just pals (john ford, usa 1920)

Veröffentlicht: Oktober 30, 2015 in Film
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just_palsFords 37. Stummfilm in nur vier Jahren ist auch der erste, den er für die Fox drehte, nachdem er sich zuvor bei Universal einen guten Ruf erarbeitet hatte. Er würde der Fox (die während seiner Zeit den Namen von Fox Corporation zu Twentieth Century Fox änderte) bis 1950 treu bleiben, dort unter anderem Klassiker drehen wie DRUMS ALONG THE MOHAWK, YOUNG MR. LINCOLN, GRAPES OF WRATH, HOW GREEN WAS MY VALLEY oder TOBACCO ROAD, immer wieder unterbrochen von Arbeiten für andere Studios wie etwa United Artists. JUST PALS ist einer der wenigen Ford-Filme aus jener Zeit, die uns von ihm geblieben sind. Die 15 vorangegangenen Filme bis HELL BENT (1918) gelten als verschollen oder sind nur in Fragmenten erhalten, aus den Jahren danach existieren bislang lediglich Kopien von ACTION (1921) und CAMEO KIRBY (1923), erst ab 1924 bessert sich die Lage dahingehend etwas. Angesichts dieser Situation fällt es natürlich schwer, JUST PALS lückenlos in den Kontext von Fords Werk einzuordnen. Drei Jahre liegen zwischen diesem Film und BUCKING BROADWAY, aber in dieser aus heutiger Sicht lächerlichen Zeitspanne drehte Ford satte 21 Filme, feilte und verfeinerte seine Technik, schnappte neue Inspirationen auf, die er wiederum selbst einfließen ließ. Das sieht man auch JUST PALS an: Der Film ist feiner, fließender, verfügt über ausgefeiltere Charaktere und eine komplexere Handlung, er ist weniger dunkel, weniger expressiv, weniger stilisiert.

Im Zentrum von JUST PALS steht Bim (Buck Jones), ein Tagelöhner, der in seiner Heimatstadt von den Erwachsenen verachtet, aber von den Kindern geliebt wird. Er himmelt die Lehrerin Mary (Helen Ferguson) an, die ihm unerreichbar ist, schläft in einem Heuschober, schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durchs Leben und lernt eines Tages den heimatlosen Waisenjungen Bill (Georgie Stone) kennen, mit dem er sich sofort anfreundet. Die nun nicht mehr in trister Einsamkeit zelebrierte Vagabunden-Romantik wird jedoch von einer Verkettung von Unglücksfällen jäh zerrissen, die Bill und Mary in Gefahr und Sündenbock Bim in die Hände eines Lynchmobs bringen. Am Ende kann Bim unter Einsatz seines Lebens alles aufklären, Mary in die Arme schließen und ein Leben fortan fernab jeder finanziellen Not leben.

Ford zeichnet ein lebendiges Porträt einer Kleinstadt im amerikanischen Heartland, das allerdings wenig schmeichelhaft für die Bürgerschaft ausfällt. Der örtliche Gesetzeshüter, ein klappriger alter Mann mit Ziegenbart, ist ein nutzloser Schwätzer, der Geschäftsmann ein Dieb, der zur Erhaltung seines Rufs die Zusammenarbeit mit Schwerverbrechern nicht scheut, der Arzt und seine Gattin sehen nur den eigenen Profit, als Bim ihnen den kleinen Bill zur Behandlung bringt, alle anderen Einwohner sind langsam im Denken, aber dafür umso schneller mit ihrem Urteil. Während die Stadtkasse von Räubern geplündert wird, sitzen sie alle brav in der Kirche, die sie aber fluchtartig verlassen, sobald der Klingelbeutel herumgereicht wird. Im Zentrum der feinen Gesellschaft steht Bim, ein freundlicher, hilfsbereiter und offener junger Mann, der allein aufgrund seines wirtschaftlichen Status ausgegrenzt wird, obwohl er die gelobten amerikanischen Werte weit mehr verinnerlicht hat als die, die über ihn die Nase rümpfen. JUST PALS erhebt sicherlich nicht den Anspruch einer fein justierten Gesellschaftskritik, eher lassen sich seine Figuren als Karikaturen beschreiben, seine Weltsicht als hoffnungslos romantisch und sentimental. Aber davon lasse ich mich gern einfangen, denn Ford gelingen einige wunderschöne, geradezu herzzerreißende Momente, von denen jener, in dem Bim bemerkt, wofür der kleine Bill da sein Leben riskiert hat, noch heraussticht. Großen Anteil daran, dass einen die Geschichte der Freundschaft der beiden Loser nicht kalt lässt, trägt der spätere B-Western-Held Buck Jones, der die Rolle des tragischen Clowns mit Bravour ausfüllt. Er verdient unser Mitgefühl, ohne dabei jämmerlich zu wirken, ist als Held wider Willen genauso glaubwürdig wie als sich verzehrender Liebhaber. JUST PALS zeigt, welchen Platz die gefeierten Westernhelden in einer Welt einnähmen, die nicht den Gesetzen des Kinos gehorchte. Der mysteriöse Loner (lustig, die Wörter „loser“ und „loner“ trennt nur ein Buchstabe), der aus dem Nebel des Mythos angeritten kommt, den Tag und die Stadt rettet und sich dann von den tief im Herzen berührten Bürgern verabschiedet, um weiterzureiten, wäre in der „echten“ Welt bloß ein Penner, verlacht, verspottet, verachtet.

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