la règle du jeu (jean renoir, frankreich 1939)

Veröffentlicht: September 9, 2015 in Film
Schlagwörter:, , , ,

In meinem Text zu Renoirs humanistischem Meisterwerk LA GRANDE ILLUSION habe ich mich ein wenig an einem zeitgenössischen (und vielleicht nur als polemischer Entwurf in meinem Kopf existierenden) Meisterwerkverständnis abgearbeitet, um im direkten Vergleich die Brillanz des 1936er Antikriegsfilms herauszuarbeiten. LA RÈGLE DU JEU, Renoirs vielleicht noch größeres Masterpiece, das regelmäßig in den Top Ten von Beste-Filme-aller-Zeiten-Listen auftaucht, ist nun aber lustigerweise in vielerlei Hinsicht ein solch moderner Film: Die dekadente Feier der oberen Mittelklasse im ausladenden Landhaus des Marquis de la Cheyniest (Marcel Dalio) und seiner österreichischen Gattin Christine (Nora Gregor) sowie die gnadenlose Jagd auf Dutzende putziger Kaninchen, mit der sie sich die Zeit vertreiben, waren von Renoir, wenn auch nicht direkt als Kriegsallegorie, so doch als treffende Illustration eines mindsets entworfen, das den heraufziehenden Zweiten Weltkrieg mitermöglichte. Seine Charaktere, so sehr sie sich auch durch differenzierte Wesenszüge auszeichnen, sind in erster Linie Folien, Repräsentanten ihrer jeweiligen Schicht, und ihre Konstellation – die Spiegelung entlang der Trennlinie zwischen oberer Mittelklasse und Arbeiterklasse, der symmetrische Aufbau mit jeweils zwei sich gegenüberstehenden Dreiecksbeziehungen, als deren einziges Bindeglied Renoir selbst als clownesker Octave fungiert – ist von Renoir mit unverkennbar spitzer Feder und scharfem Verstand zur dramatischen Pointierung seiner Gesellschaftskritik entworfen. Während LA GRANDE ILLUSION – ein sicherlich kaum weniger akribisch konstruierter Film, machen wir uns nichts vor – in sich stets organisch und lebendig im Sinne von unvorhersehbar wirkt, ist LA RÈGLE DU JEU ein raffiniertes Puzzle, an dem der Vorwurf der Konstruiertheit nicht so leicht abprallt.

Wahrscheinlich ist es auch das, was die Zuschauer damals auf die sprichwörtlichen Barrikaden trieb und Renoirs Film – zu diesem Zeitpunkt die teuerste französische Filmproduktion aller Zeiten – zu einem solch katastrophalen Flop machte, den auch radikale Zensurkürzungen nicht mehr verhindern konnten: Die Verlogenheit und Amoralität der Protagonisten hätten sie ihm vielleicht noch verziehen; mir scheint, das eigentlich Schmerzhafte, Verletzende ist das Maschinelle, Mechanistische des Gesamtentwurfs, das einen zutiefst pessimistischen Künstler hinter dem Werk verrät. Für Renoir war ja schon bei LA GRANDE ILLUSION klargewesen, dass Europa sehenden Auges auf eine neue, noch größere Katastrophe zusteuerte, aber das Ende des Films ließ noch Hoffnung zu, ermöglichte es dem Publikum, für die der Kriegsgefangenschaft entkommenen Maréchal und Rosenthal eine glückliche Zukunft zu imaginieren. LA RÈGLE DU JEU lässt keine solche Fluchtperspektive mehr zu, er endet auf dem absoluten Nullpunkt, mit der blindwütigen Ermordung eines Unschuldigen und der kaltblütigen Erklärung, dass es sich „nur“ um einen Unfall gehandelt habe. Man will sich die Freude am rauschenden Fest auch durch einen Toten nicht vermiesen lassen. Renoir war durch den Misserfolg und die Art, wie das Publikum seinem Unmut Luft verschaffte, verletzt, hatte er doch eigentlich geglaubt, einen aller Kritik zum Trotz „vergnüglichen“ Film gedreht zu haben. Das ist er ohne Frage: Er ist komisch und vor allem nicht von jener ätzenden Verachtung für seine Figuren geprägt, die vergleichbare „Abrechnungen“ oft so schwer goutierbar macht. Wie Octave einmal sagt: „Jeder hat seine Gründe“, und in dieser Aussage entbirgt sich dann auch Renoirs humanistische Haltung. Aber die zeitliche Distanz zum Geschehen erleichtert es enorm, über den Affentanz, den die Protagonisten vollziehen, schmunzeln zu können und vor allem die unfassbare Kunstfertigkeit von Renoirs Regie zu bewundern. LA RÈGLE DU JEU verfügt über eine selten gesehene Musikalität in der Art wie sich Kamera und Akteure bewegen, wie die Szenen nahtlos ineinanderfließen oder kontrapunktische Schnitte gesetzt werden. Renoir schwebte bei der Konzeption eine Art Totentanz vor, und so lässt sich sein Film am besten beschreiben. Alle Figuren sind ständig in Bewegung, ihre Beziehungen in einem beständigen Wechselspiel begriffen, der Rhythmus des Films steigert sich von Minute zu Minute, bis schließlich das totale Chaos ausbricht und sich die Jagdszenen aus dem Mittelteil – nun unter Menschen – wiederholen.

