chain of command (kevin carraway, usa 2015)

Veröffentlicht: November 10, 2015 in Film
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Die Klage, dass Filme (vor allem aus Hollywood) heute nicht mehr so gut und bedeutsam sind, wie sie es vor Jahrzehnten einmal waren, gehört zum Standardrepertoire des leidgeprüften Cinephilen. Weitaus weniger oft gehört, aber kaum weniger zutreffend ist die Feststellung, dass Filme heute auch auf andere Art und Weise beschissen sind, eine bestimmte Spielart des Schrotts leider völlig verschwunden ist. Vorbei die Zeit, als mit markigen Airbrush-Covermotiven ausgestattete Billighuber von ahnungslosen Videothekaren im Regal neben den starbesetzten Actionknaller geräumt wurden, der Amateurhobel dank Kreativität und Fleiß des Effektmannes zum „Klassiker“ avancierte, berühmte Publikumsschlager unbeholfene Rip-offs aus aller Herren Länder erfuhren, die die Lachmuskeln der mehr oder weniger überraschten Zuschauer strapazierten. Sicher, Dilettanten gibt es im Filmgeschäft immer noch, aber es ist leichter geworden, das eigene Unvermögen zu kaschieren (oder natürlich es absichtlich zu betonen, um das verblödete SchleFaZ-Publikum abzuholen). Auch wenn mancher selbsternannte Digitalkameramann beim Wort „Achsensprung“ wahrscheinlich erschrocken unter seinen Golf GTI kriecht: Moderne Schnittprgramme erlauben es mit ein bisschen Fingerfertigkeit alle Spuren des Versagens zu tilgen und den aus der Portokasse des örtlichen Gebrauchtwagenhändlers finanzierten Film fast aussehen zu lassen wie den neuen McG. Dass Realismus und Authentizität das vorherrschende Paradigma geworden sind, hat ebenfalls dazu beigetragen, überbordende Absurdität, Albernheit und Infantilität, die manchen Actioner früher zur Lachnummer machten, zum No-Go zu erklären. Grimmigkeit und heiliger Ernst sind Trumpf und nicht gerade der beste Nährboden für Humor, egal ob freiwiliger oder unfreiwilliger Couleur. Aber manchmal wird man überrascht, was mich zu CHAIN OF COMMAND bringt, einem Billigfilm, der die Grenze zum Amateurbereich mehr als nur haarscharf streift und von Minute zu Minute blöder wird.

Zunächst beginnt der Film von Kevin Carraway ganz ordentlich, nämlich mit der besten Einstellung des Films, die wahrscheinlich irgendwo geklaut oder aber Archivmaterial ist, denn der Unterschied zum Rest des Films ist eklatant. CHAIN OF COMMAND (Alternativtitel: ECHO EFFECT) ist eines jener Werke, dessen Figuren allesamt in blitzblanken, völlig unbewohnt und seltsam steril aussehenden Fertighäusern wohnen und mit Autos herumfahren, die gerade frisch vom Fließband gerollt zu sein scheinen. Gedreht wurde im schönen Hamilton, Ohio, das mit seinen unbelebten Straßen an ein besonders attraktives Gewerbegebiet erinnert, auch wenn die meistens nicht über ein schlammfarbenes Flüsschen verfügen, an dessen begrünten Ufern Parkbänke zum gemütlichen Verweilen mit Aussicht auf Lager- und Fabrikhallen einladen. Star der Show ist Michael Jai White, der einem nur leid tun kann: Seine große Chance auf Ruhm und Stardom verflog einst mit dem Flop von SPAWN, danach konnte er immerhin in DTV-Actionern wie UNDISPUTED 2 oder BLOOD AND BONE punkten und war zuletzt bei mir in Form von TACTICAL FORCE und SKIN TRADE zu Gast. Hier bleibt ihm nichts anderes übrig als gute Miene zum bösen Spiel zu machen, was ihm nur bedingt gelingt. Ich meine, im Verlauf des Films eine gewisse Genervtheit und Ernüchterung in seinem Gesicht gesehen zu haben, die ich nur zu gut verstehen kann, denn was einem hier geboten wird, spottet jeder Beschreibung. Der zweite „Hauptdarsteller“ Steve Austin hat kaum mehr als einen verlängerten Cameo, der darauf schließen lässt, dass er eher zufällig in der Gegend war und engagiert wurde, um mit seinem Namen prahlen zu können. Er bekommt nichts zu tun und wird ziemlich traurig durch einen über Bande abgefeuerten Schuss getötet, was seine vorangegangenen Großmaulsprüche, mit denen er als unbesiegbarer badass charakterisiert wurde, umso armseliger erscheinen lässt. Alle anderen Darsteller sehen aus wie erfolglose Schuhverkäufer und gleichen mangelndes Talent oder Charisma durch überbordenden Enthusiasmus aus. Immer eine tödliche Kombination. So schleppt sich die uninteressante Geschichte höhepunktarm von einer miserabel geblockten, einfallslos abgelichteten und schlicht scheiße aussehenden Szene zur nächsten, in den kurzweiligen Schusswechseln immer wieder „ansprechend“ garniert von grottenschlecht animierten CGI-Blutspritzern. Der große „Twist“ am Ende schlägt dem Fass dann engültig den Zacken aus der Pfanne: Die Kohle, die die bösen Drogendealer vermissen, wurde beim Helden im Garten unter ca. 6 Zentimetern Erde vergraben, auf dass er sie dort irgendwann finden würde. Gern hätte ich hier gern spektakulärere Erkenntnisse oder Beobachtungen weitergeben, aber die Scheißigkeit von CHAIN OF COMMAND ist eher von der tristen Art. Plastikkraken oder an der Schnur gezogene Torpedos sucht man also vergebens, aber wer Freude an sinnlos eingestreuten reaction shots trantütiger Visagen, abscheulichen Bildhintergründen, mit dem Rücken zur Kamera stehenden Darstellern, einschläfernd pluckernder Spannungsmusik oder langweiligen Laufszenen hat, der findet hier einen treuen Freund fürs Leben.

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Kommentare
  1. Wolfgang jahn sagt:

    Diesen Verriss zu lesen macht echt spass! 🙂

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