kir royal – aus dem leben eines klatschreporters (helmut dietl, deutschland 1986)

Veröffentlicht: Oktober 23, 2015 in Film
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Der Klatschkolumnist Baby Schimmerlos (Franz-Xaver Kroetz) rast mit seinem Partner, dem Fotografen Herbie Fried (Dieter Hildebrandt), atemlos durch München, immer auf der Suche nach dem heißesten Skandal, der größten Sensation, der neuesten Neuigkeit und der besten Party mit den berühmtesten Gästen. Dabei kämpft er gegen die Einmischung von Politik und Wirtschaft, die eigene Verlegerin Unruh (Ruth-Maria Kubitschek), die gern den Anschein von Moral wahren möchte, aber auf Auflage natürlich nur ungern verzichtet, Freundin Mona (Senta Berger), die von ihm ständig aufs Abstellgleis geschoben wird, weil wieder irgendwo ein Termin ansteht, und natürlich gegen sich selbst, weil er sich als journalistisches „Trüffelschwein“ zwar einen Namen in der Münchener Szene gemacht hat, letzten Endes aber doch nur ein kleiner Schmierfink ist, mit dem sich keiner wirklich abgeben mag.

Helmut Dietl orientierte sich für seinen Blick auf die feine Münchener Gesellschaft an realen Vorbildern: Baby Schimmerlos ist dem Klatschreporter Michael Graeter nachempfunden (heute vertritt der seine ekelhaften Ansichten manchmal noch als selbsternannter „Society-Experte“ in diversen Boulevard-TV-Formaten), der damals für die unter Anneliese Friedmann herausgegebene Abendzeitung (hier „Münchner Allgemeine Tageszeitung“) die Feder schwang, sein Partner Fried dem Fotografen Franz Hug, im Bayrischen Ministerpräsidenten (Georg Marischka) erkennt man unschwer Franz-Josef Strauß wieder und etliche weitere Parallelen sind mehr oder weniger offensichtlich. München erweist sich bei Dietl als Stadt des schönen Scheins, in der die „oberen Zehntausend“ einen Ringelpiez der Eitelkeiten aufführen, sich gegenseitig das Gefühl geben, wichtig und gut zu sein, um im Ernstfall Gefälligkeiten auszutauschen, die in Zukunft als nützliche Druckmittel dienen könnten. Schimmerlos inszeniert sich selbst als Durchblicker und Hofnarr der Reichen und Berühmten, glaubt irgendwann selbst an seine gesellschaftliche Bedeutung, ist aber letztlich nur ein besonders armes Licht. Immer, wenn er sich selbst mal ein Stück vom Kuchen sichern will, bekommt er gnadenlos seine Grenzen aufgezeigt. Seine „Enthüllungen“ enthüllen nicht mehr als das, was man ihm großzügig zugesteht, weil so ein bei Laune gehaltenes „Trüffelschwein“ mit flexiblen moralischen Prinzipien dann und wann ganz nützlich sein kann, wenn man sich selbst die Hände nicht schmutzig machen will. Dann wird Schimmerlos zum „willigen Vollstrecker“, der der ihm sorgfältig ausgelegten Spur folgt, immer den vermeintlichen Scoop vor Augen, mit dem er ganz groß rauskommt, und genau in dem Maße blind, ahnungslos und naiv, in dem er sich für intelligent, gewieft und unantastbar hält.

Die sechs Episoden von KIR ROYAL führen in die Grenzbereiche zwischen Wirtschaft, Showbiz und Politik, zeigen die einzelnen Systemkreise als unauflösbar miteinander verbunden, das anscheinend lustige Gesellschaftsspiel des Drinnen und Draußen als äußerst rigide organisiert. Immer wieder werden da die Machtstrukturen auf den Kopf gestellt, landet Schimmerlos nach seinen Höhenflügen zwar auf beiden Füßen, aber doch auf dem Boden der Tatsachen. Das zeigt sich gleich in Episode 1, „Wer reinkommt, ist drin“, in der Schimmerlos zuerst als der Gatekeeper vorgestellt wird, dessen Kolumne darüber bestimmt, wer „in“ ist und wer zum erlauchten Kreis dazugehört. Mit äußerster Arroganz lässt er Generaldirekter Heinrich Haffenloher (Mario Adorf), einen provinziell anmutenden Großunternehmer, der unbedingt in einer von Babys Kolumnen landen will, abblitzen, nur um am Ende von diesem genau da gepackt zu werden, wo es am schmerzhaftesten ist: am Geldbeutel. „Ich scheiß dich zu mit meinem Geld“, sagt Haffenloher als mephistophelischer Einflüsterer, genau wissend, dass jeder seinen Preis hat und der von Lakaien wie Schimmerlos für Leute wie ihn aus der Portokasse bezahlbar ist. Oder auch in Episode 3, „Das Volk sieht nichts“, in der Schimmerlos in den Streit um eine zum Verkauf stehende Villa verwickelt und kurzzeitig zu ihrem Besitzer wird, bis der machtlüsterne Politiker Gaishofer (Hanns Zischler) seine ganze Abgewichstheit unter Beweis stellt und am Ende der überlegen grinsende Sieger ist. Oder natürlich in Episode 5, „Königliche Hoheit“, in der Babys Versuche, die bayrische Königin der Militärdiktatur Mandalien, Katharina Patricia (Michaela May), mit einem Liebhaber im Bett zu fotografieren, einen Waffendeal aufdecken, den sie mit dem international bekannten Händler Raeber (Paul Hubschmid) eingeht. Die Enthüllung dieses Skandals bringt Baby aber mitnichten Respekt und Ruhm, sondern nur den Ärger der Politik, die nun eine Peinlichkeit zu vertuschen haben, und den Hass des Volkes, dem er die monarchische Projektionsfläche genommen hat. Das Spiel des Boulevards kann nicht gewonnen werden, weil alle Regeln außer Kraft gesetzt sind.

