the decline of western civilization part lll (penelope spheeris, usa 1998)

Veröffentlicht: September 21, 2015 in Film
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the-decline-of-western-civilization-part-3-movie-poster-1998-1020447826Von diesem dritten und bislang letzten Beitrag zu Spheeris‘ einflussreicher Reihe habe ich erst im Zuge ihrer Blu-ray-Veröffentlichung erfahren: PART III feierte seine Premiere beim Sundance Festival, wo er mit dem „Freedom of Expression Award“ ausgezeichnet wurde, und lief danach unter anderem in Cannes. Einen regulären Kinoeinsatz oder auch nur eine Videoverwertung erfuhr der Film jedoch nicht, war mithin bislang nicht verfügbar. Das mag aus ökonomischer Sicht verständlich sein: Die gefeatureten Bands (Final Conflict, Naked Aggression, Litmus Green und The Resistance) besitzen wenig bis gar keine kommerzielle Strahlkraft und der Film kann daher auch fast 20 Jahre später anders als seine Vorgänger nicht für sich in Anspruch nehmen, ein wertvolles musikalisches Zeitzeugnis zu liefern. Die Musik ist aber sowieso eher Randerscheinung in Spheeris‘ Dokumentation, die mit ihrem Titel, der zuvor noch als ironische Appropriation gängiger Spießerurteile verstanden werden konnte, nun endgültig Ernst macht. PART III ist gewissermaßen das Ende einer in den vorangegangenen Einträgen (und in Spheeris‘ Spielfilm SUBURBIA) noch verhalten kreisenden Abwärtsspirale. Die Musiker in PART I verfügten in ihrem Zorn auf die Gesellschaft noch über einen gewissen intellektuellen Überbau, der sie erdete, bei den Metallern aus PART II: THE METAL YEARS spürte man jederzeit die eigentlich bürgerlich-materialistischen Tendenzen hinter der bloß oberflächlichen Rebellion. Doch die jugendlichen „Gutterpunks“, die mehr als die Musiker die Protagonisten von PART III sind, befinden sich nun tatsächlich und wahrhaftig außerhalb der Gesellschaft, auf abschüssigem Boden auf dem schnellsten Weg ins Verderben. Es ist schockierend, was man da zu sehen bekommt, und der Film endet dann auch mit der Hiobsbotschaft, die man die ganze Zeit über befürchtet.

Spheeris begleitet eine Clique jugendlicher, meist Anfang 20-jähriger Punks, lässt sie über ihren Alltag zwischen Vollrausch, Schnorren und der Suche nach dem nächsten Schlafplatz reden, über ihre Erfahrungen mit der Polizei, ihre Haltung zur Gesellschaft und natürlich über ihre Eltern. Nicht wenige schauen auf eine Missbrauchsvergangenheit zurück, entschieden sich aus freien Stücken für ein Leben auf der Straße oder wurden schlicht und ergreifend rausgeworfen. Was erschütternd ist, ist nicht nur die totale Ziellosigkeit, mit der sich die Kids durchs Leben schlagen, die völlige Unfähigkeit, sich irgendwie produktiv einzubringen, sondern auch die Nüchternheit, mit der sie ihre Perspektive einschätzen. „What will you be five years from now?“, fragt Spheeris mehrere. „Dead“, antworten die meisten von ihnen. Das ist keine Romantisierung, keine Angeberei. Alle haben Sie Freunde sterben sehen, alle wissen, dass ihr Lebensstil Gefahren mit sich bringt, dass man auf der Straße in der Regel nicht allzu alt wird. Zum Schluss passiert genau das: Das leerstehende Haus, in dem sich einige einquartiert haben, geht in Flammen auf, einer von ihnen schafft es nicht mehr rechtzeitig hinaus. Eine Schrifteinblendung informiert noch, dass „Squid“, ein gut gelaunter Saufbold, kurz nach den Dreharbeiten erstochen wurde, und dass „Spoon“, seine Freundin, auf den Urteilsspruch warte. Der „Family Spirit“, den sie alle beschwören, ist eben eine höchst unberechenbare Gestalt, vor allem wenn man sich ins Gedächtnis ruft, welche Erfahrungen sie bisher mit „Familie“ gemacht haben. Dass das mitten in den USA möglich ist, ist nichts weniger als erschütternd.

Ich hatte eben geschrieben, dass die Musik in PART III eher Randerscheinung sei. Das stimmt, aber dennoch meine ich, dass gerade das durchaus auch entscheidend ist. DIe Punks von Naked Aggression oder The Resistance haben eben etwas, was sie beschäftigt, was ihnen einen Weg vorzeichnet, ein Ventil für all die aufgestauten Aggressionen – auch wenn es ihnen keine wirtschaftliche Sicherheit bringt, so hält es sie doch bei geistiger Gesundheit. Die „Gutterpunks“ haben nichts außer viel zu viel Zeit, die im wahrsten Sinne des Wortes totgeschlagen werden muss. Alkohol und Drogen sind naheliegende Gehilfen, mit denen der Tag begonnen wird und endet. Diese Jugendlichen sind auf der Flucht und jedes innehalten ist schmerzhaft. Man sieht es manchmal in ihrem Gesicht und das sind die eindringlichsten Momente des Films. Der Blick des nach einem Autounfall querschnittsgelähmten Darius, der als Empfänger von Sozialhilfe als einziger eine Wohnung und deshalb jeden Tag Besuch seiner saufenden, sich zudröhnenden und kotzenden Kumpels hat. Er weiß wohl ganz genau, dass diese Freundschaften nichts wert sind, nichts bedeuten. Und trotzdem hängt er lieber mit diesen Leuten rum, als allein zu sein. Oder das kurze Blinken im Auge des gesichtstätowierten Missbrauchsopfers, das gesteht, sich einen schnellen Tod zu wünschen. „I’m not really happy in this life.“ Der Zerfall ist in vollem Gange und man fragt sich, wie wohl THE DECLINE OF WESTERN CIVILIZATION PART IV aussähe.

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