Die komplexe Choreografie dieses Tanzes, der alle Räume des Landschlosses miteinbezieht, wird ermöglicht und begünstigt durch die viel gerühmte Tiefenschärfe-Fotografie – immerhin gut drei Jahre, bevor Orson Welles und sein Kameramann Gregg Toland für den Einsatz dieser Technik in CITIZEN KANE gepriesen wurden. Renoir nutzt den gesamten Bildraum aus, kontrastiert sich im Bildvordergrund abspielende Ereignisse mit solchen im Hintergrund, lässt mehrere Erzählstränge tatsächlich gleichzeitig auf verschiedenen Bildebenen ablaufen, anstatt sie durch den Schnitt voneinander zu trennen. Die Kamera bleibt den Figuren immer auf den Fersen, durchmisst mit ihnen die prunkvollen Säle, Zimmer und Flure des Schlosses, nur um sich dann irgendwann abzuwenden und dem nächsten zu folgen. Man kann kaum ermessen, wie viel Arbeit Renoir auf das sogenannte Blocking verwendet hat. Die Platzierung der Akteure im Raum, die Wege, die sie beschreiten: Nichts bleibt hier dem Zufall überlassen und es ist ein Wunder, dass es dem Regisseur nicht nur gelungen ist, den Überblick über die vielen handelnden Personen zu behalten und zu gewährleisten, dass sie immer zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort auftauchen, sondern auch den Eindruck eines zu wunderbarem Leben erwachten Barock-Gemäldes zu erwecken anstatt den eines autoritär-diktatorischen Figurengeschiebes. Diese Akribie war der Grund dafür, dass der ursprüngliche Drehplan nicht eingehalten werden konnte und die eh schon hohen Kosten für LA RÈGLE DU JEU explodierten, was wiederum das Ende der eben erst mit großen Ambitionen von Renoir gegründeten Produktionsfirma Nouvelle Édition Française (NEF) bedeutete (17 Jahre später wurde sie dann „reanimiert“). So sehr Renoir – und die Kritiker – den Film zunächst verflucht haben mögen: Die Arbeit hat sich gelohnt. LA RÈGLE DU JEU ist ein so überbrodend detailreicher Film geworden, dass man ihn nach einer Sichtung kaum auch nur annähernd erfassen kann. Renoir setzte 1939 einen Maßstab, an dem sich fortan messen lassen musste, wer sich „Meisterregisseur“ nennen wollte. Nicht allzu viele haben diese Hürde seitdem genommen. LA RÈGLE DU JEU indes sitzt immer noch weit oben im Olymp.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s