le locataire (roman polanski, frankreich 1976)

Veröffentlicht: November 1, 2015 in Film
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Der nächste Teil meines unbeabsichtigten Themenspecials „Mieten, Kaufen, Wohnen“ nach BURNT OFFERINGS befasst sich weniger mit der Bausubstanz – obwohl die hier auch ziemlich fragwürdig ist -, als vielmehr mit den Menschen, die sie bewohnen. In LE LOCATAIRE wird viel über Wohnungen gesprochen, darüber wie rar sie sind und was sie kosten, und über die Nachbarn, wie man mit ihnen umgehen muss und was man im Gegenzug zu ertragen hat. Das Leben auf engstem Raum unter teilweise ausbeuterischen Verhältnissen mit Menschen, die sich unter diesen Umständen gegeneinander wenden, anstatt gemeinsam gegen erpresserische Vermieter aufzubegehren, wird in Polanskis Film zum kafkaesken Horrorszenario. Die Gesellschaft will keine Individuen, sie will fleißige Ameisen, die am Ende des Tages müde ins Bett, aber unter gar keinen Umständen aus der Rolle fallen. Alphamännchen wie der laut polternde Scope (Bernard Fresson) kommen damit gut zurecht, weil sie selbst keine Rücksicht kennen, aber ein eh schon neurotischer Schüchterling wie Trelkovsky, der immer wieder zu spüren bekommt, dass er trotz seines französischen Passes ein Fremder ist, zerbrechen unter dem Druck.

LE LOCATAIRE wird gemeinhin als Abschluss von Polanskis „Appartement-Trilogie“ bezeichnet, zu der auch REPULSION und ROSEMARYS BABY gehören, dabei sollte die Verfilmung des Topor-Romans „Le locataire chimerique“ eigentlich von Jack Clayton besorgt werden, dem das Projekt dann aber unter unglücklichen Umständen abgenommen wurde. Polanski drückt dem Stoff seinen unverwechselbaren Stempel auf, vermischt übersinnliche, psychologische und gesellschaftskritische Elemente, sodass sie nicht mehr sauber voneinander getrennt werden können, sich vielmehr gegenseitig reflektieren und verstärken. LE LOCATAIRE wird so zu einem faszinierenden Kunstwerk, das umso fremdartiger und singulärer wirkt, je mehr man Themen, Motive und Interpretationsansätze wiedererkennt und feststellt, dass sich der Film nicht in ihnen erschöpft. Schon die Welt, in der die Geschichte angesiedelt ist, ist seltsam. LE LOCATAIRE spielt im Paris des Jahres 1976, aber irgendwas stimmt nicht. Das Haus, in dem Trelkovsky seine Wohnung findet, scheint sich in einer völlig anderen Epoche zu befinden, und die Art, wie er sich in Paris bewegt, wie er redet, erweckt den Eindruck, er sei soeben aus einer Zeitmaschine gestiegen. Das passt auch zu der kafkaesken Erzählstrategie, totale Lappalien zum unverzeihlichen Sündenfall aufzublasen. Trelkovsky hat bloß ein paar Freunde zu Besuch, schon wird er von seinen Nachbarn behandelt, als hätte er eine mehrstündige Orgie mit Minderjährigen gefeiert. Das kulminiert in einer späteren Szene, in der er erfährt, dass man sogar schon bei der Polizei über seine „Vergehen“ informiert ist. Und wie bei dem Prager Autoren weiß man als Zuschauer oft nicht, ob das Gebotenen nun absurd komisch oder furchtbar tragisch ist. In den meisten Fällen ist es tatsächlich beides. Das spiegelt sich wohl am deutlichsten im FInale wider, in dem sich Trelkovsky in Frauenkleidern aus seinem Appartement stürzt, überlebt, und es deshalb gleich ein zweites Mal versucht.

Ein kurzer Blick auf den informativen Wikipedia-Eintrag zum Film offenbart zahlreiche hoch interessante Lesarten. LE LOCATAIRE als persönliche Aufarbeitung von Polanskis Erfahrungen im Dritten Reich zu betrachten, als Blick in eine traumatisierte Seele, scheint mir am griffigsten. Der Film ist einerseits von tiefem Misstrauen gegenüber den Mitmenschen geprägt, von der Angst, der nächste könne sich als Mörder oder Verräter erweisen, andererseits von der Verunsicherung, die daher rührt, ein Verfolgter zu sein. Trelkovsky kann sich nirgendwo zu Hause fühlen. Nicht mal in seinem eigenen Körper.

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Kommentare
  1. Marcos sagt:

    Kein Film hat mich je so erschreckt wie dieser. Der einzige Film, den ich als Erwachsener zum ersten Mal gesehen habe und danach mehrere Nächte hintereinander Albträume hatte.

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