die säge des todes (jess franco, deutschland/spanien, 1981)

Veröffentlicht: November 16, 2015 in Film
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Meiner Erfahrung nach kann Jess Franco eines nicht: Formelkino. Das hatte sich zuletzt bei meiner Sichtung von MONDO CANNIBALE gezeigt, der das Desinteresse seines Regisseurs an den blutigen Schweinereien, die die unique selling proposition des Kannibalenfilms sind, nicht verhehlen konnte, und das zeigt sich auch in DIE SÄGE DES TODES, Francos Ausflug in das 1981 noch in voller Blüte stehenden Slasherkino. Zwar meidet der Film die Niederungen des vorgenannten Rohrkrepierers, darf durchaus als „sauber inszeniert“ bezeichnet werden, doch echter Thrill will auch hier nicht aufkommen. Man muss zu Francos Eherenttung sagen, dass sich europäische Filmemacher mit der US-amerikanischen Erfindung des Slasherfilms generell etwas schwertaten (jedenfalls kann ich mich spontan an keinen einzigen wirklich gelungenen Euroslasher erinnern): Die seinen Vertretern inhaltlich zugrundeliegenden gesellschaftlichen Eigenheiten ließen sich nur schlecht oder gar nicht auf europäische Verhältnisse übertragen und auch das dem Horrorfilm zugeneigte Publikum scheint mir in unseren Breiten ein anderes. Die jugendliche Begeisterung für Scare Flicks, in denen man seine Angebtete in den Arm nimmt (oder sich von seinem Angebeteten in den Arm nehmen lässt) ist in meinen Augen jedenfalls eine US-amerikanische Institution. Das ist zugegeben nur eine Theorie von mir, die ich nicht wirklich mit belastbarem empirischem Datenmaterial untermauern kann, aber sie könnte erklären,warum FRIDAY THE 13TH in Deutschland gerade mal eine knappe halbe Million Zuschauer ins Kino lockte, während ihn sich in den USA fast 15 Millionen Menschen reinpfiffen (die Zahl habe ich aus dem Box Office Gross und dem durchschnittlichen Ticketpreis des Jahres 1980 errechnet). Übertragen auf DIE SÄGE DES TODES bedeutet das, dass man es hier mit einem der Struktur nach auf ein jugendliches Publikum zugeschnittenen Film zu tun hat, der aber nie ein echtes Gespür dafür entwickelt, was dieses Publikum eigentlich ausmacht. Zumindest in der englisch synchronisierten Fassung ist die Diskrepanz frappierend.

Die austauschbare Story handelt von der Mordserie an einer Mädchenschule in Spanien, auf die auch die schöne Angela (Olivia Pascal) besucht. Als Hauptverdächtiger kommt der unter einem besonders hartnäckigen Fall von halbseitiger Kuhfladen-Akne leidende Bruder der Schulleiterin in Frage, der bereits vor Jahren einmal ein Mädchen in einem fehlgeleiteten Versuch des Liebesspiels erdolchte und mich irgendwie an den jungen Michel Houllebecq erinnerte. Er wird unter Vorbehalt des Arztes (Jess Franco) wieder auf die Menschheit losgelassen und taucht im Folgenden immer dann auf, wenn sich etwas zusammenbraut, schaut mit Vorliebe durchs Fenster der feschen Angie, und – der Kenner weiß es sofort – scheidet allein aufgrund dieser Offensichtlichkeit schon als möglicher Täter aus. Otto W. Retzer, der als geistig minderbemittelter Hausmeister ebenfalls den Mädel hinterhergeiert ebenso, weil er einfach zu unbedeutend ist. Aber da gibt es ja noch einen Erbschaftsstreit zwischen der Schulleiterin und ihrer alten, im Rollstuhl sitzenden Tante, der das ausladende Haus und Grundstück gehört …