Man kann sich KIR ROYAL im Jahr 2015 nur zu gut als ausufernde, episch erzählte 70-Folgen-Serie nach US-amerikanischem Vorbild vorstellen. Wie Baltimore in den fünf Staffeln von THE WIRE würde München dann zu einem lebendigen Mikrokosmos mit vollständig entwickelter Infrastruktur, Baby Schimmerlos‘ Bemühungen, dem Sumpf schäbiger kleiner Partygeschichten zu entkommen und dahin zu gelangen, wo die wirklich wichtigen Geschichten geschrieben werden, würde zu einem faustischen Pakt mit der Macht und den Protagonisten erst an die Spitze der Gesellschaft führen, dann schließlich seinen Sündenfall einleiten. Aber so haben Dietl und Co-Autor Patrick Süskind (die beiden hatten vier Jahre zuvor bereits MONACO FRANZE – DER EWIGE STENZ zusammen geschrieben) ihre Miniserie im Jahr 1986 nicht konzipiert. Der etwas beliebig scheinenden Untertitel gibt ersten Aufschluss über die Struktur von KIR ROYAL: AUS DEM LEBEN EINES KLATSCHREPORTERS. Nicht „Das Leben“, sondern „aus dem Leben“: Hier wird schon klar, dass Dietl und Süskind eben keinen epischen Anspruch erheben, keine geschlossene Welt mit voll entwickelten Charakteren erschaffen, sondern eher einen schlaglichtartigen Blick, wie im Vorbeiflug, ermöglichen. Was aus dem Deal zwischen Haffenloher und Schimmerlos wird, wie der Reporter den Tod seiner Mutter (Erni Singerl) verarbeitet, was aus ihm nach dem Ende der sechsten Folge wird: Wir wissen es nicht. Als Reaktion auf den Persönlichkeitsrechte munter missachtenden Enthüllungseifer Schimmerlos‘ könnte man auch sagen: Es geht uns nichts an.

Die Enttäuschung darüber, das nicht jede Frage beantwortet wird, manche liebgewonnene Figur keinen zweiten Auftritt bekommt, verfliegt angesichts der gebotenen Klasse schnell. So gut ist deutsches Serienentertainment in den seit KIR ROYAL vergangenen drei Jahrzehnten leider viel zu selten gewesen (auch die vielerorts hochgejubelten Wedel-Mehrteiler können da m. E. zu keiner Sekunde mithalten). Der Humor gerät nie zu grell, andererseits gefällt sich KIR ROYAL auch nicht in ausgeprägter, humorloser Bissigkeit. Die Waage wird immer fein gehalten, was angesichts der Absurditäten, mit denen die Handlung beschäftigt ist, eine beachtliche Leistung ist. Im Kontext betrachtet, kann man Dietls und Süskinds fragmentarischen Ansatz durchaus als programmatisch verstehen: Im Unterschied zu Schimmerlos glauben sie daran, dass manches Detail eben nicht erzählt werden muss, die Andeutung oder die Ellipse manchmal das wirkungsvollere erzählerische MIttel ist. Diese Haltung ist so unmissverständlich, dass auch die „Kritik“ hier nicht mehr explizit gemacht werden muss. EIn Glücksfall. Wir dürfen in Baby Schimmerlos den eitlen Narren sehen, der sich nicht zu schade dafür ist, in einem schmutzigen Geschäft der Beste sein zu wollen, aber es ist nicht nötig, ihn zu hassen. Er ist eine Witzfigur. Vielleicht begreift er es am Schluss. Graeter hat es bis heute nicht verstanden.

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Kommentare
  1. lance sagt:

    KIR ROYAL war für mich die Einstiegsdroge, der ich aber nicht die Schuld gebe, LOST, BREAKING BAD, etc. Verfallen zu sein – vielmehr wurde eine Sucht begründet, alles südlich des größten Vororts, nämlich von Österreich, gierig aufzusaugen.
    Der Münchner Stenz ist nur einen Wimpernschlag von der Skurilität BRAUNSCHLAGs entfernt, steht der Garstigkeit von ALTES GELD in nichts nach und selbst VORSTADTWEIBER sind einen zweiten Blick wert, auf ZDF!
    Einfach dem Output von Simon Schwarz, Nina Proll und auch Josef Hader (mit Einschränkungen, ok) folgen. Am Wegesrand liegen die „Brenner“, DIE AUFSCHNEIDER (im Prinzip doch auch eine vierteilige Miniserie) und KOTTAN, der nach Sichtung verstehen läßt, warum es nur einem Österreichernin den Sinn kommen kann, beinahe aus der Stratosphäre 35 Km mit einem Fallschirm auf die Erde zuzurasen.

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