übermut im salzkammergut (hans billian, deutschland 1962)

Veröffentlicht: November 3, 2015 in Film
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uebermut_im_salzkammergutNach dem doch etwas drögen WENN DIE MUSIK SPIELT AM WÖRTHERSEE zeigt Lustmolch Hans Billian, wie’s geht mit dem Schlagerfilm. Der Generationenkonflikt wird konsequent ausgespielt und in den Mittelpunkt gerückt, die Jugend mit ihrer Vorliebe für Badespaß, körperbetonte Kleidung, Liebeleien und die unverzichtbare „Jatz“-Musik darf den Spießern nun ganz ohne Relativierungen zeigen, was sie von erhobenem Zeigefinger, überkommenen Anstandsregeln und Prüderie hält. Und sie ist dabei so erfolgreich, dass sie die gemäßigten Kräfte erfolgreich auf ihre Seite zieht, während die lustfeindlichen Ultraspießer zum Schweigen gebracht werden. Das Dörfchen Thomaskirchen darf danach als „befreit“ gelten. Dass Klein Martina, ein dickliches Rotzbalg mit Feuermelder-Gesicht, ihren „Hit“ „Immer dicker wird mein Papi“ zum Besten geben darf, muss man als Konzession an demokratische Grudnwerte verstehen.

Die Revolution beginnt indessen im Kleinen: Die fesche Birgit (Helga Sommerfeld) will nach eineinhalb Jahren Beziehung mit Rolf (Claus Biederstaedt) endlich dessen Eltern kennenlernen. Weil die aber einfache Bauern im Salzkammergut sind, die mit einem „Mannequin“ wie Birgit gewiss nichts anzufangen wissen, denkt der sich immer neue Ausreden aus. Selbst ist die Frau: Birgit reist kurzentschlossen selbst nach Österreich und heuert bei Rolfs Eltern als neue Magd an, um sich als patentes Mädel und geeignetes Eheweib anzudienen. Das sorgt für die zu erwartenden Schwänke, bei denen es selbstredend nicht bleibt, denn was ein echter Schlagerfilm ist, der gibt sich mit einem Handlungsstrang allein nicht ab. So trudeln dann bald schon Schlagerstar Gus Backus (Gus Backus) samt seinem Manager Fred (Thomas Alder) ein: Ersterer verdreht der frechen Tankwärtin Christine (Margitta Scherr) den Kopf, die stets ihr voll aufgedrehtes Radio dabei hat und die Spießer des Ortes mit „heißer Jatz-Musik“ in den Wahnsinn treibt (letzterer nutzt seinen Dr. jur. um als vermeintlicher Arzt an den Gliedmaßen rumzufummeln, aber darum geht es hier nicht). Mit Entsetzen nimmt Gus zur Kenntnis, dass es keinen einzigen Ort in ganz Thomaskirchen gibt, wo junge Leute ihren Spaß haben können, und verspricht, an diesem unhaltbaren Zustand etwas zu ändern: Ein großes Musikfestival soll her, und während die Betonköpfe im Stadtrat noch darüber streiten – ein besonders verklemmter Zeitgenosse bezeichnet die Jugendlichen gar als „Untermenschen“ – trudelt Rolf in seiner Heimat ein, mit der vornehmen Doris (Hannelore Auer) im Schlepptau („Mein Bikini verliert im Wasser die Form!“), um Birgit eifersüchtig zu machen.

Dieses Sammelsurium aus sich überkreuzenden Plots und Subplots bietet, wie es in diesem Genre Usus ist, immer wieder reichlich Gelegenheit, die Darsteller in spontane Gesangsdarbietungen ausbrechen zu lassen oder auch musikalische Gäste anzukarren, damit es etwas Abwechslung gibt, und die sattsam bekannten Zoten und Verwechslungsspielchen anzuschieben. Das alles ist nicht neu und schon gar nicht originell, aber Billian inszeniert mit deutlich mehr Verve als sein anämischer Kollege Grimm den schon genannten WENN DIE MUSIK SPIELT AM WÖRTHERSEE und Lust an der – zwar verborgenen, aber doch unübersehbaren – Schweineigelei. Es geht natürlich niemals richtig zur Sache, aber es lässt sich kaum übersehen, dass ÜBERMUT IM SALZKAMMERGUT wesentlich körperlicher ist als andere Vertreter des Genres, etwa wenn Protagonistin Birgit in einer Szene mit einer wildgewordenen Sau ringt. Der kämpferische Unterton, der in Grimms Film zugunsten der großen Schlussharmonie gemildert wird, steigert sich hier zum deutlich vernehmbaren Schlachtgesang: Die ätzenden Lustfeinde werden dann auch nicht bekehrt, sondern konsequent mit Pauken und Trompeten vertrieben, auf dass sie nie mehr wiederkommen. Jetzt bin ich auf Billians ICH KAUF MIR LIEBER EINEN TIROLERHUT gespannt.

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