Wie seine US-Vorbilder wird auch DIE SÄGE DES TODES durch allerhand banales Zeug auf Länge gebracht, bevor immer dann, wenn man wegzupennen droht, ein fieser Mord an einer der nur zu diesem Zweck ins Drehbuch geschriebenen Nebenfiguren eingestreut wird. Dem piece de resistance in dieser Hinsicht verdankt der Film dann auch seinen Titel, aber was vor 35 Jahren bei Zartbesaiteten vielleicht noch für Entsetzen und spontanes Erbrechen gesorgt haben mag, sieht für den Splatterfilmerprobten von heute einfach nur reichlich unbeholfen und fadenscheinig aus. So schlafwandelt DIE SÄGE DES TODES überaus hölzern auf sein erwartbares Ende zu, mit seiner öligen Grundschmierigkeit in erster Linie die Fans des Eurosleaze ansprechend, die sich an der schmissigen Discomusik von Gerhard Heinz und Frank Duval, den Klamotten oder der liebgewonnenen Franco-Gewohnheit, auf alles ein paar Sekunden zu lang drauzuhalten, erfreuen. Es gibt durchaus ein paar gelungene Spannungsmomente, denen man ansieht, dass Franco eher zum klassischen Suspense-Thriller oder Mystery-Grusler tendierte und da mehr Erfolg gehabt hätte, aber sie werden durch das typische Teenie-Einerlei um Tanzparties, Liebesspiel und Herzschmerz vollkommen neutralisiert. Das größte Manko des Films ist sicherlich, dass man mit den Figuren rein gar nichts verbindet. Der Slasherfilm ist gewiss nicht mit einem Übermaß an unverwechselbaren Charakterköpfen gesegnet, aber in den USA versteht man sich einfach sehr gut darauf, eindimensionalen Pappcharakteren mit wenigen Pinselstrichen wenigstens Zweidimensionalität zu verleihen. Das bleibt hier völlig aus: Alle diese Mädels gleichen sich wie ein Ei dem anderen, sind oberflächlich, leer und leblos. So verflüchtigt sich dann auch jedes Interesse am eh vorhersehbaren Ausgang des Ganzen. Schade, denn es gibt wie gesagt ein paar hübsche Szenen: die Morddrohung auf einem Sprachtonband ragt als bizarrer Einfall heraus.

Kommentare
  1. Marcos sagt:

    Der Film hat’s damals sogar in die BRAVO als Fotoroman geschafft.

  2. Mr. Majestyk sagt:

    Im Slasher-Film geht es ja oftmals um Bewertung bzw. Abstrafung von Sexualität.
    Nicht umsonst ist das Final Girl ja auch oft diejenige die noch jungfräulich ist.
    Getötet/bestraft werden die Jugendlichen die kiffen, Sex haben, sich gegen Normen auflehnen.
    Insofern haftet ja auch vielen Slashern etwas reaktionäres bzw. repressives an.

    Vielleicht ist dies ein Grund, warum sich europäische Filmemacher nicht so stark mit diesem Genre beschäftigt haben. Ihre Wahrnehmung und Verarbeitung des gesellschaftlichen Wandels war eine andere. Auch dürften bei den Europäer mit Vergangenheitsbewältigung, eisernem Vorhang und Terrorismus andere Themen im Vordergrund gestanden haben.

    • Oliver sagt:

      Ja, das mag sein. Ich meinte so etwas auch mit dem Hinweis auf andere gesellschaftliche Gegebenheiten. Dieses ganze Zeremoniell ums Daten, das im Slasher so wichtig ist, gibt es bei uns in dieser Form etwa nicht.

      Dass der Slasherfilm reaktionär und repressiv ist, zumindest wenn man ihn so auslegt wie du und viele andere (es gibt ja durchaus auch andere mögliche andere Lesarten, siehe etwa meine Texte zu FRIDAY THE 13TH und den Sequels), hat er aber keinesfalls exklusiv. Grundsätzlich sind der Horrorfilm und der Science-Fiction-Film „reaktionäre“ und „repressive“ Genres, weil es immer um die Angst vor dem Anderen und der Skepsis gegenüber dem Neuen geht. Das sind schon auch europäische Themen.

