Archiv für September, 2015

Klang des Titels, Thema des Films, Darstellerriege und Stabliste – allen voran natürlich Produzent Luggi Waldleitner und Regisseur Alfred Vohrer – suggerieren sofort eine weitere Simmel-Verfilmung. Doch nach UND JIMMY GIG ZUM REGENBOGEN, LIEBE IST NUR EIN WORT und DER STOFF AUS DEM DIE TRÄUME SIND wurde statt eines weiteren Romans des deutschen Bestseller-Autoren die Adaption der Novelle „Der Schneesturm“ von Alexander Puschkin besorgt – nach dem bewährten Erfolgsrezept natürlich. Die größte Überraschung, die sich während der Betrachtung des Films einstellt, ist dann auch die Tatsache, dass sich UND DER REGEN VERWISCHT JEDE SPUR trotz aller beabsichtigten Gemeinsamkeiten von Vohrers Simmel-Verfilmungen deutlich abhebt. Ihn als wirklich guten Film zu bezeichnen, ginge indes zu weit. Ich würde jederzeit argumentieren, dass die Waldleitner-Simmels gerade in ihrer ästhetischen Unerträglichkeit sehr einzigartig und faszinierend sind und mit solchem eigentümlichen Reit kann UND DER REGEN VERWISCHT JEDE SPUR nicht wirklich mithalten. Aber das kann man durchaus auch positiv sehen: Die Charaktere sind – anders als die Simmel’schen Egomanen – lebendig, sympathisch oder aber wenigstens nachvollziehbar in ihrem Handeln, die Weltsicht ist nicht ausschließlich besserwisserisch-negativ, Humor ist tatsächlich möglich. Ja, man hat wirklich den Eindruck, dass die Geschichte auf gewissen menschlichen Erfahrungswerten basiert, dass sie nicht von einem Narziss erdacht wurde, der seine Mitmenschen wie Versuchsobjekte und die Welt wie eine Ameisenfarm betrachtet und seine Romane konstruiert wie Thesenpapiere.

Die Abiturientin Christine Luba (Anita Lochner) hat sich in den einige Jahre älteren französischen Studenten Alain (Alain Noury) verliebt. Die beiden sind ein Herz und eine Seele, doch Christines Vater (Wolfgang Reichmann) behagt die Verbindung der beiden überhaupt nicht. Christines Mutter Irene (Ruth-Maria Kubitschek) verließ ihn wegen seiner unerträglichen Eifersucht, die eigene Schwester (Eva Christian) betrachtet er aufgrund der Tatsache, dass sie alleinerziehend ist, wie eine Aussätzige. „Liebe“ ist für ihn ein überkommenes Konstrukt für hoffnungslose Träumer und der richtige Mann für seine Tochter muss vor allem über einen gewissen Status verfügen. Eine Verkettung schicksalhafter Zufälle führt Christine schließlich mit dem Industriellensohn Martin (Malte Thorsten) zusammen, den Luba sofort als seinen Schwiegersohn in spe betrachtet. Was zunächst niemand weiß: Martin hat einen tragischen Unfall verursacht, bei dem Alain sein Leben verloren hat …

Die tragisch verlaufende Doppel-Liebesgeschichte, an deren Ende Christine den schmerzhaften Verlust gleich zweier Liebhaber betrauern muss, ist auf dem Papier tatsächlich aus demselben Stoff, aus dem die Simmel-Träume sind. Die Handlung der Puschkin’schen Novelle wurde für UND DER REGEN VERWISCHT JEDE SPUR aus dem Russland des 19. Jahrhunderts ins Lübeck der Gegenwart verlagert, wo sich diesmal aber kein in der Midlife-Crisis gefangener Großbürger auf verzweifelte Sinnsuche begibt, sondern ein junges Mädchen gegen die überkommenen Vorstellungen der Elterngeneration ankämpfen muss. Die erste Hälfte von Vohrers Film widmet sich ganz der blühenden Liebe von Christine und Alain, verplempert die kostbare Erzählzeit geradezu leichtsinnig mit der Darstellung des jungen Glücks und erspielt sich mit solcher Sorglosigkeit einige Sympathiepunkte. Selbst der „Schurke“ des Films, Christines patriarchischer Vater, darf mit seinen Sorgen und Ängsten Mensch bleiben, auch wenn er am Stammtisch Puffgeschichten von rassigen „Negerinnen“ zum Besten gibt. Das Liebespärchen ist vielleicht eine Ecke zu sorglos, um wirklich als authentisch durchzugehen – angeblich orientierte man sich am US-amerikanischen Vorbild LOVE STORY, das kurz zuvor sämtliche Kassenrekorde gebrochen hatte –, aber das verzeiht man dem Film, für den Vohrer sich einige hübsche Kabinettstückchen hat einfallen lassen. Irgendwann versumpft UND DER REGEN VERWISCHT JEDE SPUR dann aber: Das Geschichtchen ist auffallend banal, mäandert ohne rechte Entscheidungsfreude dahin, sodass man sich unweigerlich fragt: What’s the point? Der erzählerische Clou, der darauf die Antwort liefert, die Entscheidung, den Zuschauer über den Verbleib Alains erst mittels einer verspäteten Rückblende aufzuklären, wirkt indes unangenehm gimmickhaft und unaufrichtig. Der Junge, der immerhin eine gute Stunde lang Identifikationsfigur für den Zuschauer war, hat eigentlich mehr Respekt verdient, als für einen eher preisgünstigen Drehbuchkniff verheizt zu werden. Man nimmt es aber so hin, weil die unerwartete Verwebung der drei Schicksale nach der Story aus dem Bravo-Beziehungsratgeber wenigstens einen Hauch von narrativer Finesse mit sich bringt.

