get hard (etan coen, usa 2015)

Veröffentlicht: Oktober 17, 2015 in Film
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Das „Frat-Pack“, eine Clique befreundeter Schauspieler und Komiker – im Wesentlichen Ben Stiller, Will Ferrell, Owen und Luke Wilson sowie Vince Vaughn -, die ihren Namen den Teeniehelden vom „Brat-Pack“ der Achtzigerjahre verdankten, warfen in den frühen bis mittleren 2000ern eine grandiose Gaga-Komödie nach der anderen auf den Markt. Der einsame Star der Truppe war Will Ferrell, ein Absolvent der erprobten SNL-Schule, den auch ich sehr in mein Herz schloss, egal wie klein seine Auftritte in Filmen wie ZOOLANDER oder STARSKY & HUTCH auch waren. Ferrell gewann vor allem mit seinen unorthodoxen Dialog-Improvisationen sowie mit der immer etwas steifen Art, in der er sie intonierte und seinen irgendwie wurstigen Körper bewegte, und stahl damit den eigentlichen Stars regelmäßig die Show. Als er dann selbst zum leading man wurde, etablierte er als seine Persona sehr überzeugend den Kindmann, einen im arrested development befindlichen Enddreißiger, der mit dem normalen Leben zwar auf Kriegsfuß steht, aber sich davon in seinem männlichen Omnipotenzwahn nicht aus der Ruhe bringen lässt. Im Grunde genommen ein grellerer Chevy Chase at his least suave. Seine schönste Rolle war gewiss der chauvinistische News Anchor Ron Burgundy in ANCHORMAN: THE LEGEND OF RON BURGUNDY, ein aufgeblasener, dabei unfassbar dummer buffoon, dessen Weltbild zusammenbricht, als ausgerechnet eine Frau ihm den Rang abläuft. Will Ferrell reizte die Möglichkeiten seiner Persona weidlich aus, bis sich die Masche zwangsläufig irgendwann abgenutzt hatte. Alles, was nach STEP BROTHERS kam, war bestenfalls nett – siehe LAND OF THE LOST, CASA DE MI PADRE, THE CAMPAIGN oder ANCHORMAN 2: THE LEGEND CONTINUES.

In GET HARD erfindet sich Ferrell glücklicherweise nicht neu, aber endlich einmal wieder übersetzt sich die Prämisse seines Films in ein rundum befriedigendes Ganzes. Es bietet seinem Star nicht nur ausreichend Gelegenheit, seine Trademarks einzusetzen, und Situationen, die mit spitzer Feder nur daraufhin konzipiert wurden, ihn am Ende in lustige Klamotten zu stecken, groteske Verletzungen oder sonstige Demütigungen durchleiden zu lassen, sondern auch eine Story, die etwas mehr als das ist (ohne dabei so anstrengend naiv zu sein wie THE CAMPAIGN mit seiner Politkritik für 16-Jährige). Es geht um den alltäglichen Rassismus in den USA und die gleichzeitige Faszination der weißen Mittelklasse for all things black. Ferrell ist der erfolgreiche Börsenspekulant und Investmentbanker James King, der Opfer einer Intrige wird und sich plötzlich einer zehnjährigen Haftstrafe in einem Hochsicherheitsgefängnis gegenübersieht. Was tut man, wenn man plötzlich um sein Leben fürchtet und daher dringend Nachhilfe in Sachen Knastalltag benötigt? Richtig, man fragt einen Schwarzen, weil die schließlich allesamt über einschlägige Erfahrung verfügen. Der einzige Afroamerikaner, den King kennt, ist aber Darnell Lewis (Kevin Hart), verschuldeter Besitzer einer Autowaschanlage, der die gebotene Finanzspritze zwar gut gebrauchen kann, aber leider so harmlos ist wie ein Küken und demzufolge auch nie im Gefängnis war. Trotzdem willigt er ein, baut Kings Haus zu einem Knast um und leitet dessen Angestellten dazu an, ihm als „Wärter“ tatkräftig zur Hand zu gehen – was diese sich natürlich nicht nehmen lassen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten macht King Fortschritte und fühlt sich gewappnet: Doch natürlich ist das alles nur Illusion und die einzige Chance, ihn zu retten, ist es den Drahtzieher hinter der Intrige ausfindig zu machen.

Regiedebütant Etan Coen holt aus dieser Prämisse alles raus, was rauszuholen ist, gibt Ferrell, wie schon erwähnt, etliche Gelegenheiten, sein Genie zu zeigen, und ist sich nicht zu schade, sich auf dessen Improvisationstalent zu verlassen. Es sind im Wesentlichen die Sprüche, die er am laufenden Band reißt – eine längere Sequenz, in der King das Fluchen lernt, ist der Höhepunkt des Films -, oder die Grimassen, die er zieht – als er etwa sein „Mad Dog Face“ zeigen soll oder wenigstens den Oralverkehr lernen soll, der ihm aller Wahrscheinlichkeit nach bevorsteht -, auf die es hier ankommt. Kevin Hart tut gut daran, ihm gegenüber einfach den straight man zu geben und hat die Sympathien mit dem Enthusiasmus und der Verzweiflung, die er als Darnell an den Tag legt, auf seiner Seite. Aber hinter der angemessen bescheuerten Idee steckt eben auch die Geschichte über den Afroamerikaner, der auf die Rolle des Gangsters festgelegt wird und diese bereitwillig annimmt, um sein gesellschaftiches Fortkommen zu sichern. Als Schwarzer ist man eben ein potenzieller Verbrecher, und wenn man über das einschlägige Wissen entgegen aller Erwartungen nicht verfügt, ist man paradoxerweise auch nur noch halb so viel wert. Andersrum gefällt sich King bald in seinem „schwarzen“ Gehabe, schwadroniert über Hip-Hop („I think I know who killed Tupac.“), schließt sich einer Gang an, reißt mit seinem von Lil Wayne adaptierten Style die twerkende Shonda auf und bringt den „Homies“ nebenher noch bei, wie man das beim Dealen gemachte Geld wäscht und vermehrt. GET HARD erzählt vielleicht mehr über das Spannungsverhältnis zwischen Weiß und Schwarz als ein Film wie 12 YEARS A SLAVE, der sich über die eigene Verwicklung im „Verblendungszusammenhang“ gar nicht im Klaren ist. Mehr kann eine Komödie kaum leisten. Welcome back, Will Ferrell!

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Kommentare
  1. Funxton sagt:

    Ich mochte die oben von dir genannten Ferrells eigentlich durch die Bank ein wenig mehr als „Get Hard“ und konnte, soweit ich mich erinnere, auch bei allen etwas herzlicher lachen.
    Vielleicht liegt es daran, dass ich zu wenig „into Hip-Hop“ bin.
    Hast du eigtl. „The Other Guys“ geschaut?

    • Oliver sagt:

      Hatte deinen Text schon vor einigen Tagen gelesen. Vor allem bei der Einschätzung von Hart speziell und der Frage, was für „Nebenleute“ Ferrell braucht, gehen wir auseinander. Ich finde gerade, dass GET HARD dadurch gewinnt, dass der zweite Protagonist etwas geerdeter ist.

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