lightnin‘ (john ford, usa 1925)

Veröffentlicht: November 11, 2015 in Fikm
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66f4b1c0Unmittelbar nach THE IRON HORSE drehte John Ford den heute als verschollen geltenden HEARTS OF OAK, dann widmete er sich LIGHTNIN‘, der Adaption eines seinerzeit immens erfolgreichen Broadway-Stückes (das später noch einmal von Henry King verfilmt wurde). Nach dem ambitionierten, epischen Eisenbahnepos, dessen Vorbereitung und Dreh mehrere Jahre in Anspruch nahm, muss Ford es geradezu als Erholungsurlaub empfunden haben, sich mit LIGHTNIN‘ einer kleinen, leichten, liebenswürdigen Komödie zuzuwenden. Mythisch aufgeladene Bilder oder die Zelebrierung des amerikanischen Pioniergeistes sucht der Betrachter dann auch vergebens, was aber nicht bedeutet, dass der Film Ford-untypisch sei.Die Behandlung seiner Themen fällt hier lediglich spielerischer aus.

Das Setting ist kurios: LIGHTNIN‘ spielt im Calivada Hotel, das genau auf der Grenze zwischen Kalifornien und Nevada steht – sie zieht sich als sichtbare Linie quer durchs Haus – und vor allem von geschiedenen Frauen aufgesucht wird, die dort hoffen, einen neuen Liebhaber zu finden. Die besondere geografische Lage führt dazu, dass im Hotel zwei unterschiedliche Gesetze gelten und es jeweils eine eigene, auf der entsprechenden Seite liegende Rezeption für die Bürger der beiden Staaten gibt. Geführt wird es vom Ehepaar Jones und der gemeinsamen Tochter Millie (Madge Bellamy), wobei die nur „Mother“ genannte Mrs. Jones (Edyth Chapman) das Sagen hat, während ihr Ehemann, der zauselige Tagträumer und Trinker „Lightnin'“ Bill (Jay Hunt) den lieben langen Tag vergammelt und ständig auf der Suche nach den vor den Augen der strengen Gattin versteckten Schnapsreserven ist. Weil sie vom Ruhestand träumt, möchte sie das Hotel an zwei zwielichtige Grundstücksspekulanten verkaufen. Doch Lightnin‘ Bill weigert sich, seine Unterschrift unter den Vertrag zu setzen, da ihm sein Freund, der junge Anwalt John Marvin (Wallace MacDonald), davon abgeraten hat: Die beiden Männer sind nämlich Schwindler. Es kommt zum Konflikt zwischen Mother und Lightnin‘: Wenn er nicht unterschreibt, soll er sich zum Teufel scheren. Und das tut er, bis der Tag der Gerichtsverhandlung vor der Tür steht und er seiner Frau beweisen kann, dass er sie liebt.

Man erkennt es schon an der kurzen Inhaltsangabe: LIGHTNIN‘ ist ein leichter, kleiner, immens liebenswürdiger Film, der aus einer unschuldigen Zeit zu uns herüberweht und dabei den Duft von Omas Apfelkuchen mitbringt. Gerade zu Beginn verwendet Ford viel Zeit darauf, eine nostalgisch-friedliche Stimmung zu etablieren. Eine wichtige Rolle spielen dabei Lightnin‘ Bills auf dem ganzen Grundstück deponierte Schnapsvorräte und sein treuer Hund, der sich an jedes Versteck erinnert, dem Herrchen immer wieder die ersehnten Flaschen bringt. Lightnin‘ ist ein Faulpelz und eine Seele von Mensch und deshalb kann man ihm für seine Trinkerei und Faulheit auch nicht wirklich böse sein. Mother, die alle Hände voll zu tun hat, den Betrieb aufreuchtzuerhalten, sieht das natürlich etwas anders, aber die beiden bilden diese unzertrennliche Einheit, die Jahrzehnte der Ehe mit sich bringen. Beide machen sich keine Illusionen mehr über den anderen und es wäre gelogen, wenn man ihren Umgang miteinander als zärtlich oder besonders liebevoll beschreiben würde, aber sie kennen sich und wissen ganz genau, was sie vom anderen erwarten können – und was eben nicht. Hans Helmut Prinzler schreibt in seinem im Band „Filmregisseure“ enthaltenen Ford-Essay, dass die Idee der „Heimat“ im Werk des Filmemachers zentral sei. Heimat ist bei Ford ein idealisierter, beinahe mythisch aufgeladener und nicht immer geografisch fest zu bestimmender Ort, und in LIGHTNIN‘, dessen Schauplatz ja buchstäblich zwischen zwei Welten liegt, ist es eben die Instanz der Ehe zwischen Bill und Mother, die beiden das Gefühl von Geborgenheit gibt und die Synthese der beiden Antithesen – Nevada und Kalifornien, Bill und Mother – schafft. Die gelebte Utopie wird wie schon in den vorangegangenen Filmen durch zwei hinterhältige Kapitalisten in Gefahr gebracht, die den Traum für wertlos erachten und nur das Zählbare sehen, das jedoch ohne das Leben jeden Wert verliert. Es sind Bill und Mother, die das Calivada Hotel erst zu einem „Ort“ machen, der mehr ist als umzäunter und bebauter Boden. Er ist Ausdruck ihres ganzen Wesens und ihrer heiligen Verbindung.

Ford strebte mit LIGHTNIN‘ zum Herz seines Werkes und drehte einen Film, der von Liebe und Wärme geprägt ist. Wir fühlen mit dem Titelhelden, wenn er sich im Veteranenheim an seine Gattin erinnert, er sich auf den Weg zum Gericht macht, um sie zurückzugewinnen. Er lässt jeden vordergründigen Heroismus vermissen, aber in LIGHTNIN‘ ist er natürlich trotzdem der Held. Außerdem gelingen einige wunderhübsche komische Sequenzen. Höhepunkt sind sicherlich die verzweifelten Versuche des Sheriffs, John Marvin festzunehmen. Fassungslos muss er feststellen, dass sein in Nevada ausgestellter Haftbefehl auf der kalifornischen Seite des Hotels ohne jede Bedeutung ist. Und John hat seinen Spaß, den tolpatschigen Gesetzeshüter durch neckende „Grenzübertritte“ zu reizen. Schlicht süß sind auch die sich zwischen Millie und John respektive dem popanzigen Richter und einer im Hotel nächtigenden Tänzerin entspinnenden Romanzen. Das närrische Treiben Verliebter fängt Ford wunderbar ein: Einmal knallt Millie ihrem John die Tür vor der Nase zu, nachdem sie ihm ihre Verachtung mitgeteilt hat. Von außen schreibt er „I love you“ in den Staub der in die Tür eingelassenen Scheibe. Er weiß genau, wie sie reagiert, auch wenn er sie nicht sehen kann.

Kommentare
  1. […] It For Later eine umfangreiche John-Ford-Retro begonnen, die er diese Woche mit der Komödie “Lightnin‘“ von 1925 und dem ein Jahr später entstanden Western „3 Bad Men“ […]

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