mondo cannibale (jess franco/franco prosperi, deutschland/frankreich/italien/spanien 1980)

Veröffentlicht: November 15, 2015 in Film
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Die Höhepunkte des überiwegend italienischen Ursprungs entstammenden Kannibalenfilm-Subgenres sind – seien wir ehrlich – rar gesät. Ruggero Deodato lieferte mit CANNIBAL HOLOCAUST einen Film für die Ewigkeit ab, mit ULTIMO MONDO CANNIBALE immerhin einen, der einige Jahre zuvor den Grundstein für die spätere Großtat legte. Alle weiteren Vertreter unterscheiden sich hinsichtlich ihrer jeweiligen Production Values – Martinos LA MONTAGNA DEL DIO CANNIBALE ragt als aufwändige Produktion mit europäischen Stars heraus -, lassen sich aber doch weitestgehend unter sensationalistischer, dramaturgisch eher minderbemittelter Exploitation abheften, die an anthropologischen oder sozioökonomischen Wahrheiten nur bedingt, an der Befriedigung der Sensationsgeilheit des Publikums aber sehr viel mehr interessiert war, kurzfristig gutes Geld in die Kassen spülte, mittelfristig aber den Niedergang des italienischen Kinos mitbegünstigte. Es verwundert nicht, dass auch Jess Franco seinen unvermeidlichen Beitrag ablieferte: MONDO CANNIBALE wird meist heftigst verrissen und als Beispiel für das vermeintliche Unvermögen des Spaniers herangezogen. Der Film ist tatsächlich ziemlich unterirdisch, aber wer glaubt, dass Franco diesen Tinnef ernst gemeint haben könne, sich nicht über die offenkundigen Unzulänglichkeiten im Klaren war, die sein Film aufwies, der unterschätzt den Mann und hat nicht verstanden, dass er das Kino atmete. Während ich mich durch die 85 Minuten von MONDO CANNIBALE quälte, sah ich ihn vor mir, wie er feixend hinter der Kamera stand, absichtlich Einstellungen wählte, die die Illusion, sein Film spiele im Urwald von Malawi, mit Wucht zerschmetterten. Schade, dass es 1980 noch keine Gorebauern gab: Ihr enttäuschter Blick beim Verlassen des Kinos wäre in Gold nicht aufzuwiegen gewesen.

Man muss dazu sagen: Es war vor nunmehr 35 Jahren wahrscheinlich nicht so einfach, sich einen umfassenden Einblick in das Werk Francos zu erarbeiten. Klar, viele seiner Filme konnte man zu ihrem Erscheinen noch in voller Größe und gewissermaßen „live“ auf den Leinwänden bundesdeutscher Bahnhofskinos bewundern, aber ein Werkzeug wie die IMDb oder aber Genrefilm-Enzyklopädien, die sich die Mühe machten, seine Filme aufzulisten, gab es damals noch nicht. Somit konnten die Zuschauer, die sich in MONDO CANNIBALE verirrten, auch nicht ahnen, dass dieser neueste Kannibalen-Reißer von einem Regisseur stammte, der von dieser Spielart des Horrorfilms ideell kaum weiter entfernt hätte sein können. Franco interessierte sich für die Improvisation, für die Poesie, die aus dem Trivialen erwächst, für das, was zwischen den Verfolgungsjagden, Ballereien und Schocks des Genrekinos passierte, für das Banale, den Smalltalk oder den lästigen Weg von A nach B. Die Nummernrevue des Kannibalenfilms, der atemlos eine „Attraktion“ an die andere reiht, war seine Sache nicht, genauso wenig wie Gore und Splatter. Wenn man das weiß, versteht man auch, warum MONDO CANNIBALE so aussieht wie er aussieht: Die ausschließlich in extremen Nahaufnahmen gehaltenen Fressszenen werden mit Hall unterlegt, durch Zeitlupe gnadenlos in die Länge gezogen und so zur nervenzerrenden Zerreißprobe für den Zuschauer, der doch eigentlich Tempo, Thrill und grelle Schocks will. Es wird endlos viel gelatscht, was für einen Kannibalenfilm nicht so ungewöhnlich ist, hier aber allein durch das Setting noch auf die Spitze getrieben wird: Francos „Urwald“ ist schätzungsweise der botanische Garten von Marbella, es gibt steingesäumte Kakteenbeete, breite Sandwege, ausladende Steinhäuser hinter den Palmen und einmal nimmt die Kamera gar einen Baum ins Visier, in dessen Rinde der zuständige Forstbeamte einige Zahlen geritzt hat. Auch die Bedrohung durch die gefährlichen Kannibalen, die dem Zuschauer in besseren Genrevertretern über langweilige Durststrecken hinweg hilft, verpufft, sobald man sie zum ersten Mal zu Gesicht bekommt, nämlich gleich zu Beginn des Films. Franco rekrutierte seine „Wilden“ offensichtlich aus den Reihen der anndalusischen Eisenbahnergewerkschaft: Da finden sich Schnauz- und Vollbärte, akkurate Scheitel, blasse Trichterbrüste und dicke Pedros mit behaartem Bierbauch. Ich schwöre, dass einer der Kannibalen aussieht wie Ilja Richter in Frauenklamotten in TANTE TRUDE AUS BUXTEHUDE! Die „Helden“ reißen sich auch nicht gerade ein Bein aus, um die Illusion von Lebensgefahr zu verkaufen, stapfen gelangweilt durch die Botanik, machen mal kurz „Kreisch!“, wenn einer der Kannibalen mit Dynamo-Dresden-Fanbemalung aus dem Gebüsch lugt und sterben ohne langes Federlesen. Am besten hat mir das Ehepaar gefallen, dass kurz nach dem Aussteigen aus dem Jeep schon wieder kehrt macht und dann auch nicht weiter vorkommt. Der grinsende Gentleman (Typ: Anton Diffing für Arme), der unbemerkt von den anderen einen Herzanfall erleidet und dann sprichwörtlich „ins Wasser“ geht, ist aber auch nicht schlecht. Die englische Synchro greift dem Film verzweifelt unter die Arme, in dem sie die Figuren selbst dann noch ununterbrochen faseln lässt, wenn sie sichtbar den Mund geschlossen haben.