Am Ende ist UND DER REGEN VERWISCHT JEDE SPUR ein unbefriedigender Film: Er ist zu gut, und ja: zu sympathisch, um ihn vehement zu verreißen, aber auch irgendwie zu egal, um sich wirklich für ihn einzusetzen. Es fehlen ihm die bizarren Momente, die Geschmacksentgleisungen, der Hang zum bodenlosen Melodram, das Suhlen im Morast der Siebziger, die die Simmel-Filme zum Teil zwar so abstoßend machen, denen es damit aber eben immerhin gelingt, wenigstens eine echte Emotion beim Betrachter zu evozieren. UND DER REGEN VERWISCHT JEDE SPUR st hingegen: Nett. Klassischer Fall von kann man gucken, muss man nicht.

the-decline-of-western-civilization-part-3-movie-poster-1998-1020447826Von diesem dritten und bislang letzten Beitrag zu Spheeris‘ einflussreicher Reihe habe ich erst im Zuge ihrer Blu-ray-Veröffentlichung erfahren: PART III feierte seine Premiere beim Sundance Festival, wo er mit dem „Freedom of Expression Award“ ausgezeichnet wurde, und lief danach unter anderem in Cannes. Einen regulären Kinoeinsatz oder auch nur eine Videoverwertung erfuhr der Film jedoch nicht, war mithin bislang nicht verfügbar. Das mag aus ökonomischer Sicht verständlich sein: Die gefeatureten Bands (Final Conflict, Naked Aggression, Litmus Green und The Resistance) besitzen wenig bis gar keine kommerzielle Strahlkraft und der Film kann daher auch fast 20 Jahre später anders als seine Vorgänger nicht für sich in Anspruch nehmen, ein wertvolles musikalisches Zeitzeugnis zu liefern. Die Musik ist aber sowieso eher Randerscheinung in Spheeris‘ Dokumentation, die mit ihrem Titel, der zuvor noch als ironische Appropriation gängiger Spießerurteile verstanden werden konnte, nun endgültig Ernst macht. PART III ist gewissermaßen das Ende einer in den vorangegangenen Einträgen (und in Spheeris‘ Spielfilm SUBURBIA) noch verhalten kreisenden Abwärtsspirale. Die Musiker in PART I verfügten in ihrem Zorn auf die Gesellschaft noch über einen gewissen intellektuellen Überbau, der sie erdete, bei den Metallern aus PART II: THE METAL YEARS spürte man jederzeit die eigentlich bürgerlich-materialistischen Tendenzen hinter der bloß oberflächlichen Rebellion. Doch die jugendlichen „Gutterpunks“, die mehr als die Musiker die Protagonisten von PART III sind, befinden sich nun tatsächlich und wahrhaftig außerhalb der Gesellschaft, auf abschüssigem Boden auf dem schnellsten Weg ins Verderben. Es ist schockierend, was man da zu sehen bekommt, und der Film endet dann auch mit der Hiobsbotschaft, die man die ganze Zeit über befürchtet.

