drei schwedinnen auf der reeperbahn (walter boos, deutschland 1980)

Veröffentlicht: Oktober 7, 2015 in Film
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Was ich damit meinte, als ich SIggi Götz in meinem Text zu DREI SCHWEDINNEN IN OBERBAYERN als Philantropen zeichnete und ihn damit als humanistischen Gegenentwurf zu den deutschen Sexkomödien-Zynikern erklärte, kann sich zum Vergleich mal DREI SCHWEDINNEN AUF DER REEPERBAHN vom filmischen Gas-Wasser-Scheiße-Experten Walter Boos anschauen. Schon der Titel ist Ausdruck jenes merkantilen wolfzehhartwig’schen Übereifers, der es mit Ehrlichkeit und Redlichkeit nicht ganz so genau nimmt: Zwar wird die jugendliche Protagonistin Lil (Tanja Scholl) als gebürtige Schwedin ausgegeben, aber das war es auch schon mit dem Skandinavien-Bezug. Im Film besuchen drei stinknormale deutsche Internatsschülerinnen – und drei Internatsschüler – die Elbmetropole, um am Wochenende mal einen drauf zu machen. Lil erhofft sich, dort ihren Schwarm, den Erdkundelehrer Heilmann (Carlos Stafford), klarzumachen, Pit (Mick Werup) hingegen will sie selbst erobern und hofft ihr zuvorzukommen. Ihre beiden jeweiligen Anhängsel stromern indessen durch St. Pauli und suchen verzweifelt nach einer Gelegenheit, sich die Hörner abzustoßen – mit den in dieser Art von Film unvermeidlichen Folgen.

DREI SCHWEDINNEN AUF DER REEPERBAHN ist leidlich unterhaltsam, auch weil er es noch nicht einmal bis zur 80-Minuten-Marke schafft, aber nie auch nur einen Hauch originell oder annähernd witzig. Tobias Meister (damals dicklicher Depp in zahlreichen LISA-Filmen – u. a. DIE SCHULMÄDCHEN VOM TREFFPUNKT ZOO,  ZÄRTLICH, ABER FRECH WIE OSCAR oder EIN KAKTUS IST KEIN LUTSCHBONBON – heute Synchronsprecher von Tim Robbins) geht stets mit Enthusiasmus voran, kriegt aber immer einen auf den Deckel, vor allem von dem muskulösen Seemann, dem er in einem unlustigen Running Gag andauernd in die Quere kommt. Die beiden Mädels werden hingegen in einer Tittenbar abgezockt und ziehen dann für einen lüsternen Senator (Walter Kraus in einer LISA-Paraderolle) blank, um sich ein paar Scheinchen zu verdienen. Außerdem latscht dann noch ein schrulliges Schweizer Touristenpaar durch den Film, das mit „bewährtem“ Dialekt-Humor auftrumpft und im entscheidenden Moment tatkräftig eingreifen darf. Am Ende gibt es eine lustige Verwechslung, als Lils Edelnutten-Freundin Rita (Bea Fiedler) im Ganzkörper-Netzstrumpf bei einem braven Politikerpärchen aufläuft, während Heilmanns liebe Pädagogen-Freundin vom Senator und seiner geilen Alten im Haus nebenan zu einem flotten Dreier gezwungen wird. Pit schließt seine Lil in die Arme und die beiden Jungs erkennen, was für heiße Feger die beiden Mädels sind, nachdem diese sich mit geschmacklosem Nuttenfummel aus Ritas Kleiderschrank von hübschen Mädchen in aufgetakelte Schreckschrauben verwandelt haben. Das bizarrste Element sind aber sicherlich die Tagtraumsequenzen, in denen Lil mit ihrem Lehrer zwischen, sorry, Buschnegern im Lendenschurz in der afrikanischen Pampa herumtanzt: Der mehr als lose Bezug besteht darin, dass in Lils Erdkundeunterricht gerade Kenia durchgenommen wird, aber dass das offensichtlich schon den Dreh on location in Afrika rechtfertigte, verwundert dann doch. (Wäre es nicht günstiger gewesen, im Drehbuch einfach „Kenia“ durch „Helgoland“ zu ersetzen?) Selbst wenn man einräumt, dass diese Szenen den Schauwert des Films steigern und man damit im Trailer gut prahlen konnte: Welcher Zuschauer braucht in einen Film namens DREI SCHWEDINNEN AUF DER REEPERBAHN vollkommen sinnloses Afrika-Footage bzw. wer lässt sich davon ernstlich beeindrucken? Ich halte es für mehr als unwahrscheinlich, dass auch nur einer der Kinobesucher, die sich bemüßigt fühlten, anderen danach von ihrem Erlebnis zu berichten, zu Protokoll gab, wie „atemberaubend“ und „bereichernd“ die Aufnahmen aus Kenia waren. Ich hatte zuerst instinktiv vermutet, dass der findige Produzent Karl Spiehs hier einfach Material aus einem anderen Film zweckentfremdet hat, aber das kann nicht sein, denn weder Tanja Scholl noch Mick Werup standen je für ein weiteres LISA-Erzeugnis vor der Kamera. Es muss tasächlich so gewesen sein: Man verfrachtete die Crew für einige Drehtage nach Afrika, um dort die ca. vier Minuten Tagtraumsequenzen für DRE SCHWEDINNEN AUF DER REEPERBAHN zu drehen. Wahnsinn.

Das – und LIls scheußliche Walt-Disney-Jacke, sehr wahrscheinlich die scheußlichste Jacke, die je in einem Film getragen wurde, und das schließt das Gesamtwerk von Steven Seagal ausdrücklich mit ein – macht DREI SCHWEDINNEN AUF DER REEPERBAHN zwar zum Anwärter auf die zinkene Gaga-Krone, aber bezeichnenderweise immer noch nicht interessant genug, um hier eine Empfehlung auszusprechen. Eher trist.

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