Aber das Ding ist: Selbst wenn man mit Humor an die Sache herangeht, ist MONDO CANNIBALE immer noch ziemlich öde, wohl nicht zuletzt deshalb, weil sich auch Franco selbst königlich gelangweilt hat.

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Kommentare
  1. Mr. Majestyk sagt:

    Auf die Gefahr hin Blasphemie zu betreiben. Ich kenne von Franco nur einen Film der mit leidlich gut gefällt, NACHTS, WENN DRACULA ERWACHT. Darüber hinaus haben manche seiner Streifen einen schönen Soundtrack, wie etwa SIE TÖTETE IN EKSTASE.

    Die Logik absichtlich schlechte Filme zu produzieren um das eigene Kunstverständnis auszudrücken erschließt sich mir nicht ganz. Kann aber natürlich an mir liegen. Aber mein Appetit wurde durch die Besprechung diesmal nicht gerade geweckt.

    CANNIBAL HOLOCAUST habe ich letztes Jahr noch in Köln auf der großen Leinwand sehen dürfen. Jenseits aller sicher berechtigten Kritik ganz starkes Kino und die Musik von Riz Ortolani mag ich sehr. Auch ULTIMO MONDO CANNIBALE weiß zu gefallen. Eigentlich schade, wie Deodato’s Karriere verlaufen ist.

    Planst Du noch weitere Besprechungen von Kannibalenfilmen?

    • Oliver sagt:

      „Die Logik absichtlich schlechte Filme zu produzieren um das eigene Kunstverständnis auszudrücken erschließt sich mir nicht ganz.“

      Der Satz enthält ja bereits eine Wertung deinerseits. Franco hat nicht „mit Absicht“ schlechte Filme gedreht und das habe ich auch nicht behauptet. Aber er hat natürlich immens viel Zeug gedreht, das Geld, was man ihm angeboten hat, gern genommen, auch wenn ihn der Stoff vielleicht nicht besonders interessiert hat. Meiner Meinung nach – ich spekuliere, wenn auch mit dem Hintergrundwissen von ca. 30 gesehenen Francos – war MONDO CANNIBALE so ein Film. Franco war m. E. zu intelligent und verspielt für bzw. seine Vorlieben zu weit weg vom Kannibalenfilm, als dass er sich im Stile Lenzis kopfüber da reingeworfen hätte. Das nummernrevueartige Abklappern von spektakulären „Nummern“ ist seine Sache nicht. Wenn man bei ihm Thrill und Suspense sucht, die von einer perfekt laufenden, gut geölten Maschine erzeugt werden, ist man sicherlich eher auf dem falschen Dampfer.

      Ich habe hier im Blog ja schon Einiges zu Franco geschrieben und wiederhole mich gern: Sein Werk erschließt sich eigentlich erst, wenn man einige seiner Filme gesehen hat und sich von Konventionen, was als „gut“ und „schlecht“ gilt, freimachen kann. Was vorher langweilig, unbeholfen und doof aussah, entfaltet dann plötzlich eine ganz andere Wirkung. Der Mann war kein Dilettant, der wusste genau, was er tat (manchmal kamen ihm vielleicht die Budgets etwas in die Quere) und der Reiz seiner Filme besteht vor allem darin, dass er abgegriffene Inszenierungsklischees aufbricht, Dinge bewusst „anders“ dreht, als es die Intuition oder die Konvention diktiert. Das kann man natürlich als „schlechtes“ filmmaking bezeichnen. Letztlich hängt es wohl davon ab, ob es „klick“ macht oder nicht. Ich schätze seine unorthodoxen Inszenierungen mittlerweile sehr und freue mich auf jeden Film, den ich von ihm sehe, weil man nie genau weiß, was man bekommt.