Spheeris begleitet eine Clique jugendlicher, meist Anfang 20-jähriger Punks, lässt sie über ihren Alltag zwischen Vollrausch, Schnorren und der Suche nach dem nächsten Schlafplatz reden, über ihre Erfahrungen mit der Polizei, ihre Haltung zur Gesellschaft und natürlich über ihre Eltern. Nicht wenige schauen auf eine Missbrauchsvergangenheit zurück, entschieden sich aus freien Stücken für ein Leben auf der Straße oder wurden schlicht und ergreifend rausgeworfen. Was erschütternd ist, ist nicht nur die totale Ziellosigkeit, mit der sich die Kids durchs Leben schlagen, die völlige Unfähigkeit, sich irgendwie produktiv einzubringen, sondern auch die Nüchternheit, mit der sie ihre Perspektive einschätzen. „What will you be five years from now?“, fragt Spheeris mehrere. „Dead“, antworten die meisten von ihnen. Das ist keine Romantisierung, keine Angeberei. Alle haben Sie Freunde sterben sehen, alle wissen, dass ihr Lebensstil Gefahren mit sich bringt, dass man auf der Straße in der Regel nicht allzu alt wird. Zum Schluss passiert genau das: Das leerstehende Haus, in dem sich einige einquartiert haben, geht in Flammen auf, einer von ihnen schafft es nicht mehr rechtzeitig hinaus. Eine Schrifteinblendung informiert noch, dass „Squid“, ein gut gelaunter Saufbold, kurz nach den Dreharbeiten erstochen wurde, und dass „Spoon“, seine Freundin, auf den Urteilsspruch warte. Der „Family Spirit“, den sie alle beschwören, ist eben eine höchst unberechenbare Gestalt, vor allem wenn man sich ins Gedächtnis ruft, welche Erfahrungen sie bisher mit „Familie“ gemacht haben. Dass das mitten in den USA möglich ist, ist nichts weniger als erschütternd.

Ich hatte eben geschrieben, dass die Musik in PART III eher Randerscheinung sei. Das stimmt, aber dennoch meine ich, dass gerade das durchaus auch entscheidend ist. DIe Punks von Naked Aggression oder The Resistance haben eben etwas, was sie beschäftigt, was ihnen einen Weg vorzeichnet, ein Ventil für all die aufgestauten Aggressionen – auch wenn es ihnen keine wirtschaftliche Sicherheit bringt, so hält es sie doch bei geistiger Gesundheit. Die „Gutterpunks“ haben nichts außer viel zu viel Zeit, die im wahrsten Sinne des Wortes totgeschlagen werden muss. Alkohol und Drogen sind naheliegende Gehilfen, mit denen der Tag begonnen wird und endet. Diese Jugendlichen sind auf der Flucht und jedes innehalten ist schmerzhaft. Man sieht es manchmal in ihrem Gesicht und das sind die eindringlichsten Momente des Films. Der Blick des nach einem Autounfall querschnittsgelähmten Darius, der als Empfänger von Sozialhilfe als einziger eine Wohnung und deshalb jeden Tag Besuch seiner saufenden, sich zudröhnenden und kotzenden Kumpels hat. Er weiß wohl ganz genau, dass diese Freundschaften nichts wert sind, nichts bedeuten. Und trotzdem hängt er lieber mit diesen Leuten rum, als allein zu sein. Oder das kurze Blinken im Auge des gesichtstätowierten Missbrauchsopfers, das gesteht, sich einen schnellen Tod zu wünschen. „I’m not really happy in this life.“ Der Zerfall ist in vollem Gange und man fragt sich, wie wohl THE DECLINE OF WESTERN CIVILIZATION PART IV aussähe.

bitte-lasst-die-blumen-lebenKlausjürgen Wussow als schwerreicher französischer Top-Anwalt Charles Duhamel mit mondänem, akkurat geschnittenem Oberlippenbärtchen und Halstuch unter dem Hemd. Hannelore Elsner als seine ihre Enttäuschung über die vergeigte Schauspielkarriere im Suff ertränkende Gattin Yvonne. Ein unbemerkt überlebter Flugzeugabsturz als Weg, ein ganz neues Leben zu beginnen. Gerd Böckmann als Duhamels Kollege und Freund Balmont, der sich später natürlich als Schurke erweist. Birgit Doll als brave Hamburger Buchhändlerin Andrea Rosner, die Migrantenkindern Märchen vorliest und die triste Welt ein bisschen besser macht. Radost Bokel als ihre Tochter Patty, die mit vorsintflutlicher Beinschiene und demütigem Kulleraugenlächeln geduldig auf die teure Operation in Boston, Masschusetts wartet, nach der sie endlich wieder gehen können soll. Hans Christian Blech als fürsorglicher Opa Langenau, der Mama und Tochter gegen das Vorhaben eines kriminellen Immobilienhais schützt. Schließlich Rainer Basedow als besagter Schurke, der das Buchhandlungs- und Migrantenkinder-Glück mit seinen bösen Plänen zunichte machen will, aber die Rechnung ohne den Wussow gemacht hat. Simmel als lieber Gott, der die Schicksalsschläge gleich kübelweise über seine Abziehfiguren ausgießt, und Duccio Tessari als bemitleidenswerter Regisseur, der keine Chance hat, sich gegen den Achtzigerjahre-Schmalz und -Schmelz entscheidend durchzusetzen. Der Zuschauer – Leidensfähigkeit und Humor vorausgesetzt – immerhin als Gewinner der Herzen: Wer diesen Film mit intaktem Gemüt übersteht, braucht nichts mehr zu fürchten.

