sitting target (douglas hickox, großbritannien/usa 1972)

Veröffentlicht: Oktober 8, 2015 in Film
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Wenn ich den Rezensionen auf IMDb Glauben schenken darf, dann erwarb sich SITTING TARGET den Ruf eines „GET CARTER für Arme“. Auch wenn ich nachvollziehen kann, wie man auf eine solche Attributierung kommt – SITTING TARGET ist kleiner, roher, ungeschliffener und weniger bekannt als Hodges‘ Klassiker, gehört aber wie dieser zur selben Gattung jenes düsteren Crimekinos, das in den Seventies auf der Insel geprägt wurde -, aber die darin zum Vorschein kommende Lieblosigkeit erschreckt mich dann doch. Was ist das für eine Haltung, die einen solch tollen Film wie diesen in einem willkürlichen Vergleich demütigt, anstatt ihn für sich zu bewerten, seine Eigenheiten nicht als Verfehlungen, sondern eben als Zeichen seiner Individualität zu bewerten?

Aber die Texte, die ich zu SITTING TARGET gelesen habe, zeichnen sich sowieso durch Ungenauigkeit und Oberflächlichkeit aus. So wird Oliver Reeds Gangster Harry Lomart auffallend häufig als „brute“, also als „Wüstling“ oder „Brutalo“, bezeichnet, was die Tatsache verkennt, dass es zu allererst eine tiefe Verletzung ist, die seinen Rachefeldzug lostritt. Lomart sitzt mit seinem Partner Birdy (Ian McShane) wegen eines Raubüberfalls 15 Jahre in einem Hochsicherheitsgefängnis ein, da eröffnet ihm seine Ehefrau Pat (Jill St. John) bei einem ihrer raren Besuche, dass sie nicht nur nicht gedenkt, auf ihn zu warten, sondern auch, dass sie bereits das Kind eines anderen erwarte. Erst da gerät Lomart außer Kontrolle, bricht gemeinsam mit Birdy aus und geht auf Rachefeldzug. Doch auch, wenn er mit äußerster Gewalt und Entschlossenheit vorgeht, keine Rücksicht auf die nimmt, die ihm bei der Vollstreckung seiner Pläne in die Quere kommen, so trägt er seinen Zorn wie eine Maske, die verhüllen soll, dass er eigentlich am liebsten heulend zusammenbrechen möchte. Es ist eine der Rollen, für die Reed geboren wurde: der Gewaltverbrecher, dessen blutunterlaufenen Augen genauso furchteinflößend sind, wie sie gleichzeitig auf den verkarsteten Grund seiner enttäuschten Seele blicken lassen.

SITTING TARGET beginnt (nach kurzem, finsteren, brüterischen Auftakt) mit dem Ausbruch aus einem Hochsicherheitsgefängnis, das nichts mit modernen Vorstellungen zu tun hat. Während heute kein Prison-Break-Film mehr ohne mit allen Wassern gewaschenen Computerexperten auskommt, der die zahlreichen Science-Fiction-Fallen durch behendes Hackerhandwerk außer Kraft setzt, sind es hier ein Stacheldrahtzaun, ein scharfer Wachhund und eine hoher Mauer, die mit viel Spucke, Mut, Backstein und Seil überwunden werden müssen. Ob die Regisseure des modernen Actionkinos das auch so spannend hinbekämen wie Hickox damals? Sein Film schwankt sehr effektiv zwischen klaustrophobisch beengten, den wachsenden Druck, unter dem Lomart steht, verdeutlichenden Innenaufnahmen und nur wenig Katharsis bringenden Ausflügen in eine Londoner Betonwüste voller hässlicher Hochhäuser inmitten öder Brachlandschaften und sich wie aggressives Unkraut durch diese fressender Bahnschienen. Es sieht aus wie kurz vor oder unmittelbar nach der Apokalypse und die sich bekriegenden Ganoven haben viel Platz, um sich auszutoben. Die Polizei ist zwar da, aber doch immer zu spät. Zivilbevölkerung sieht mal allerhöchstens als schattenhaftes Huschen im Bildhintergund. Wer noch bei Sinnen ist, hat sich in seinen eigenen vier Wänden verschanzt.Wer wollte es Lomart verdenken, dass er am Ende, wenn er ganz anders als gedacht ans Ziel gekommen ist, die Flammen des Fegefeuers dem Leben im ewigen Eis vorzieht. Noch einmal etwas fühlen und wenn es nur körperlicher Schmerz ist, der ihn verzehrt.

Dieser superkompakte Film, den Edward Scaife (u. a. THE DIRTY DOZEN, KHARTOUM und DARK OF THE SUN) in gleichermaßen geschliffenen wie kalten Bildern kongenial fotografierte und dem Stanley Myers einen Score widmete, der so langsam und trügerisch vor sich hintröpfelt wie das Gift einer tödlichen Injektion (den auch nicht zu vernachlässigenden Schnitt besorgte der spätere Bond-Regisseur John Glen), sei allen ans Herz gelegt, die diese Mischung aus verheerenden Bränden und zombiehafter Leere zu schätzen wissen, die ich so gern als „Gefrierbrand“ bezeichne. Nix „GET CARTER für Arme“: Die in SITTING TARGET zum Ausdruck kommende Weltsicht ist genauso echt wie dort. Vielleicht brennt sie sogar noch tiefer. Zumindest gibt es für Lomart keinen erlösenden Schuss aus dem Hinterhalt.

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Kommentare
  1. Ghijath Naddaf sagt:

    Toller Film. Würde auch noch unbedingt „The Squeeze“ mit einem grossartigen Stacy Keach
    und „Villain“ mit Richard Burton empfehlen. Hauen in die selbe Kerbe.
    Ausserdem habe ich zuletzt einen Brit Kracher gesehen der es von Null in meine Top Ten
    geschafft hat. THE SMALL WORLD OF SAMMY LEE. Ein grandioser Film.

    • Oliver sagt:

      VILLAIN liegt mir vor, kommt demnächst an die Reihe. Die anderen habe ich mir mal vorgemerkt. Danke für die Tipps. Muss das „kleine“ britische Kino der Sixties und Seventies eh mal genauer erforschen. Kenne ich kaum was von.

  2. Dennis Neiss sagt:

    „Dieser superkompakte Film, den Edward Scaife (u. a. THE DIRTY DOZEN, KHARTOUM und DARK OF THE SUN) in gleichermaßen geschliffenen wie kalten Bildern kongenial fotografierte (…)“

    Unbedingt erwähnt sei hier noch seine hervorragende Kameraarbeit in André De Toths großartigen letzten Film PLAY DIRTY.

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