midnight cowboy (john schlesinger, usa 1969)

Veröffentlicht: Oktober 16, 2015 in Film
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MIDNIGHT COWBOY ist einer jener Filme, von denen ich immer glaubte, ein relativ konkretes Bild zu haben, auch ohne bisher in den Genuss einer Sichtung gekommen zu sein. Wenn man sich einigermaßen intensiv mit Film beschäftigt, dann kennt man diese ikonischen, meist in Schwarzweiß gehaltenen Fotos des hochgewachsenen Cowboys Jon Voight vor der Wolkenkratzer-Kulisse Manhattans, neben ihm der kleine wieselige Dustin Hoffman. Man hat wahrscheinlich auch davon gehört, dass MIDNIGHT COWBOY der erste und bislang einzige mit einem X-Rating versehene Film ist, der bei den Academy Awards als „Bester Film“ ausgezeichnet wurde (das X-Rating kennzeichnet in den USA für gewöhnlich pornografische Filme). Und mit dem Wissen um diese Kennzeichnung hat man auch einen Eindruck in die subject matter des Films, in dem es um Sex und Prostitution, um wirtschaftliche Not und damit einhergehend körperlichen wie seelischen Verfall geht. Doch zu meiner großen Überraschung ist MIDNIGHT COWBOY mitnichten ein runterziehender, den Schrecken der Armut in nüchternen Bildern zeigender Themen- und Aufklärungsfilm. Natürlich ist er das auch, aber Schlesinger inszeniert das Drama sehr leichtfüßig, spielerisch, setzt stilistisch eher einen Kontrapunkt zu seiner deprimierenden Geschichte, anstatt sie mithilfe formaler Stilmittel bloß zu doppeln. Harry Nilssons berühmter Titelsong „Everybody’s talkin'“ spiegelt die Stimmung des Films zwischen zukunftsfroher Lebensfreude und und unfreiwilligem Stillstand tatsächlich perfekt ein.

Ich brauchte zwei Sichtungen, um richtig reinzukommen und zu verstehen, was eigentlich das Problem der Hauptfigur, des 28-jährigen Texaners Joe Buck (Jon Voight) ist, der eines Tages, ohne jeden erkennbaren äußeren Anlass seine wenigen Habseligkeiten in einen Koffer packt, seine besten Cowboystiefel anzieht und seine Kleinstadt-Heimat hinter sich lässt, um das große Glück in New York zu suchen und – da ist er sich ganz sicher – auch zu finden. Schlesinger erzählt zwar linear, aber er lässt immer wieder unklar bleibende Erinnerungs- und Traumbilder in den Narrationsfluss einbrechen oder kommentiert das Geschehen durch Vorstellungen und Gedanken seiner Hauptfigur. So ergibt sich ein collagenhaftes oder kaleidoskopartig zersplittertes Bild des New York der ausgehenden Sechzigerjahre und des Lebens, das Bild, das sich dieser junge Mann zurechtzimmert, der reichlich naiv durch die Gegend stolpert, das große Glück sucht, ohne überhaupt eine Vorstellung davon zu haben, was das für ihn bedeutet. Er entpuppt sich im Verlauf des Films als echtes Opfer seiner Prägung, rennt Idealen hinterher, die nicht die seinen sind, plant ein Leben, für das er nicht gemacht ist, spielt sich etwas vor, ohne es zu merken, weil er gar nicht weiß, wer er selbst ist. Schlesinger zeichnet diesen Joe Buck nicht ohne Humor und das Wissen um die dessen fruchtlosen Bemühungen inhärente Komik. Joe will nämlich Callboy werden: Er sieht gut aus, ist ein richtiger Kerl – ein Cowboy! -, hat Spaß am Sex und, am wichtigsten: die Frauen in New York sind einsam und wohlhabend. Doch schon der erste Glückstreffer, eine aufgebrezelte alte Vettel, die sich selbst als „gorgeous chick“ bezeichnet, zieht ihm die Knete aus der Tasche statt umgekehrt. Als sie, zur Zahlung aufgefordert, in gespielte Tränen ausbricht, wird Joe butterweich und lässt sie sich selbst aus seiner Brieftasche bedienen. Der nächste, auf den er reinfällt, ist der obdachlose Rizzo (Dustin Hoffman), der in dem naiven Landei leichte Beute zum Ausnehmen sieht. Er brauche nur einen Manager, erklärt er dem erstaunten Joe, der sofort begeistert ist. Nach anfänglichen Schwierigkeiten bilden die beiden schließlich ein verschworene, fast eheähnliche Zweckgemeinschaft, die jedoch nur für einen in eine vielleicht bessere Zukunft führt.