Mit BITTE LASST DIE BLUMEN LEBEN setzte Luggi Waldleitner seine Reihe von Simmel-Verfilmungen rund zehn Jahre nach BIS ZUR BITTEREN NEIGE fort. In der Zwischenzeit hatte Eichinger Roland Klicks LIEB VATERLAND MAGST RUHIG SEIN produziert, einige weitere Simmel-Romane waren fürs Fernsehen und das Kino adaptiert worden (darunter DIE WILDEN FÜNFZIGER von Peter Zadek, für den ursprünglich Rainer Werner Fassinder das Drehbuch geschrieben hatte). Waren Waldleitners Simmel-Filme zuvor for better or worse wie aus einem Guss gewesen (selbst Klicks Film fügte sich ästhetisch in den homogenen Korpus ein), sieht man BITTE LASST DIE BLUMEN LEBEN nun das nicht mehr ganz so neue Jahrzehnt an. Der graue Schleier, den RAF-Terror, Ölkrise und Vietnamkrieg sowie der immer noch nicht ganz verwehte Nazi-Dunst in den Siebzigern über die Bundesrepublik gelegt hatten, ist in Tessaris Film einem geschichtsfremden Materialismus, einem weitestgehend apolitischen Weltschmerz und hoffnungsloser Sentimentalität gewichen. Die Vision, die Waldleitner und Alfred Vohrer da auf Zelluloid gebannt hatten, war durchaus abscheulich und abstoßend, aber sie ließ sich immerhin noch als künstlerische Reflexion sowohl der „bleiernen Zeit“ als auch der Simmel-Prosa verstehen. BITTE LASST DIE BLUMEN LEBEN nun verhält sich überhaupt nicht mehr zu Welt, vielmehr kommt in ihm eine naive Fluchtmentalität zum Vorschein, für die schleimtriefender Eskapismus und hoffnungslose Gefühlsduselei ideale Ausdrucksformen sind.

Der Anwalt Duhamel hat keinen Bock mehr auf sein nervtötendes Eheweib, aber auch keinen auf den ganzen Scheidungsstress (selbstgerechtes Arschloch, das er ist, gibt er sich natürlich selbst die Schuld für die Sucht seiner Frau), also nutzt er die sich wie ein Wink des Himmels mit dem Zaunpfahl bietende Gelegenheit, mit seinem beiseite geschafften Vermögen eine neue Existenz aufzubauen. Wussow, in dessen großonkelhaft-selbstzufriedene Visage man den ganzen Film über einen großen Pott extraheißen Kaffee Hag schütten will, legt seinen Staranwalt indes nicht als egoistischen Feigling an, sondern als tragisches Opfer besonders gemeiner Umstände, dem man den konfliktscheuen Ausweg von Herzen gönnen soll. Und damit er in seiner erstaunlich schnell entbrannten neuen Leidenschaft für die Buchhändlerin Andrea nicht allzu herzlos und notgeil aussieht – er eröffnet ihr in einem Anflug von herrschsüchtiger Romantik gleich beim ersten längeren Date, dass er fortan „jede Nacht“ mit ihr zu verbringen gedenke –, wird aus dem verglichen mit seiner Yvonne nur wenig glamourösen Mauerblümchen eine wahre Heilige mit Märtyrerqualitäten, gegen die sich Jeanne D’Arc und Mutter Theresa ausnehmen wie hedonistische Partyluder. Man kann es kaum glauben, auf welch billige und vor allem vorhersehbare Art und Weise man als Zuschauer manipuliert wird: Da gibt es eine Sequenz, in der die Migrantenkinder, denen Andrea deutsche Märchen vorzulesen pflegte, nacheinander mit entrücktem Lächeln ihren Laden betreten und ihr jeweils aus Dankbarkeit eine Topfpflanze überreichen. Tessari quittiert diesen geschmacklichen Terroranschlag zu allem Überfluss mit Gegenschnitten auf die gerührt grienenden Gesichter von Wussow, Blech und Bokel. Letztere wird von Tessari instrumentalisiert, dass es fast einem Fall von Kindesmissbrauch gleichkommt. Ihre Patty könnte jeden Kinderhasser zum Großfamilienvater konvertieren, wie sie da den ganzen Film über genügsam auf ihrer Treppenstufe sitzt, ohne einen Mucks zu machen, oder mit ihrer verstörend hässlichen Clownspuppe im Bett liegt und goldig-naive Kinderfragen stellt. Am Ende, als die grundgute Andrea vom Herrgott abberufen wurde, und der traurig wie ein Hund aus der Wäsche guckende Duhamel in ihrer Buchhandlung den alten Zeiten nachhängt, macht der Auftritt der nun gesundeten Patty alles wieder gut. Illuminiert wie ein Engel tritt sie im Schulmädchenkostüm (ohne Schiene) in das staubige Etablissement und zaubert sofort ein güldenes Licht in die Tristesse und ein glückliches Lächeln auf des Anwalts Gesicht. Die Gedanken, die mir durch den Kopf zuckten, sind nicht druckreif, aber sie kommen angesichts der durch und durch asexuellen, aspirituellen, anti-intellektuellen Atmosphäre des Films sicher nicht von ungefähr. Man sagt den Achtzigerjahren nach, ein steriles Plastikjahrzehnt gewesen zu sein: BITTE LASST DIE BLUMEN LEBEN dient als Beleg dafür, beweist aber gleichzeitig, dass unter der polierten Oberfläche immer noch derselbe Ranz wie zuvor verborgen ist. Es ist ein unerträglicher Film, der einen mit seinen klebrigen Fingern zu sich hinabziehen will, der aber – wie der böse Onkel mit den Gummibärchen – mit seinem Mundgeruch und den Spermaflecken auf der Hose niemanden täuschen kann. Ein durch und durch faszinierendes Machwerk, über dessen Dreistigkeit und Impertinenz ich mehr als einmal laut gelacht habe. Und der Titelsong von Frank Duval schlägt dem Fass endgültig den Boden aus.