      • Mr. Majestyk sagt:

        Mir ist schon bewußt, dass nicht alle Slasher oder artverwandte Filme reaktionär sind. Bestes Beispiel ist ja mit TCM einer der Urväter, der ja eine völlige andere Interpretation zulässt.
        Und dass auch andere Genres sehr reaktionär sein können hat zuletzt Christopher Nolan bewiesen. Dass es im Horror- und SF-Film oft die Angst vor Unbekannten thematisiert wird bestreite ich auch gar nicht. Auch, dass oft sexuelle Ängste aufgearbeitet werden, ob nun Angst vor Eindringen, vor Identitätsverlust oder vor Versagen. Ein schönes Beispiel ist hier Alien, um auch mal einen Film von Ridley Scott zu loben, aber auch wenn sich auf beiden Seiten des Atlantiks die Themen ähneln, die Herangehensweise und Bewertung kann sich dennoch unterscheiden.

        Völlig wertfrei, ich denke durchaus, dass die amerikanische „offizielle“ Bewertung von Sexualität sich grundlegend von jener in Westeuropa unterscheidet. Ein Nippelgate oder ein „Aufreger“ wie die Damen aus SEX IN THE CITY wäre hier bei weitem nicht so schlagzeilenträchtig.

        Dass auch manche amerikanische Filmemacher diese Klischees ironisch durchbrechen, dies bezweifle ich auch nicht, speziell Hooper, Carpenter, Craven und Co. muss man soviel Reflexion zugestehen. Daher lassen viele Filme auch zwei Lesarten zu, eine offensichtlichere und eben auch jene, die nicht so leicht zu identifizieren ist.

        Ich glaube aber, vielleicht ist dies nun präziser, für Amerikaner ist das Spiel mit diesen gesellschaftlichen Gegebenheiten spannender, hier gilt es etwas zu durchbrechen. Für die Europäer stellen sich andere Fragen, sie haben aber ja auch ein etwas anderes Publikum. Zumindest war dies mal vor dem Weltkino so. Umgekehrt konnte ein Subgenre wie das Kannibalenkino im Grunde so nur in Italien entstehen.

        Was ich sagen will, amerikanische Filmemacher haben ihre Prägung, ihre Wurzeln, die Europäer eben andere. Dass es Überscheidungen gibt, sich Grenzen auch verwischen ist ein anderes Thema.

        Aber, um auf DIE SÄGE DES TODES zurückzukommen, ich weiß sicher weniger über Franco als Du, aber dass ein vor WK2 geborener Spanier, der sich als Künstler begriff, den Slasherfilm als ein wenig banal empfunden hat, den Gedanken empfinde ich nicht als abwegig. Schaut man sich andere prägende Horrorregisseure der 70/80 aus Europa an, oft sind es ja Italiener, dann halte ich meine These der anderen Wahrnehmung sogar für plausibel.
        Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zu der Überzeugung, dass ich manche italienischen Exploitation-Filme hinsichtlich der Biographie ihrer Schöpfer neu sichten muss.

        Deine Friday-Besprechungen sind etwas an mir vorbei gezogen, auch weil ich kein großer Jason-Anhänger bin. Das war die Zeit wo bei mir anderweitiger Trubel herrschte und ich hier nur oberflächlich mitgelesen habe. Müsste ich also beizeiten nachholen.

      • Oliver sagt:

        Eigentlich weiß ich gerade gar nicht mehr, worüber wir diskutieren, denn im Grunde sagst du über SÄGE ja auch nur das, was ich im Text schon geschrieben habe.🙂

        Nur noch eine Sache: „Mir ist schon bewußt, dass nicht alle Slasher oder artverwandte Filme reaktionär sind.“

        Ich fürchte, du hast meine Antwort missverstanden, denn ich sage ja gerade, dass der Horror- und SciFi-Film in ihrer Anlage IMMER reaktionär sind. (Nur, dass ich das nicht als ideologische Wertung verstanden wissen will).

  3. Martin Otremba sagt:

    yes, dieser Film war sowas von ööööde, nichtsagend und mies; mit „Splattereffekten“ zum Totlachen…und deswegen eigentlich nicht mal einen Kommentar wert; also bitte meinen Kommentar vergessen, drüberlesen und weiter…

    • Oliver sagt:

      Naja, ganz so schrecklich finde ich den nun auch wieder nicht. Und wenn Filme dieser Art keinen Kommentar wert wären, wäre mein Blog ungefähr halb so umfangreich.

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