das ewige leben (wolfgang murnberger, österreich/deutschland 2015)

Veröffentlicht: Oktober 3, 2015 in Film
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Wie sehr ich den Brenner vermisst habe, habe ich erst gemerkt, als DAS EWIGE LEBEN dann endlich in meinem Player rotierte. Die mittlerweile vierteilige Film-Reihe ist gleich in zweierlei Hinsicht ein Glücksfall für den deutschsprachigen Film: zum einen, weil der lakonische Humor, geprägt durch den tiefenentspannten Eigenbrötler Brenner (Josef Hader) – so eine Art österreichischer Big Lebowski -, in hiesigen Gefilden eine wohltuende Abwechslung zum aufgekratzten Klamauk-Halligalli bedeutet, zum anderen, weil es dem Filmemacher mithilfe seines Hauptdarstellers und Wolf Haas, dem Autor der schlicht brillanten Romanvorlagen, gelungen ist, die eigentlich unverfilmbaren Bücher adäquat ins Medium Film zu übertragen, ohne dass dabei das, was sie in erster Linie auszeichnet, verloren ginge. Mehr noch: Sie fügen dem Leseerlebnis noch eine weitere Facette hinzu, dürfen als wunderbare visuelle Ergänzung verstanden werden.

Der Clou der Brenner-Romane ist ihre Erzählstimme: ein in einer unverwechselbaren Mischung aus Dialekt, Soziolekt und eigenwilligem Wortwitz parlierendes Original, das den Leser an eine Theke versetzt, wo er sich dem unwiderstehlichen Redefluss eines Fremden ausgesetzt sieht, der den Brenner in- und auswendig zu kennen scheint. Die Narration ist gespickt mit weit hergeholten, aber hoch pointierten Vergleichen, putzigen Redewendungen, unerwarteten Exkursen und Ausflügen in die Gossenphilosophie. Die Filme stehen vor der eigentlich unlösbaren Aufgabe, diesen Erzähler zu eliminieren, seinen Humor aber in die Handlung zu integrieren. Das gelang bislang bravourös, weil Haas spannende Stories aus dem Redefluss der Erzählers herausfilterte und Josef Hader die Figur des Ex-Polizisten, den man in den Büchern nur vermittelt kennen lernt, zu einem rundum glaubwürdigen, sympathischen Charakterkopf formt, der zudem den Witz des Dampfplauderers vom Kneipentresen absorbiert zu haben scheint. Für die Adaption des sechsten Brenner-Romans „Das ewige Leben“ (mittlerweile gibt es acht) stand das Drehbuch-Autorentrio aus Murnberger, Haas und Hader allerdings vor einem zusätzlichen Problem: Mit dem Verzicht auf die Erzählstimme geht ihnen auch eine handelnde Figur verlustig, die zum Höhepunkt des Romans selbst ins Geschehen eingreift, ihre Identität endlich preisgibt.

DAS EWIGE LEBEN unterscheidet sich von den vorangegangenen skurrilen Brenner-Verfilmungen – KOMM, SÜSSER TOD, SILENTIUM und DER KNOCHENMANN – durch seine sentimentalen Untertöne. Brenner ist nicht mehr nur der außenstehende Ermittler, er ist selbst in einen Fall involviert, der ihn mit seiner eigenen Vergangenheit, alten Freunden und verdrängten Fehltritten konfrontiert. Hader hatte seinen Brenner schon in den vorigen Filmen als enttäuschten, resignierten, knurrig gewordenen Träumer und Idealisten angelegt und dieser Wesenszug rückt nun ins Zentrum des Films. Gleich zu Beginn bekommt er die Quittung für seinen unsteten Lebenswandel, als ihm auf dem Sozialamt das berufliche Totalversagen bescheinigt wird und er Armut und Obdachlosigkeit nur entrinnen kann, weil ihm das leerstehende Häuschen der Eltern im verhassten Puntigam, einem Stadbezirk von Graz, einfällt. Das Haus ist mit „sanierungsbedürftig“ noch freundlich umschrieben und die prekären Umstände des von heftigen Migräneattacken geplagten Brenner führen ihn endgültig auf den Nullpunkt: Dass er den Kopfschuss, den er sich verpasst, überlebt, ist unverschämtes Glück und bietet ihm die Gelegenheit, ein nicht abgeschlossenes Kapitel seiner Jugend zu schließen. Tobias Moretti überzeugt als Brenners alter Freund und Nemesis nach DAS FINSTERE TAL zum zweiten Mal in einer Schurkenrolle. Christoph Waltz nichts dagegen.

Auch DAS EWIGE LEBEN ist wieder ein Genuss, knochentrocken und doch warmherzig, weise, ohne altklug zu sein, intelligent, ohne sich aber die ein oder andere beherzte Albernheit zu verbieten. Vermisst habe ich vielleicht den Sense of Place, der die Vorgänger so lebendig gemacht hatte: Graz ist ein etwas austauschbarer Schauplatz und über Puntigam erfährt man fast gar nichts. Dafür ist DAS EWIGE LEBEN, ganz unabhängig von seinem Brenner-Kontext, ein ungemein schöner Film über das Altern, weil er sich traut, den auf Raten vollzogenen Abschied von der Jugend und den damals gehegten Hoffnungen als traurigen und auch furchteinflößenden Prozess zu zeigen, anstatt ihn hemmungslos zu romantisieren. DAS EWIGE LEBEN ist schmerzhaft und „schonungslos“ in seiner Darstellung eines ins Nichts laufenden Lebenswegs, aber er ist niemals deprimierend oder gar depressiv. Man muss sich den Brenner, dieses menschgewordene Schulterzucken, tatsächlich als glücklichen Menschen vorstellen.

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Kommentare
  1. lance sagt:

    Eine Überleitung vom Roman zum Film ist imho durch die einleitenden Over-Voice-Anmerkungen im DAS EWIGE LEBEN prima gelungen. Der Anfang des Films ist auch der einzige Zeitpunkt, an dem dieses Stilmittel Verwendung findet.
    Noch eine Anmerkung: Ich habe mir sagen lassen, dass von den hunderten cinematografischen Großproduktionen weltweit, in welchen Katzen mitspielen, dies einer der wenigen Filme sei, in dem die tierische Darstellerin namentlich in den Credits genannt ist. Nice.

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