liebvaterlandWestberlin, 1964: Der Unternehmer Fanzelau (Georg Marischka) schleust durch einen Tunnel Fachkräfte aus dem Osten in den Westen und verdient sich damit eine goldene Nase. Das DDR-Regime bekommt jedoch Wind davon und schickt den kriminellen Bruno (Heinz Domez) nach „drüben“, um Fanzelau zu entführen. In Wahrheit verfolgt Bruno einen eigenen Plan: Er will sich im Westen eine neue Existenz aufbauen und berichtet deshalb dem Kriminalbeamten Prangel (Günter Pfitzmann) von seinem Auftrag. Um die Drahtzieher hinter der Entführung zu enttarnen, soll Bruno mit seinem Freund und Partner Knarge (Rolf Zacher) zunächst alles wie geplant durchführen …

Es ist keine ganz große Überraschung, dass die beste Simmel-Verfilmung von Roland Klick stammt und überdies nicht on Luggi Waldleitner, sondern von Bernd Eichinger produziert wurde. Der melodramatische Mief und die chloroformierte Bräsigkeit, die Filme wie DIE ANTWORT KENNT NUR DER WIND, ALLE MENSCHEN WERDEN BRÜDER oder GOTT SCHÜTZT DIE LIEBENDEN zu solch schwer verdaulichen – aber natürlich trotzdem ziemlich interessanten und vor allem unverwechselbaren – Psychokampfstoffen machte, ist in VATERLAND wenn schon nicht gänzlich abwesend, so doch in verträgliche Bahnen gelenkt. Gleiches gilt für den Simmel’schen selbstmitleidigen Defätismus, der einen zuvor stets fragen ließ, warum sich seine Figuren nicht schon nach zehn Minuten in den Massenselbstmord stürzten und dem Treiben ein gnädiges Ende bereiteten. In diesem Politthriller, in dem der kleine Taugenichts Bruno zwischen den Fronten von Ost und West gnadenlos aufgerieben wird, weiß man indessen, wie man ihn einzuordnen hat: Das Individuum ist nichts wert, jeder Glaube daran, dem System ein Schnippchen schlagen zu können, naive Träumerei. Am Ende nutzen die Medien die publikumswirksame Story vom Kriminellen, der sich gegen den kommunistischen Feind auflehnt und dabei noch die Geliebte verliert, für eine schöne Titelseite, doch haben sie kein Problem damit, ihren „Helden“ damit gleichzeitig dem Gesetzes zu überantworten. Statt Freiheit und Wohlstand wandert Bruno für zehn Jahre in den Bau, für einen Bruch, der eigentlich längst vergessen war.

