hardcore (paul schrader, usa 1979)

Veröffentlicht: November 13, 2015 in Film
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Zwischen TAXI DRIVER und AMERICAN GIGOLO angesiedelt, ist HARDCORE so etwas wie ein geografisches BIndeglied: Das Selbstjustizdrama um den traumatisierten Vietnamveteran Travis Bickle begab sich tief in das versiffte New York der Siebzigerjahre, während sich der geschniegelte „Mann für gewisse Stunden“ in der Neonpracht von Los Angeles aushalten ließ. HARDCORE beginnt hingegen in Grand Rapids, Michigan, im mittleren Westen der USA, der Heimatstadt Paul Schraders, in den Häusern der Familie van Dorn. Streng gläubige Christen allesamt, finden an der weihnachtlichen Tafel erhitzte theologische Debatten statt, christliche Leitsprüche zieren auf kleinen Schildern die Wände, der älteste Bruder Jake (George C. Scott) spricht das Tischgebet. Harmonie im Heartland, so scheint es, doch der Eindruck täuscht, wie sich später zeigen wird. Bei einem Ausflug mit dem Kirchenverein nach Los Angeles verschwindet Kristen, Jakes Tochter, kehrt nicht wieder zurück. Und Jake, außer sich vor Sorge, reist nach L.A., engagiert den schmierigen Detektiv Mast (Peter Boyle) und sieht wenig später einen Super-8-Porno, in dem Kristen mitwirkt.

In Deutschland wurde der Film mit dem Untertitel EIN VATER SIEHT ROT vermarktet, auf die Verwandtschaft des Films mit Michael Winners DEATH WISH anspielend und den Selbstjustizcharakter betonend, der sich jedoch nur in wenigen Szenen, besonders im Finale, niederschlägt. Viel eher geht es in Schraders Film um das Aufeinanderprallen zweier verschiedener Welten und Lebensentwürfe, das Erkennen der Kluft, den Versuch eines Brückenschlags, schließlich das Eingeständnis, dass sich nicht alle Gegensätze vereinen lassen, die USA im tiefsten Inneren gespalten sind. Los Angeles ist eine Stadt der Getriebenen, Suchenden und Verlorenen, ein Sündenpfuhl einerseits, ein Ort, in dem die Lust gefeiert wird andererseits, In Grand Rapids hingegen herrscht Klarheit, vor allem, wenn man der richtigen Konfession angehört: Die van Dorns können sich zu den Auserwählten zählen, die irgendwann erlöst werden. Probleme treten allerhöchstens auf, wenn es um die Wahl der neuen Unternehmensfarbe geht. Solche Sorgenfreiheit hat die Gelegenheitsprostituierte und Pornodarstellerin Niki (Season Hubley) nicht und auch keine Familie, die sich an Weihnachten um den goldbraun gebackenen Truthahn versammelt. Die Freundschaft, die sich zwischen den beiden gegensätzlichen Typen entwickelt, bildet das Zentrum des Films: Wie die beiden ihren anfänglichen Vorurteile überwinden und in ehrlichen Rapport zueinander treten, fängt Schrader mit ungeahntem Feingefühl und dem Gehör für die leisen Zwischentöne ein. (Ganz toll, als er auf ihre spöttische Reaktion zu seiner Religion meint, man könne das von außen nicht beurteilen, und sie sehr schlagfertig entgegnet, dass das Gegenteil richtig sei, von innen alles immer richtig und logisch aussehe.) Am Ende haben die beiden etwas voneinander gelernt, auch wenn es nicht reicht, um sich wirklich die Hand zu reichen. Beide trennt einfach zu viel.

Aber das Bemühen, zu verstehen, das Jake ebenso wie der Film selbst an den Tag legt, unterscheidet HARDCORE von reaktionärem Käse wie dem unsäglichen 8MM, in dem die ganze Pornoindustrie nur aus schmierigen Perversen besteht. Die gibt es zwar auch in HARDCORE, aber man sieht auch eine andere Seite. Vor allem wird all den Prostituierten, Freiern, Türstehern, Pornodarstellern und Stripperinnen zugestanden, dass sie sich nicht in dieser Tätigkeit erschöpfen. Dass das auch Menschen mit Träumen, Ängsten, Wünschen und Hoffnungen sind. Die Suche nach Kristen wird für Jake insofern auch zu einer Art Rollenspiel, in dem er ein anderes Sein ergründen kann. Das wird überdeutlich, wenn er sich für den Besuch bei einem Produzenten von seiner bürgerlich-strengen Garderobe entledigt und mit schwarzer Sonnebrille und Gewinnerlächeln auftritt. Oder wenn er ein Casting veranstaltet, für das er sich Schnurrbart und Perücke aufsetzt. Seine Familie erkennt ihn dann auch kaum wieder, bekommt ihn monatelang nicht zu Gesicht, und für eine Weile besteht die Möglichkeit, dass Jake sein altes Leben – in dem auch nicht alles gut war, wie man zum Schluss erfährt – hinter sich lässt, sich im nächtlichen Labyrinth der Vergnügungsviertel verliert, sich in einen von vielen ziellos Suchenden verwandelt, die wie Motten ums verführerische Licht schwirren. Dass Schrader diesen Weg nicht geht, mag auch der Konvention geschuldet sein und dem verständlichen Wunsch, Vater und Tochter eine zweite Chance zu geben, den Brückenschlag doch noch zu schaffen.

Kommentare
  1. Ghijath Naddaf sagt:

    Den habe ich nur einmal gesehen, ist ewig lange her. Kann mich natürlich noch daran erinnern
    das Scott und Boyle phantastisch waren. Aber das sind sie ja eigentlich immer.
    Allerdings hatte ich Season Hubley da noch nicht auf dem Schirm, die mich in Vice Squad schwer
    beeindruckt hat. Wird also mal wieder Zeit.

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