Jon Voight, dessen erster großer Part dies war, brilliert in einer Rolle, die deutlich neben der Persona liegt, die er dann später etablierte. Zwar wurde er oft, begünstigt durch sein jungenhaftes, altersloses Gesicht, als sanfter, sensibler Typ besetzt, etwa in Hal Ashbys COMING HOME, doch meist durfte er dabei dennoch als echter Mann auftreten. In MIDNIGHT COWBOY ist er nicht nur der klassische fish out of water, das naive Landei, das sich in der Stadt zum Narren macht, sondern ein zutiefst verstörter und traumatisierter Typ, ein unreifer Junge im Körper eines Mannes. Sein Trauma sitzt so tief, dass Selbsterhaltungstrieb und Selbsttäuschungsmechanismen auf Hochtouren laufen und jede Selbsterkenntnis verhindern. Erst ganz zum Schluss, als Joes ursprünglicher Plan zum ersten Mal tatsächlich aufzugehen scheint, erkennt er, dass er einem Phantom hinterhergejagt ist, einem Lebensentwurf, der gar nicht der seine ist. Besonders bewegend, geradezu niederschmetternd ist aber der 180-Grad-Turn, den Hoffmans Rizzo nimmt – oder vielmehr, der Wandel, der sich dieser Figur gegenüber in der Wahrnehmung des Zuschauers ergibt. Hält man ihn zu Beginn noch für den unverwüstlichen Gauner, den Überlebenskünstler, den einfach nichts umhaut, der wie eine Ratte – sein Spitzname ist passenderweise „Ratso“ – einfach nicht totzukriegen ist, immer ein Schlupfloch, ein Stück Speck findet, so entpuppt er sich doch bald als absolut hilflos, als Todgeweihter, mit dem es kontinuierlich und immer schneller bergab geht. Ihm geht es nicht darum, Joe Hilfe anzubieten, auch wenn er sich immer als der Macher inszeniert: Er sieht in Joe die letzte Möglichkeit, den erdrückenden Fesseln der Armut zu entkommen. Sein sehnlich hoffender Blick, mit dem er Joe nachschaut, als der in einem Hotel eine reiche Dame abholen soll, sein Traum, in dem er sich als Schwarm wohlhabender Rentnerinnen in einem Luxushotel in Florida sieht, ist herzzerreißend. Und man weiß als Zuschauer, dass er sich nicht erfüllen wird.

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Kommentare
  1. Mr. Majestyk sagt:

    Du schriebst neulich bei INCEPTION, dies sei ein Film der rein gar nichts über den Menschen sagt.
    Wenn es dazu Gegenentwürfe gibt, dann sind es Werke wie MIDNIGHT COWBOY.
    Anhand solcher Filme stelle auch ich immer wieder fest, wie sehr ich mich verändert, wie sehr sich meine Sicht nicht nur auf Film, sondern auch aufs Leben verändert hat.
    Zum ersten Mal habe ich MIDNIGHT COWBOY während der SCHULZEIT gesehen und konnte mit der Geschichte von Buck und Ratso rein gar nichts anfangen. Um ehrlich zu sein, der Junge vom Dorf war sogar ein wenig abgestoßen.
    Dann vor ca. 10 Jahren habe ich den Film durch Zufall auf arte wieder entdeckt und war begeistert. Warum auch immer, MIDNIGHT COWBOY fehlt noch in meinem Regal. Ein Fehler den ich bald beheben muss. Danke.

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