Klick verbindet den Berliner Lokal- und Zeitkolorit – obwohl LIEB VATERLAND MAGST RUHIG SEIN im Jahr 1964 spielen soll, erkennt man doch überdeutlich die depressiven Siebziger in ihm – mit Anleihen aus dem Gangsterfilm: Wenn der gutgläubige Bruno meint, die Geheimdienste gegeneinander ausspielen zu können, voller Selbstsicherheit die ersten großen Scheine gegen einen feinen Zwirn eintauscht, fühlt man sich in die amerikanischen Schwarzweiß-Klassiker der Dreißigerjahre versetzt, an die Geschichten vom schnellen Aufstieg und tiefen Fall seiner Antihelden erinnert. So schafft es Klick die Holzhammer-Gesellschafts- und -Politkritik Simmels mit altbekannten Genrefilmelementen gewissermaßen aufzufangen und abzufedern. Mehr als eine klischeehafte Auseinandersetzung mit Kaltem Krieg und der Situation im geteilten Berlin wird LIEB VATERLAND MAGST RUHIG SEIN zum genuin deutschen Crime-Drama vor historischem Hintergrund. Die abgerissenen Häuser Berlins, seine schäbigen, verrauchten Pinten und Nachtlokale, die Menschen mit den fahlen Gesichtern, grauen Mänteln und der berühmten Schnodderschnauze geben ein wunderbares Ambiente für eine Geschichte ab, in der alle auf eigene Rechnung arbeiten und so erst den Status quo zementieren. LIEB VATERLAND MAGST RUHIG SEIN ist nicht weniger deprimierend als andere Simmelfilme, aber das Herz ist ihm noch nicht ganz erkaltet. Er hat einen Bruno, mit dem wir mitfühlen können.

Mit meinem MIssfallen für Brad Birds Vorgänger, MISSION: IMPOSSIBLE – GHOST PROTOCOL stehe ich, wie ich kürzlich festgestellt habe, ziemlich allein dar. Na gut, wenn man vollkommen spannungslos inszenierte Actionsequenzen und Soap-Opera-Humor auf der großen Leinwand mag, ist  der vierte Teil wahrscheinlich wirklich brillant. (Sorry, der musste sein.) Mir mundet McQuarries neuester Serien-Beitrag wesentlich besser, weil man zum ersten Mal seit J. J. Abrams drittem Teil wieder das Gefühl hat, dass wirklich etwas auf dem Spiel steht. Schüsse und Fausthiebe krachen überaus schmerzhaft und Superagent Ethan Hunt (Tom Cruise) riskiert mal wieder mehr als nur den perfekten Sitz seiner Frisur. Zu behaupten, ROGUE NATION sei „realistisch“, setzte zwar ein reichlich naives Realitätsverständnis voraus, auch dieser Film bewegt sich in einem Comic-Paralleluniversum, in dem man sich mit bloßen Händen an startende Flugzeuge hängt oder bei 250 Sachen vom Motorrad abspringt, ohne sich einen Kratzer zu holen, aber insgesamt ist die Inszenierung wieder deutlich körperlicher. Sean Harris gibt als Solomon Lane, abtrünniger Kopf einer Terrororganisation, die die Weltordnung stürzen will, einen wunderbar bedrohlichen Schurken, ohne dabei auf Augenrollen und Zähnefletschen zurückgreifen zu müssen. die Schwedin Rebecca Ferguson ein sinnliches Love Interest Ilsa Faust, das sein Mysterium bis zum Ende bewahren darf. Gut, ich wäre auch diesmal wieder gut ohne den erneut eine Nummer zu breiten Humor ausgekommen, aber das mag auch an den EInfaltspinseln in der Reihe hinter uns gelegen haben, die jeden noch so zarten Witz mit schallendem Gelächter kurz vor dem Zwerchfellriss quittiert haben. Wenn man schon ins Kino geht, dann muss eben der maximale Spaß aus dem „Event“ gezogen werden, auch wenn es einen reichlich verzweifelt aussehen lässt.

Diese neuen Ambitionen in Richtung Vollbedienungs-Entertainment – die ersten drei MISSION: IMPOSSIBLE-Filme waren ja eher ernste Angelegenheiten – passen natürlich zu den Action-Set-Pieces, die schon in De Palmas erstem Teil zur Science Fiction tendierten, stehen aber m. E. im Widerspruch zu den in McQuarries Film wieder stärker zu vernehmenden Politthriller-Tendenzen. Nicht, dass McQuarrie an jenem unterkühlten Stil gelegen wäre, der besonders in den Siebzigern typisch war, aber jenseits der fantasievoll-spinnerten Heist-Szene – seit dem ersten Teil ein Muss – beharken sich die verfeindeten Parteien vor allem über jene Psychospielchen und Täuschungsmanöver, die seit jeher die Spezialwaffe des Geheimagenten sind. So drosselt der Regisseur das Tempo im letzten Drittel merklich, nachdem ROGUE NATION zuvor der viel zitierten Achterbahnfahrt glich. Vielleicht das größte Manko des Films: Er weiß am Schluss keinen mehr oben drauf zu setzen und der eigentliche Höhepunkt – die direkte Auseinandersetzung mit dem Schurken – mutet antiklimaktisch an. Andererseits würde ich das eher als schöpferische Eigenheit, denn als Manko verbuchen wollen. McQuarries größte Leistung ist es wahrscheinlich, ein Franchise-Movie gedreht zu haben, das den „Auteur“ dahinter noch erkennen lässt, nicht zur anonymen, am Marketing-Reißbrett entstandenen Massenware verkommt. Man mag von Tom Cruise halten, was man will: Als Produzent scheint er ein überaus fähiger, integrer Mann zu sein und seine Actionfilme – siehe auch den von McQuarrie gescripteten EDGE OF TOMORROW – bringen frischen Wind ins Hollywood- und Marvel-Einerlei.

