drei schwedinnen in oberbayern (siggi götz, deutschland 1977)

Veröffentlicht: Oktober 7, 2015 in Film
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To cut a long story short: DREI SCHWEDINNEN IN OBERBAYERN ist ein Meisterwerk, zumindest aber die Gottwerdung des offensichtlichen Humors. Siggi Götz versteht es wie vielleicht kein anderer, Szenen anzubahnen, bei denen man sich denkt: „Nein, das macht er jetzt nicht, das kann er nicht machen, bittebitte, lass es ihn nicht machen“, nur um es dann doch zu tun – und damit einen Volltreffer nach dem anderen zu landen. Auf die Distanz von 90 Minuten entfaltet diese Methode, die Erwartungen wirklich kein einziges Mal zu unterlaufen, sondern sie wirklich immer punktgenau, gewissermaßen in vorauseilendem Gehorsam, zu bedienen, jede Pointe genau den entscheidenden Sekundenbruchteil zu spät zu setzen, einen unwiderstehlichen Reiz. Es gehört immenses Timing und Können dazu, diese Masche nicht nur einen ganzen Film lang durchzuhalten, sondern auch zur gewinnenden Strategie umzudeuten.

DREI SCHWEDINNEN IN OBERBAYERN hat alles, was man dem deutschen Lustspiel der Siebziger- und frühen Achtzigerjahre üblicherweise vorwirft – Mundart und Dialekt, Schwulenwitze, Verwechslungen,“lustige“ Soundeffekte (alles, wirklich alles bekommt ein lustiges Geräusch), Verfolgungsjagden und Keilereien, tumbsten Slapstick, Grimassen, dämliche Kalauer und natürlich Zoten, Zoten, Zoten – aber Götz schafft es, diese Ausprägung niederen Humors hier zur Kunstform zu erheben. Seine Attacken auf das Zwerchfell werden mit äußerster Brutalität, Ausdauer und Durchschlagskraft geführt. Am Ende liegt man winselnd darnieder, weiß nicht, ob man traurig darüber sein soll, dass es „schon“ vorbei ist, oder dankbar dafür, noch am Leben zu sein.

All das entspringt dabei nicht dem Zynismus, der Menschen nur als Material betrachtet und Zuschauer als bodenlose Fressmaschinen, die möglichst billig möglichst schnell möglichst voll zu stopfen sind, sondern einer allumfassenden Menschenliebe. Das macht der Prolog ganz deutlich, der im Geiste des konservativen Heimatfilms von der „Überfremdung“ des schönen Oberbayerns faselt, in das die Ortsfremden und Ausländer einfallen und alles kaputtmachen. Der Film zeigt dann, dass es eigentlich ganz anders ist: Die „Fremden“ bringen erst frischen Wind mit und sorgen dafür, dass die Einheimischen sich nicht gegenseitig auf die Nerven gehen, von den neuen sinnlichen Reizen mal ganz zu schweigen. DIe drei Schwedinnen – kaum mehr als anonyme Platzhalter – verkörpern die Verheißungen dieses Fremden, das ja auch und nicht zuletzt ein Neues ist. Sie müssen kaum mehr tun, als da zu sein, um den Ort komplett auf den Kopf zu stellen und festgefahrene Strukturen neu zu ordnen.

Über Details will ich gar nicht viel sagen, zumal der Wahnsinn, den die Handlung darstellt, eh kaum nachvollziehbar zusammenzufassen ist, nur zwei Sachen: DREI SCHWEDINNEN IN OBERBAYERN hat zwei Geheimwaffen, die man aus dem LISA-Oeuvre zwar kennt, die aber vielleicht nie so wertvoll waren wie hier, nämlich Alexander Grill, der wenig mehr machen muss, als dumm zu gucken und gewissermaßen den ruhenden Pol in dem ganzen Irrsinn zu geben (man kann ihn sich ein bisschen als den Patrick Star für Gianni Garkos Spongebob vorstellen), und den spindeldürren Jacques Herlin. Den hat die Synchro hier herrlicherweise mit Berliner Akzent und einer aufdringlichen „Bruhargh“-Lache ausgestattet, die den Film fast allein sehenswert macht. Die Szene, in der er sich dutzendweise rohe Eier in ein Glas schlägt und trinkt, um für den Fick am Abend genug Druck auf dem Füller zu haben, ist alles, einfach alles, und die Krönung dieses Monumentalwerks, das man wenigstens einmal gesehen haben muss.

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