dr. m schlägt zu (jess franco, deutschland/spanien 1972)

Veröffentlicht: Oktober 6, 2015 in Film
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DR. M SCHLÄGT ZU wurde 1972 von Artur Brauner als Nachzieher seiner in den Sechzigerjahren populären DR. MABUSE-Reihe gedreht und in Berlin uraufgeführt, fand jedoch keinen deutschen Verleih. Das will schon Einiges heißen, wenn man bedenkt, was damals für schäbiges Zeugs über die Leinwände der Bahnhofskinos flimmerte: Man sollte meinen, in einer Welt, in der Platz war für DER TEUFEL KAM AUS AKASAVA oder DER TODESRÄCHER VON SOHO, wäre auch Platz für den DR. M gewesen, aber gut.

Ich mache jetzt mal woanders weiter: Jess Franco wird ja vielerorts, vor allem von sogenannten Genrefans, immer noch als untalentierter Vielfilmer diffamiert. Das Ding ist wohl, dass sich Franco stets einen Scheiß für die Regeln des Horror- oder Science-Fiction-Films und die Erwartungen der Fans interessiert hat. Wenn er diese Genres in den Sechziger- und Siebzigerjahren auch fleißig beackerte, so lag das wohl vor allem daran, dass sie in jener Zeit sehr populär und mithin leicht zu finanzieren waren. Franco war ein filmbesessener, der – ein kurzer Blick auf seine ausufernde Filmografie macht das sehr deutlich – es einfach nicht aushielt, keinen Film zu drehen. Also drehte er, was sich ihm anbot. Doch egal in welchem Genre er arbeitete, in erster Linie machte er stets Jess-Franco-Filme, und wenn man das einmal verstanden hat, dann hält man den Schlüssel zu einem unerschöpflichen Werk bizarrer Wunder in den Händen. Ich habe das anlässlich Francos Tod schon einmal geschrieben und sage es jetzt erneut: Francos Filme werden besser, je mehr man von ihm sieht. Jahrzehnte bevor einem die fantasielosen Buchhalter von Marvel ihr „Marvel CInematic Universe“ als das Geilste seit der Erfindung von Wurst mit Gesichtern verkaufen wollen, strickte Franco bereits an seinem eigenen Universum, in dem alle Filme irgendwie zusammenhängen und sich gegenseitig beeinflussen.

Was mich wieder zu DR. M SCHLÄGT ZU bringt, den ich spontan zu den eher öden Filmen des Meisters zählen würde, und zwar gerade deshalb, weil es Franco hier nicht gelingt, sich von der Genreschablone zu befreien oder sie gar zu zerschlagen. Der Film dümpelt mit seinem Allerweltsplot gemächlich und spannungsarm dahin, bietet aber einfach zu wenige jener schrägen Francoismen, die man als Liebhaber zu schätzen gelernt hat. Wobei DR. M SCHLÄGT ZU natürlich Franco in Reinkultur ist, aber eben zu routiniert. Die spanische Ödnis wird wieder mal äußerst selbstbewusst als Amerika ausgegeben, ein zu kleiner Cowboyhut auf Fred Williams Kopf soll die Illusion wohl stützen. Jack Taylor, Friedrich Joloff und Beni Cardoso sind die Schurken, die in einem Leuchtturm inklusive Heizungskeller mit blinkenden Apparaturen sitzen und ein Monster namens Andros befehligen, die Geheimformel für den Bau einer Superwaffe zu stehlen. Dazwischen gibt Franco himself als Polizeichef Crosby kluge Ratschläge an seinen Untergebenen Fred Williams, der den ganzen Film über Verhöre führt und am Ende pünktlich auftaucht, um das Monster zu erschießen. Es gibt schlechte Day-for-Night-Shots, Giftgas, das mittels Weichzeichner simuliert wird, holprige Schnitte, traurige Settings und natürlich immer wieder Weitwinkelaufnahmen von Treppenhäusern und Fluren. Siegfried Lowitz hat drei Szenen als Mastermind Orloff bevor er vom Monster erwürgt wird, das offensichtlich nie gemeinsam mit ihm am Set war, Gustavo Re spielt Williams‘ zauseligen Assistenten Melou und Ewa Strömberg eine Nachtclub-Tänzerin namens „Jenny Hering“. Die Zutaten sind da, wollen sich aber nicht zu einem jener bewusstseinserweiternden Erlebnisse addieren, für die ich Franco sonst so schätze.

Die schönste Szene ist ein Gespräch zwischen Williams und einem Vagabunden, der sich mit kleinem Wauwau auf dem Arm als „Sultan“ vorstellt. Als Williams erklärt, dass er nicht den Namen des Hundes wissen wolle, sondern seinen, erzählt der Mann ihm, dass früher tatsächlich der Hund diesen Namen getragen habe, während er „Carlos“ hieß. Um die Langeweile aufzubrechen, habe man aber beschlossen, die Namen zu tauschen und siehe da, seitdem höre der Hund viel besser. Von solchen kleinen, unspektakulären, aber eben wirkungsvollen Momenten gibt es in DR. M SCHLÄGT ZU leider viel zu wenige, stattdessen werden irrsinnig viele finstere Pläne geschmiedet und Protagonisten von A nach B verfrachtet. Das ist, wie gesagt, eher öde. Aber der Francophile weiß natürlich: Auch solche eher minderwertigen Filme sind unerlässlich, wenn man das Franco-Universum bis in seinen entlegensten Winkel erkunden will.

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