      Zu deiner abschließenden Frage: Ich werde demnächst wohl ein paar Kannibalenfilme schauen, aber nur solche, die ich noch nicht kenne. Das sind Lenzis Initialzündung IL PAESE DES SESSO SELVAGGIO, Francos JUNGFRAU UNTER KANNIBALEN und D’Amatos PAPAYA – LIEBESGÖTTIN DER KANNIBALEN.

  2. Mr. Majestyk sagt:

    „Selbst wenn man mit Humor an die Sache herangeht, ist MONDO CANNIBALE immer noch ziemlich öde, wohl nicht zuletzt deshalb, weil sich auch Franco selbst königlich gelangweilt hat.“

    Dies bzw. einige andere Anmerkungen in der Besprechung habe ich mal frecherweise so gewertet, dass MONDO CANNIBALE nicht unbedingt die größte Filmperle ist, die auf Entdeckung wartet.
    Und auch, dass Franco dem Projekt wohl nicht so das große Interesse entgegengebracht hat.

    Ich würde mir nie anmaßen zu behaupten Regisseur XY kann nichts, bzw. ein Filmemacher sei per se ein Dilettant. Mich hat trotz Sichtung zahlreicher Filme (ein enger Freund ist Fan) Franco nie erreicht, ist halt so. Meiner Meinung nach, kann man aber auch bei vermeintlich uninteressanten Projekten ambitioniert arbeiten. Ich habe auch schon Arbeiten verrichtet die mir nicht gefielen und dennoch bestmöglich gearbeitet. Abgesehen davon hat ein limitiertes Budget schon so manche Filmschaffende nicht davon abgehalten packende Werke abzuliefern.
    Franco mag ein großer Künstler sein, vielleicht ändere ich auch irgendwann meinen Blick auf seine Filme, Stand heute ist sein Werk das meine nicht.

    Von den zu besprechenden Filmen kenne ich nur PAPAYA, ist aber schon ewig her.
    Viel Vergnügen dabei und nichts für ungut. 🙂

    • Oliver sagt:

      Klar, habe ich ja eingeräumt, dass der Film eher nicht gelungen ist und auch als Franco-Film eher uninteressant. Mir ging es auch nicht so sehr darum, den Film durch die Hintertür aufzuwerten, aber in der Art und Weise, wie er in die Binsen geht, sieht man m. E, dass es eher an Desinteresse – oder aber an Francos speziellem Humor – und weniger an Unvermögen lag.

      Zum Thema „bestmögliche Arbeit abliefern“: Vielleicht war MONDO CANNIBALE unter den Umständen ja das beste, was ging, das wissen wir ja nicht. 😉 Und klar, es gibt Filmemacher – man bezeichnet solche dann wohl als „Auftragsarbeiter“ -, die die an sie gestellten Aufgaben immer mit mehr oder weniger guten Resultaten bewältigen. Jess Franco ist ja eher ein auteur, der aber eben so besessen vom Filmemachen war, dass er nicht so gut „Nein“ sagen konnte und daher auch in Genres gearbeitet hat, die nicht „seine“ waren. Da gibt es ja noch andere Beispiele: Mir fällt gerade Miike ein, der zwischendurch auch immer kommerziellere Sachen gemacht hat, die dann vielleicht lebloser, langweiliger und „unwichtiger“ sind als seine Herzensprojekte (oder Gilliam mit THE BROTHERS GRIMM). Dass ist ein bisschen wie mit dem Buchverlag, der gut verkäufliche Trivialliteratur rausbringt, um die Sachen zu finanzieren, die ihm wirklich wichtig sind, aber eben eher keinen oder nur einen kleinen Gewinn abwerfen, von dem allein man nicht leben kann. Und um „seine“ Filme machen zu können, nahm Franco eben etwas wie einen Kannibalenfilm mit, der Anfang der Achtziger eine kommerziell halbwegs sichere Sache war.

      Ich finde MONDO CANNIBALE wie gesagt eher öde, aber andererseits ist es auch wieder ganz cool, wie Franco die dem Genre inhärente Idiotie so frontal mitinszeniert, Illusion eines von Kannibalen bewohnten Urwalds zerstört, indem er gar nicht mehr verbirgt, dass es albern bemalte Statisten sind, die da durch den Stadtpark tollen.

      Und zum Schluss: Kein Grund für die Schlussbemerkung, habe dir das nicht übel genommen. Warum auch?

  3. Toller Text! ENDLICH mal jemand, der Franco verstanden hat! Danke dafür!

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