san andreas (brad peyton, usa 2015)

Veröffentlicht: Oktober 24, 2015 in Film
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Die Bilder ähneln denen von Roland Emmerichs Weltuntergangsfilm 2012 frappierend: Eine Kette verheerender Erdbeben verwüstet die gesamte US-Westküste von Los Angeles bis San Francisco, Häuser stürzen ein, Explosionen erschüttern die Ruinen, eine gewaltige Flutwelle  reißt erst die Golden Gate Bridge fort, bricht dann über den ächzenden Trümmern der Stadt zusammen, bewirft sie zur Krönung noch mit einem riesigen Kreuzfahrtschiff. Die Vogelperspektive zeigt immer wieder beeindruckende Panoramen der zitternden Städte, schwankender Wolkenkratzer, aufreißender Erde, während die Froschperspektive einen ins Zentrum der Katastrophe mitnimmt, dorthin, wo man von herabfallenden Trümmern, Staublawinen, Feuersbrünsten, klaffenden Schlünden oder Tsunamis begraben zu werden droht. Am Ende können die Überlebenden im Licht der untergehenden Sonne nur noch auf die qualmenden Krater schauen, die einst ihre Metropolen waren, den Star Spangled Banner hissen und den Wiederaufbau schwören.

Aber trotz dieser Gemeinsamkeiten könnten beide Filme kaum weiter auseinanderliegen. Wie ich in meinem Text zu 2012 geschrieben habe, geht es bei Emmerich meist um Größe. Ihn interessiert am meisten tatsächlich die Katastrophe, sie in überwältigenden Bildern einzufangen, den Menschen gegenüber der Macht der Natur als Zwerg darzustellen oder gar als Staubkörnchen. Die zahlreichen menschlichen Protagonisten mit ihren dramaturgisch fein abgezirkelten Problemen, akkurat gespannten Entwicklungsbögen und tränenreichen Abschiedsszenen sind bei ihm eigentlich nur Staffage, um maßstabsgetreu zu bleiben, Platzhalter für „den Menschen“ schlechthin. Bei SAN ANDREAS ist das anders: Auch wenn die gesamte Westküste der USA dem Erdboden gleichgemacht wird, bleibt der Film doch immer bei seinen im Zentrum stehenden Hauptfiguren. Das Erdbeben wird nicht so sehr zum nationalen Ernstfall, sondern eher zur familiären Therapiestunde. Es ist ein Bild für die Hürden, die man für seine Geliebten bereit ist zu nehmen, die übermenschlichen Kräfte, die die Angst um das eigene Fleisch und Blut freisetzt, die Zerstörung, die der Verlust dieser Liebe verursacht.

Ray (Dwayne „The Rock“ Johnson) ist Pilot eines Rettungshubschraubers und mit seiner Crew als fleischgewordener Schutzengel unterwegs. An der Heimatfront hingegen kriselt es: Die Scheidungspapiere von Gattin Emma (Carla Gugino) liegen auf dem Tisch, ihrer neuen Beziehung zum Architekten Riddick (Ioan Gruffudd) steht nichts mehr im Weg, die gemeinsame Tochter Blake (Andrea D’Addario) wird bei der Mutter bleiben. Auslöser für den Zusammenbruch des einstmals perfekten Familienglücks war der Unfalltod der zweiten Tochter, den auch Ray nicht verhindern konnte. Unfähig, den Schmerz mit seiner Frau gemeinsam zu verarbeiten, schottete er sich gegen sie ab und trieb sie so dem anderen in die Arme. Nun hat er eine letzte Gelegenheit, Emma zu beweisen, dass sich an seinen Gefühlen rein gar nichts verändert hat. Er rettet erst sie aus den Ruinen L.A.s, fliegt dann zusammen mit ihr nach San Francisco, von wo Blake einen Notruf abgesetzt hat. Auf dem Weg dorthin, wachsen die entfremdeten Eheleute wieder zusammen.

Ob es besonders geschmackssicher ist, die Zerstörung ganzer Landstriche und den Tod Tausender Menschen zum Backdrop für die Privatprobleme einer einzelnen Familie zu machen, sei mal dahingestellt. Aber es ist eben auch dieses Framing Device, das SAN ANDREAS für mich so wirkungsvoll machte. Dieses „intime“ Zentrum erdet den Film, macht das Unvorstellbare nachvollziehbar und erhält den menschlichen Kern inmitten der Materialschlacht. Da ist es auch nicht weiter schlimm, dass es am Erfolg der Mission ja nie einen Zweifel gibt. Nicht dass man in einem solchen Film jemals etwas anderes erwarten würde, aber die Besetzung Rays mit Dwayne Johnson ist hinsichtlich der Spannungserzeugung schon krass kontraproduktiv: Wenn seine Familie beim Hereinrauschen der Flutwelle einfach hinter dem menschgewordenen Fels in der Brandung Schutz gesucht hätte, er sie an seinem Brustkorb hätte abprallen lassen, ich hätte es auch geglaubt. Die Ruhe, die er auch in der aussichtslosesten Situation noch bewahrt, der Mut, den er aufbringt, die unbegrenzte Aufoperfungsbereitschaft, die Fähigkeit, genau zur richtigen Sekunde am richtigen Ort aufzutauchen, machen ihn zu einem gnädigen Halbgott, auf den man weder als Ehemann noch als Vater ernsthaft verzichten möchte. Emma braucht nicht lang, um einzusehen, dass ihr blasierter neuer Partner da nicht mithalten kann. Das ist offensichtlich alles sehr einfach gehalten – auch Blake ist eine heranwachsende Mutter Theresa mit den Fähigkeiten MacGyvers -, aber es funktioniert. Besonders schön fand ich die Szene, in der Ray seine Gattin dazu bringt, mit ihm zusammen am Fallschirm aus einem abstürzenden Flugzeug abzuspringen. Er ist in seinem Element, sie hat einfach nur Angst, wie es jeder Normasterbliche hätte, aber sie vertraut ihm und macht mit, weil es schließlich um das Leben Blakes geht. Es ist die äußerste grafische Überspitzung familientherapeutischer Klischees, aber es fühlt sich wahr an.

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