, ist alles aus. James Wans Film ist wish fulfillment für kleine Jungs und junggebliebene Erwachsene, ein zweieinhalbstündiges Fest, ein nicht enden wollender Adrenalinrausch. Und wenn am Ende Paul Walker verabschiedet wird, können auch die härtesten Kerle ein Tränchen nicht verkneifen. Noch nie war tearjerking schöner, herzergreifender, verdienter.

Dass James Wan es aber auch durchaus versteht, die kleinen Nuancen hinzubekommen, zeigt der großartige Anfang: Oberschurke Deckard Shaw (Jason Statham) steht da am Krankenhausbett seines Bruders und schwört Rache. Es ist ein unscheinbarer, intimer, ruhiger Moment, doch dann zieht die Kamera auf und zeigt, welche Zerstörung Deckard bereits hinterlassen hat, um die Besuchszeit wahrzunehmen. Wie Vern sagen würde: „Oh shit, it’s on.“ Das ist einfach überaus clever gemacht und stimmt einen für das, was kommt, optimal ein. FURIOUS 7 mag, wie die gesamte Serie, auf die niederen Instinkte, auf vordergründige Reize ausgerichtet sein, wenig subtil, sondern stattdessen immer frontal und überlebensgroß, aber er ist dabei niemals plump oder ungeschickt, sondern immer witzig und originell. Keine Ahnung, wie die das immer wieder hinbekommen. Man darf gespannt sein, wie es jetzt weitergeht und wie man den Verlust Walkers im nächsten Film ausgleicht. Nach FURIOUS 7 würde es mich aber fast schon wundern, wenn nicht auch das mit Bravour gelänge.

 

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Kommentare
  1. Tim sagt:

    Sehr, sehr gute Kritik.

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