bis zur bitteren neige (gerd oswald, deutschland/österreich 1975)

Veröffentlicht: September 16, 2015 in Film
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Die große Zeit von Paul Jordan (Maurice Ronet) liegt 15 Jahre zurück. Damals verzauberte er das Publikum als gut aussehender Liebhaber in Leinwandromanzen und Musicals, nun lebt er vom Geld seiner Gattin Joan (Suzy Kendall), hat eine Affäre mit seiner Stieftochter Shirley (Susanne Uhlen), pflegt Depressionen und Alkoholsucht. Ein Comeback wäre genau das, was er braucht, aber man macht ihm wenig Hoffnung. Das Filmgeschäft hat sich verändert, und Jordans einstige Erfolge interessieren niemanden mehr. Doch dann gibt es tatsächlich ein Angebot: Unter der Regie von Arthur Fogosch (Balduin Baas) soll Jordan in Wien eine Hauptrolle übernehmen. Er nimmt das Angebot sofort an, doch Alkohol, Stress und die Gewissheit, seine Stieftochter geschwängert zu haben, treiben ihn an den Rand eines Nervenzusammenbruchs, den er mit allerhand Aufputschmitteln vermeiden will. Die Grenzen zwischen Realität und Halluzination beginnen zu verschwimmen.

Zwischen den seltsamen Polithrillern und Melodramen, die das Gros der von Luggi Waldleitner initiierten Simmel-Filme ausmachen, nimmt BIS ZUR BITTEREN NEIGE zumindest handlungstechnisch eine kleine Sonderstellung ein. Auch wenn die Schwelle zum Horrorfilm und Psychothriller nicht überschritten wird, so nähert sich Oswald diesen Genres doch merklich an. Es gibt blutige Schweineköpfe im Waschbecken, einen mad scientist (Rudolf Fernau), merkwürdige Koinzidenzen und schließlich eine Auflösung, die ein Standard des Mysterythrillers und der Schauerromantik ist. Das Schicksal Jordans, der angesichts der rätselhaften Vorgänge, die sonst niemand zu bemerken scheint, an seinem Verstand zu zweifeln beginnt, trägt zudem deutlich kafkaeske Züge. Es ist erstaunlich, dass sich BIS ZUR BITTEREN NEIGE trotz dieser „Abweichungen“ perfekt in das Simmel’sche Filmwerk einfügt. Ästhetisch und tonal bleibt nämlich alles beim Alten: Die Charaktere wirken steif und künstlich, über der Welt liegt ein bleicher Schleier, der auch alle Emotionen abdämpft, die Dialoge klingen wie die Grabreden trauriger Androiden, die zu viel Trivialliteratur studiert haben. Der Film ist nicht spannend, er lädt auch nicht zum Mitfühlen ein, vielmehr hält er den heutigen Betrachter auf Distanz, verschreckt ihn mit seinen kalten Bildkompositionen und den reglosen Totenmasken, die alle Darsteller zu tragen scheinen. Vielleicht ist BIS ZUR BITTEREN NEIGE der „reinste“ aller Simmel-Filme, derjenige, in dem das „Wesen“ der Simmel’schen Dichtung am deutlichsten zum Vorschein kommt, am wenigsten durch überkandidelte Plotkonstruktionen verdeckt wird.

Ohne jemals einen seiner Romane gelesen zu haben: Die Filme lassen Simmel als zynischen Narziss erscheinen, als Borderliner, der seinen aus den Fugen geratenen Emotionshaushalt hinter plattitüdenhafter Zeit- und Gesellschaftskritik rückwirkend zu motivieren versucht. Wie die Welt und die Menschen in den SImmel-Filmen gezeichnet werden, mag historisch durch die Umstände der auch als“bleierne Zeit“ bezeichneten Siebzigerjahre zu erklären sein, aber die Unfähigkeit, sich den Figuren gegenüber zu öffnen, sie zu verstehen oder gar sie zu schützen, lässt eine ganz individuelle Pathologie hinter den Stoffen vermuten. Einen Typen wie Jordan eben: einen kaum zu bemitleidenden Jammerlappen, dem es nicht gelingt, seinem Leben aus eigener Kraft neuen Sinn zu geben, der an jedem Konflikt zu zerbrechen droht, andere leichtfertig mit sich reißt – und am Ende des Films auch noch die Absolution erhält, weil seine intrigante Gattin ihn in den Wahnsinn treiben wollte. Das ist, wnn schon nicht gerade vergnüglich oder unterhaltsam, so doch höchst faszinierend, eigenwillig und bisweilen gar verstörend. Man kann zu den Simmel-Verfilmungen stehen wie man will (und es gibt einige verdammt gute Gründe, sie für ziemlich schrecklich zu halten): Sie sind in ihrer Verbindung zutiefst desillusionierter, bisweilen gar suizidaler, todessehnsüchtiger Weltsicht, melodramatischer Selbstverliebtheit und kommerziellem Massenanspruch absolut singulär. Deutschland in den Siebzigern muss wirklich das Grauen gewesen sein.

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