super (james gunn, usa 2010)

Veröffentlicht: November 9, 2015 in Film
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KICK-ASS in gut: James Gunns SUPER ist eine Art Reimagining von TAXI DRIVER, allerdings nicht mit einem unter posttraumatischem Stresssyndrom leidenden Vietnamveteranen im verrotteten New York der Siebzigerjahre, sondern einem anscheinend harmlosen Durchschnittsbürger (Rainn Wilson), der ausrastet, als ihm ein schmieriger Krimineller (Kevin Bacon) die mit einer Drogenvergangenheit vorbelastete Ehefrau (Liv Tyler) wegnimmt. Anstatt sich den Schädel zu rasieren, für den Ernstfall die Muskeln zu stählen und sich mit Waffen auszustatten, erinnert sich der gebeutelte Frank an die religiösen Comics um den Holy Avenger und verwandelt sich in den Superhelden „Crimson Bolt“, der bewaffnet mit einer Schraubzange und dem Credo „Shut up, Crime!“ auf Verbrecherjagd geht. In seinem Kampf unterstützt ihn die gleichermaßen seltsame Comicverkäuferin Libby (Ellen Page) als sein Sidekick „Bolty“.

Die Grundidee teilt SUPER mit dem oben erwähnten, zur selben Zeit, aber mit deutlich höherem Aufwand entstandenen KICK-ASS, geht aber gänzlich andere Wege. Franks Treiben als Crimson Bolt trägt keine heroischen Züge, vielmehr wirkt seine Realitätsflucht im einen Moment lächerlich und mitleiderregend, im nächsten mündet sie in grausamen, völlig überzogenen Gewalttaten, die eine handfeste Psychose vermuten lassen. Gunn kleistert seinen Film auch nicht mit überkandidelten Effekten zu, visuell lässt er eher Understatement walten, und die „Soundwolken“, die er als Referenz an Comichefte immer wieder einblendet, verstärken noch die Kluft zwischen den harmlosen gezeichneten Vorbildern und der bitteren Wirklichkeit des Films. Die Erkenntnis, vor der Matthew Vaughn in KICK-ASS krampfhaft die Augen verschloss, nämlich dass Superheldentum in die Realität übertragen mit Sozio- und Psychopathie gleichzusetzen ist, steht bei Gunn nicht am Ende, es ist die Prämisse, auf der er SUPER aufbaut. Frank lebt von Beginn an in seiner eigenen Welt, ein Außenseiter, den regelmäßig religiöse Epiphanien heimsuchen. Ausgangspunkt seiner Laufbahn als Superheld ist eine Vision, in er ihn „der Finger Gottes“ berührt und auserwählt. Der Raub seiner Ehefrau mag der Tropfen gewesen sein, der das Fass zum überlaufen brachte, aber wenn man sieht, wie der „Crimson Bolt“ Leuten den Schädel einschlägt, weil sie sich in der Schlange vorgedrängelt haben, weiß man, dass sich hier jemand Luft verschafft, der seinen Alltag als eine unablässige Kette von Niederlagen, Demütigungen und Frustration begreift.

SUPER findet – wie Scorseses TAXI DRIVER – zu einem bitter-ironischen Ende, das Franks Episode der Realitätsflucht tatsächlich das Heroische abringt, seinen Amoklauf als Akt edler Selbstaufopferung interpretiert. Es scheint aber vor allem Franks eigene Verblendung daraus zu sprechen, auch wenn es ihm tatsächlich gelungen ist, seine Ehefrau zu befreien. Mehr als ein Gefühl der Erhabenheit löst Gunn aber ein nagendes Unbehagen im Zuschauer aus. Die Franks und Libbys sind uns zu vertraut in ihrer sozialen Inkompetenz, ihrem Gefühl, nicht dazuzugehören, ihrer transzendentalen Obdachlosigkeit und Einsamkeit. Zu bekannt ist der einsetzende Mechanismus, die eigene Unzulänglichkeit durch Gewalt gegen ein willkürlich gewähltes Opfer zu kompensieren. Wer fängt sie auf, die Freaks mit dem Messiaskomplex? SUPER gibt darauf keine Antwort und das ist auch ganz gut so.

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Kommentare
  1. Mr. Majestyk sagt:

    Freut mich, dass wir hier einer Meinung sind.
    SUPER gefiel mir so gut, dass ich die Blu-ray letztes Jahr bei einer Videothekenauflösung auch gleich gekauft habe.

    Was mir auch gut gefallen hat, auch wenn SUPER eine gewisse Distanz zu Frank und Libby hält, der Film gibt die Charaktere nie der Lächerlichkeit preis. Beim Schicksal Libbys habe ich seinerseits mitgefühlt. Demgegenüber gingen mir die Hauptpersonen bei KICK ASS an eben jenem vorbei.

    Die TAXI DRIVER Parallele habe ich bei meiner Sichtung nicht hergestellt, rückblickend aber ist dies absolut logisch und schlüssig. Sehr treffend und ein toller Einstieg in die Kritik.

  2. Faniel Dranz sagt:

    Libbys Ende kam wirklich einem Schlag in die Magengrube gleich. Ufff.

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