Die große Zeit von Paul Jordan (Maurice Ronet) liegt 15 Jahre zurück. Damals verzauberte er das Publikum als gut aussehender Liebhaber in Leinwandromanzen und Musicals, nun lebt er vom Geld seiner Gattin Joan (Suzy Kendall), hat eine Affäre mit seiner Stieftochter Shirley (Susanne Uhlen), pflegt Depressionen und Alkoholsucht. Ein Comeback wäre genau das, was er braucht, aber man macht ihm wenig Hoffnung. Das Filmgeschäft hat sich verändert, und Jordans einstige Erfolge interessieren niemanden mehr. Doch dann gibt es tatsächlich ein Angebot: Unter der Regie von Arthur Fogosch (Balduin Baas) soll Jordan in Wien eine Hauptrolle übernehmen. Er nimmt das Angebot sofort an, doch Alkohol, Stress und die Gewissheit, seine Stieftochter geschwängert zu haben, treiben ihn an den Rand eines Nervenzusammenbruchs, den er mit allerhand Aufputschmitteln vermeiden will. Die Grenzen zwischen Realität und Halluzination beginnen zu verschwimmen.

Zwischen den seltsamen Polithrillern und Melodramen, die das Gros der von Luggi Waldleitner initiierten Simmel-Filme ausmachen, nimmt BIS ZUR BITTEREN NEIGE zumindest handlungstechnisch eine kleine Sonderstellung ein. Auch wenn die Schwelle zum Horrorfilm und Psychothriller nicht überschritten wird, so nähert sich Oswald diesen Genres doch merklich an. Es gibt blutige Schweineköpfe im Waschbecken, einen mad scientist (Rudolf Fernau), merkwürdige Koinzidenzen und schließlich eine Auflösung, die ein Standard des Mysterythrillers und der Schauerromantik ist. Das Schicksal Jordans, der angesichts der rätselhaften Vorgänge, die sonst niemand zu bemerken scheint, an seinem Verstand zu zweifeln beginnt, trägt zudem deutlich kafkaeske Züge. Es ist erstaunlich, dass sich BIS ZUR BITTEREN NEIGE trotz dieser „Abweichungen“ perfekt in das Simmel’sche Filmwerk einfügt. Ästhetisch und tonal bleibt nämlich alles beim Alten: Die Charaktere wirken steif und künstlich, über der Welt liegt ein bleicher Schleier, der auch alle Emotionen abdämpft, die Dialoge klingen wie die Grabreden trauriger Androiden, die zu viel Trivialliteratur studiert haben. Der Film ist nicht spannend, er lädt auch nicht zum Mitfühlen ein, vielmehr hält er den heutigen Betrachter auf Distanz, verschreckt ihn mit seinen kalten Bildkompositionen und den reglosen Totenmasken, die alle Darsteller zu tragen scheinen. Vielleicht ist BIS ZUR BITTEREN NEIGE der „reinste“ aller Simmel-Filme, derjenige, in dem das „Wesen“ der Simmel’schen Dichtung am deutlichsten zum Vorschein kommt, am wenigsten durch überkandidelte Plotkonstruktionen verdeckt wird.

