bucking broadway (john ford, usa 1917)

Veröffentlicht: Oktober 28, 2015 in Film
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Cheyenne Harry (Harry Carey), Held des vorangegangenen Ford-Westerns STRAIGHT SHOOTING (wobei unklar bleibt, ob es sich wirklich um ein und dieselbe Figur handelt und ob dieser Film chronologisch nach- oder vorgeordnet ist), arbeitet in Wyoming als Cowboy auf der Ranch des gütigen Ben Clayton (L. M. Wells) und ist in dessen Tochter Helen (Molly Malone) verliebt. Er hat zwar nicht viel, nur ein kleines Häuschen und etwas Geld, aber er möchte Helen zu seiner Frau machen und hält bei seinem Clayton um ihre Hand an. Alles scheint gut, bis der Unternehmer Thornton (Vester Pegg) zur Besichtigung der Pferde aus New York kommt, und Helen mit der Aussicht auf ein Leben ohne finanzielle Einschränkungen kurzerhand mit an die Ostküste nimmt. Harry und Clayton sind gleichermaßen entsetzt: Der Cowboy begibt sich auf die Reise in die Metropole, um Helen zurückzuholen …

Zunächst schien mir BUCKING BROADWAY als nur mäßig interessant: Der Film ist in erster Linie eine Komödie und als solche erwartungsgemäß mit weniger Gravitas ausgestattet als der düstere STRAIGHT SHOOTING. Der dort behandelte Konflikt zwischen mittellosen Farmern und gierigen Großgrundbesitzern wird hier etwas verklausuliert zum Zusammenstoß von Stadt und Land (was durchaus an den deutschen Heimatfilm erinnert). Der Titel bezieht sich auf den Showdown, der zeigt, wie Harrys Kameraden auf ihren Pferden durch die Straßenschluchten Manhattans reiten, bevor dann eine slapstickartige Keilerei in dem Nobelhotel vom Zaun bricht, in dem der fiese Thornton seine Verlobung mit Helen feiert. Man kann sich nur zu gut vorstellen, wie das Publikum damals diese Szenen feierte, und Ford inszeniert den wilden Ritt mit viel Drive mit einer Kamerafahrt, die die urwüchsige Geschiwndigkeit und Wildheit perfekt einfängt.

Überhaupt ermöglicht es die Einfachheit des Plots, Feinheiten der Inszenierung und der Erzählung genauer zu fokussieren. So ist der Bund zwischen Harry und Helen an ein kleines Holzherzchen geknüpft, das er ihr schnitzt und ihr sagt, dass sie es ihm nur zu schicken brauche, wenn sie einmal Hilfe benötige. Später, als sie unzufrieden in New York herumsitzt, fällt es ihr in die Hände, sie erinnert sich an Harrys Worte und schickt es, wie von ihm erklärt per Post an ihn nach Wyoming, wo er sofort weiß, was er zu tun hat. Cheyenne Harry, in STRAIGHT SHOOTING noch ein reformierter Killer, ist hier ein gutmütiger, einfacher Typ, dessen Souveränität sich in fast kindliche Unsicherheit verwandelt, wenn er dem reichen Thornton gegenübersteht. Harry Carey liefert eine ausgereifte Vorstellung und absolviert vor allem die komischen Momente mit Bravour: Wunderbar, wenn er nervös von einem Fuß auf den anderen tritt, als er bei Helens Vater um deren Hand anhält, es sich aber trotzdem nicht nehmen lässt, seiner Geliebten beschwichtigend zuzublinzeln, als hätte er alles voll im Griff. Später kauft er im Gemischtwarenladen einen feinen Anzug, wird beim Umziehen hinter der Theke aber von einer empörten Kundin überrascht, und stellt schließlich bei der Begegnung mit einem genussvoll an seiner Zigarre ziehenden, fein gekleideten Schwarzen fest, dass der neue Zwirn alles andere als gut an ihm sitzt. (Ich schätze mal, dass es damals nicht alltäglich war, einen „echten“ Schwarzen in einer Rolle zu sehen, die ihn nicht als Sklaven oder Diener zeigte.) Mehr noch als bei STRAIGHT SHOOTING fällt aber die herausragende Kadrierung und Fotografie auf: BUCKING BROADWAY ist eine Augenweide, ganz gleich, ob er das hügelige Weideland Wyomings ablichtet, oder aber die Figuren in statischen Innenaufnahmen zeigt.

Interessant ist die Wahl der Perspektive in einer Szene, in der Thornton sich gegenüber Helen und den Cowboys als echter Kerl beweisen will. Ihm wird ein Pferd vorgeführt, das den Spitznamen „Cowboy Killer“ trägt, weil beim Versuch, es zu zähmen, bereits drei Männer ihr Leben verloren haben. Trotz der impliziten Warnung lässt Thornton es sich nicht nehmen, einen Ritt auf dem Tier zu wagen. Harry willigt grinsend ein, sichtlich hoffend, dass der reiche Schnösel sein Fett weg bekommt. Doch Thornton behauptet sich, dreht zwei runden auf dem wilden Pferd, ohne abgeworfen zu werden, und kehrt triumphierend zurück. Fords Inszenierung rückt diese Leistung jedoch nicht in den Mittelpunkt, indem er nah herangeht und Thorntons Anstrengung zeigt. Stattdessen filmt er die ganze Szene in einer statischen Totalen, in denen alle Details verschwinden und man den Geschäftsmann kaum erkennt. Der potenziell aufregende, spannungsgeladene Moment wird so jeder Größe beraubt, der Legendenstatus des Pferdes als „Cowboy Killer“ auf ein gesundes Maß zurechtgestutzt, die Enttäuschung und Machtlosigkeit Harrys akzentuiert. Er hat gegen den Mann aus der Stadt keine Chance, nicht einmal auf dem eigenen Terrain, wo er eigentlich Heimvorteil genießen sollte. Darüber hinaus kann man diese Szene auch als Fords Erklärung seiner Methodologie eine Art Erklärung Ford verstehen: Der mythisch aufgeladene Wilde Westen entpuppt sich in dieser Szene als entzaubert, der berüchtigte „Cowboy Killer“ ist auch nur ein Pferd. Die Legenden halten der Prüfung mit den Werkzeugen der Vernunft nicht stand. Auch deshalb interessierte sich Ford mehr für den Mythos. „If the legend becomes fact, print the legend.“ So lässt sich dann auch der Showdown metafilmisch verstehen. Etwa so: Wenn es unmöglich ist, den Wilden Westen zu besuchen (weil er sich dann als Legende entpuppt), so muss er eben in die Großstädte – und Kinos – kommen.

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Kommentare
  1. Marcos sagt:

    Ausgezeichnet. Bei den Intrigenszenen Thorntons lassen sich schon so früh Fords Anklänge an den deutschen Expressionismus avant la lettre finden, letztlich also sein Hang zu düsteren Szenen. Überhaupt ist auffällig, dass Ford nach seinem Wechsel zur FOX erst mal wieder etwas weniger experimentieren kann. Da herrschte mehr Kontrolle als bei Laemmle. Machst Du mit JUST PALS weiter oder bist Du an HELL’S BENT rangekommen?

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