mitchell (andrew v. mclaglen, usa 1975)

Veröffentlicht: September 7, 2015 in Film
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Ein Einbrecher wird von dem wohlhabenden, fiesen Anwalt Walter Deaney (John Saxon) auf frischer Tat ertappt und mit sadistischer Freude erschossen. Eine deponierte Scusswaffe soll die Polizei von einer Notwehrsituation überzeugen, aber der an den Tatort beorderte, noch hlab besoffene Cop Mitchell riecht den Braten. Sein Chef indessen will nicht, dass er sich am mächtigen Deaney vergreift und überträgt ihm stattdessen einen Observationsjob: Es wird nämlich vermutet, dass der Geschäftsmann Cummings (Martin Balsam) in Drogengeschäfte verwickelt ist. Mitchell nimmt den neuen Job an, denkt aber gar nicht daran, Deaney seinem Schicksal zu überlassen …

MITCHELL erlangte einen gemessen an seinem wahren Wesen reichlich überdimensionierten Ruf – er steht derzeit auf Platz 85 der „Bottom 100“ auf Imdb –, als er in der Reihe „Mystery Science Theater 3000“ gefeaturet wurde (in der ein laufender Film von zwei oder drei Kommentatoren verhohnepipelt wird). Wer sich auch nur ein wenig mit dem weltweiten Exploitationkino beschäftigt hat, weiß, dass es Tausende von Filmen gibt, gegen die MITCHELL wie ein ernsthafter Oscar-Anwärter aussieht. Gewiss ist McLaglens Film alles andere als eine Sternstunde der Kinogeschichte, erinnert eher an einen misslungenen Pilotfilm für eine Krimiserie, die dann nach enttäuschendem Zuschauerzuspruch abgesetzt wurde, aber er ist technisch routiniert gemacht und mit Baker, Balsam, Saxon und Evans adäquat besetzt. Was dem Film fehlt, ist neben einer etwas stringenter erzählten Story vor allem der „hook“. Bakers Mitchell ist einer der abgerissenen Cops, die im Gefolge von Siegels DIRTY HARRY reüssierten, aber er ist weder ein politischer Hardliner noch steht er mit einem Fuß in der Illegalität: Er ist ein Säufer und Gammler, ein schlechter Cop, aber dabei felsenfest von sich überzeugt, ein Arschloch, aber gleichzeitig eine Witzfigur. Am Ende ist er erfolgreich, aber er muss dafür einen wahren Amoklauf starten, in dessen Verlauf er alle, die mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind, auf ausgesprochen rabiat-entschlossene Art und Weise umbringt (der deutsche Untertitel EIN BULLE DREHT DURCH spricht Bände). Das ist dann auch der Höhepunkt des Films, der zuvor ähnlich unmotivert umhergetaumelt ist wie sein Hauptdarsteller.

Joe Don Baker ist in der Titelrolle sowohl die Hauptattraktion wie auch -problem, denn der Schauspieler schafft es mit seinem erratischen Spiel nicht, einem den Protagonisten wirklich nahezubringen. Vielleicht ist das aber auch nur höchst konsequent, denn für MItchell kann es keine Absolution geben. Für den No-bullshit-Cop, der es sagt wie es ist, ist er zu desinteressiert an allem, was über seinen kleinen Horizont hinausgeht, um seine Marotten als Subversion zu begreifen, findet er sich selbst zu geil, um ihn zu bemitleiden, ist er einfach viel zu jämmerlich. Und so spielt Baker ihn auch: Als selbstverliebten Hohlkopf ohne jeden moralischen Kompass, der grinsend durch die Welt stolpert und sich darauf verlässt, nirgendwo so doll anzustoßen, dass er sich bleibenden Schaden zuzieht. Manchmal sieht man ihm an, dass er sich gründlich verpokert hat und plötzlich Todesängste aussteht – etwa als ihm einer von Cummings‘ Männern mit der plötzlich gezückten Knarre das selbstgefällige Grinsen aus dem Gesicht zaubert – oder dass es mit der selbst behaupteten Abgezocktheit nicht weit her ist: Mitchell kann jedenfalls noch nicht einmal ein Wortgefecht mit einem 12-Jährigen Dreikäsehoch für sich entscheiden, ohne die Souveränität zu verlieren. Das macht MITCHELL interessant, auch wenn es für die große Begeisterung dann doch nicht reicht. Dazu wwerden die vorhandene Ansätze einfach nicht genug ausgearbeitet, alles bleibt Stückwerk. Man merkt dem Film einfach an, dass er ohne großen kreativen Plan, ohne echte Idee runtergekurbelt wurde. Das ist ein bisschen schade, weil man das Potenzial sieht, aber auch irgendwie endearing – so wie der folkpoppige Titelsong, der fragt: „My, my, my, my Mitchell/What would your mama say?“. Wer ein Faible für solche Seventies-Exploiter hat, legt auf diesen Vier-Punkte-Film so wie ich schon aus alter Verbundenheit mithin noch zwei bis drei Pünktchen drauf. Allein für den Amoklauf zum Finale …

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Kommentare
  1. Mitchell kann jedenfalls noch nicht einmal ein Wortgefecht mit einem 12-Jährigen Dreikäsehoch für sich entscheiden

    Highlight des Films. Kenne diesen nur aus der MYSTERY SCIENCE THEATRE 3000-Folge (und schon da/so war er für mich nur schwer erträglich).

  2. kiwi sagt:

    danke für den tip. habe mir den film extra wegen dem geilen plakat und deiner besprechung besorgt. mein fazit: asozial, aber sehr unterhaltsam und irgendwie eine schöne bereicherung meiner sammlung.

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