Ohne jemals einen seiner Romane gelesen zu haben: Die Filme lassen Simmel als zynischen Narziss erscheinen, als Borderliner, der seinen aus den Fugen geratenen Emotionshaushalt hinter plattitüdenhafter Zeit- und Gesellschaftskritik rückwirkend zu motivieren versucht. Wie die Welt und die Menschen in den SImmel-Filmen gezeichnet werden, mag historisch durch die Umstände der auch als“bleierne Zeit“ bezeichneten Siebzigerjahre zu erklären sein, aber die Unfähigkeit, sich den Figuren gegenüber zu öffnen, sie zu verstehen oder gar sie zu schützen, lässt eine ganz individuelle Pathologie hinter den Stoffen vermuten. Einen Typen wie Jordan eben: einen kaum zu bemitleidenden Jammerlappen, dem es nicht gelingt, seinem Leben aus eigener Kraft neuen Sinn zu geben, der an jedem Konflikt zu zerbrechen droht, andere leichtfertig mit sich reißt – und am Ende des Films auch noch die Absolution erhält, weil seine intrigante Gattin ihn in den Wahnsinn treiben wollte. Das ist, wnn schon nicht gerade vergnüglich oder unterhaltsam, so doch höchst faszinierend, eigenwillig und bisweilen gar verstörend. Man kann zu den Simmel-Verfilmungen stehen wie man will (und es gibt einige verdammt gute Gründe, sie für ziemlich schrecklich zu halten): Sie sind in ihrer Verbindung zutiefst desillusionierter, bisweilen gar suizidaler, todessehnsüchtiger Weltsicht, melodramatischer Selbstverliebtheit und kommerziellem Massenanspruch absolut singulär. Deutschland in den Siebzigern muss wirklich das Grauen gewesen sein.

Bei den Dreharbeiten zu THE HUNTER zeigte McQueen schon erste Symptome der Krebserkrankung, die ihn ein knappes Jahr nach den Dreharbeiten das Leben kosten sollte. Er hatte gegen Ende der Siebziger Jahre etwas „angesetzt“ und war deutlich gealtert, bei den meisten Stunts des Films wurde er demzufolge gedoubelt. DIe Kollegen, die ihn von früher kannten – zusammen mit Kulik hatte McQueen in den Fünfzigerjahren fürs Fernsehen gearbeitet – bemerkten eine ungewohnte Ruhe und Entspanntheit bei dem sonst für seinen Ehrgeiz und diverse Marotten bekannten Schauspieler. Und man meint, dass diese Haltung auch im fertigen Film zu spüren ist. THE HUNTER fühlt sich leicht an, positiv, versöhnlich. Als zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehbarer Schlusspunkt unter McQueens Werk  ist er gleichermaßen unspektakulär wie perfekt. Er zeigt einen Schauspieler, der nichts mehr zu beweisen hat, sein eigenes Macho-Image mit einer altersweisen Ironie persifliert und den Staffelstab am Ende symbolisch an die nächste Generation weitergibt. McQueen verabschiedete sich nicht mit einem Knall von der Leinwand, sondern mit Demut. Seine Zeit war vorbei, in den Achtzigern sollte ein neuer Männer- und Heldentypus die Kinos erobern.

Es mag angesichts des humorvollen Tons von THE HUNTER nicht direkt eingängig sein, aber der Film stellt durchaus eine konsequente Fortführung der in TOM HORN angerissenen Themen dar. Schon die einleitenden Erklärungen zum Beruf des Kopfgeldjägers kennzeichnen den Protagonisten Ralph „Papa“ Thorson (Steve McQueen) als Relikt, als Westernheld, der sich in die Gegenwart verlaufen hat.  Seinen Witz bezieht der episodisch um die verschiedenen Aufträge des real existierenden Thorsons strukturierte Film dann auch aus der Gegenüberstellung des konservativen Helden mit den Herausforderungen der Moderne. Mit Technik hat er nichts am Hut, den Sportwagen, den er einmal mietet, beherrscht er nur mit Mühe und Not und am liebsten schraubt er an den alten Stücken seiner Spielzeugsammlung herum. Mit der Waffe auf der Jagd nach flüchtigen Kriminellen ist er absolut souverän, im Schwangerschaftsvorbereitungskurs seiner Freundin Dotty (Kathryn Harrold) stößt er jedoch an seine Grenzen. Mehr als mit seinen Actionszenen – die finale Verfolgungsjagd galt damals als einer der längsten – sind diese komischen Szenen das Herz des Films, das, was am Ende bleibt. Nicht das Duell des mit einem Mähdrescher zwei Halunken hinterherfahrenden Thorsons, nicht das waghalsige Gekletter auf einem rasenden Zug, nicht die diversen Keilereien, sondern das Bild des werdenden Vaters, der bewusstlos an der Rezeption des Krankenhaus liegt, oder das Freeze Frame, mit dem THE HUNTER endet: Thorson, der sein neugeborenes KInd auf dem Arm hält und es anlächelt, sich nun ganz und gar einer neuen Aufgabe widmen wird, der vielleicht größten seines Lebens. Es ist ein vortreffliches Schlussbild für McQueens Karriere. Man mag ihn eher am Steuer eines Sportwagens in Erinnerung behalten, mit kalt funkelndem Blick, aber er konnte viel, viel mehr.