il paese del sesso selvaggio (umberto lenzi, italien 1972)

Veröffentlicht: November 18, 2015 in Film
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Umberto Lenzi darf sich unter anderem rühmen,mit IL PAESE DEL SESSO SELVAGGIO den Kannibalenfilm erfunden zu haben. Zwar ist dieser Auftakt, dessen Titel sich ungefähr mit „Das Land des wilden Geschlechts“ übersetzen lässt, von der sensationalistischen Niedertracht späterer Errungenschaften noch weit entfernt – Menschenfleisch wird nur einmal ganz kurz verzehrt -, aber dieser Unterschied ist eben vor allem quantitativer Natur: Nahezu alle inhaltlichen Elemente, die das kurzlebige Subgenre aufweisen sollte, sind in IL PAESE bereits angelegt. Der Film kam gewiss nicht aus dem Nichts: Seine Einflüsse gehen auf den kolonialistischen Abenteuerfilm, man denke etwa an die TARZAN-Reihe(n), auf den pseudodokumentarischen, marktschreierischen Mondo-Film (nicht umsonst lautete der deutsche Verleihtitel MONDO CANNIBALE, nicht zu verwechseln mit Francos gleichnamigem Film, der in Deutschland flugs zu MONDO CANNIBALE 3. TEIL: DIE BLONDE GÖTTIN wurde), aber auch auf Filme wie A MAN CALLED HORSE zurück, die vom Zusammenprall des zivilisierten Weißen mit „den Wilden“ erzählen. Gleich zu Beginn wird mittels einer Schrifteinblendung von den spektakulären Ritualen thailändischer Eingeborener berichtet, die für IL PAESE originalgetreu nachgestellt worden seien, damit auf den Exotismus und die Sensationslust der Zuschauer bauend, die ihre Bedürfnisse so unter dem Schleier der Aufklärung befriedigen konnten.

IL PAESE DEL SESSO SELVAGGIO erzählt von dem englischen Fotografen John Bradley (Ivan Rassimov), der sich von einem Bootsmann einen Fluss hinauf bringen lässt und einem Eingeborenenstamm in die Hände fällt, die ihn aufgrund seines Taucheranzugs zunächst für einen Fisch halten (in Ruggero Deodatos ULTIMO MONDO CANNIBALE sehen die Wilden im Protagonisten einen Vogel). Er durchläuft eine Reihe von Demütigungen, bis er sich den Respekt der Eingeborenen erwirbt, indem er bei einem Fluchtversuch einen der ihren schwer verwundet. Nun wird er in einem kraftraubenden Ritual zu einem vollwertigen Stammesmitglied gemacht und mit der schönen Tochter des Häuptlings vermählt. Aber der eifersüchtige Medizinmann des Stammes steht dem Liebesglück im Wege …

Der Einfluss des oben genannten A MAN CALLED HORSE ist unverkennbar, reicht vom groben Handlungsverlauf bis hin zu kleinen Details wie jenem, dass die Eingeborenen Bradley für ein Tier halten. Doch während sich der US-Western zu größtmöglicher Authentizität verpflichtet fühlte (mit durchaus streitbarem Ergebnis, wie man in meinem oben verlinkten Text nachlesen kann), bleibt diese bei Lenzi nur ein Lippenbekenntnis, das Feigenblättchen, mit dem die wahren Beweggründe nur höchst unzureichend verdeckt werden. Die Eingeborenen wohnen einerseits in ausladenden kleinen Häuschen, die sogar richtige Türen besitzen, und es gibt eine des Englischen mächtige ältere Frau, andererseits werden da ohne großes Federlesen, Zungen und Hände abgeschnitten, ein Mann im Taucheranzug für einen Fisch gehalten, Krankheiten mit Magie geheilt. Die fremde Kultur wird so offenkundig klischeehaft und lückenhaft gezeichnet, dass die „Immigration“ Bradleys ganz und gar unglaubwürdig ist. Und wenn er in der zweiten Hälfte des Films dann mit der schönen Wilden im Gras rumtollt, wird die Grenze zum kolonialistischen Kitsch endgültig lustvoll überschritten. Aber es war eben auch jene exploitative Krachigkeit, die beim Publikum damals ankam und weitere Kannibalenfilme unabdingbar machte. In der Erfindung und Darstellung der fremden Rituale liegt dann auch – neben der famosen Fotografie und dem schönen Score von Daniele Patucchi – die ausgesprochene Stärke von IL PAESE: In seinem Initiationsritus wird Bradley in eine drehbare Holzvorrichtung gespannt und dann mit Giftpfeilen beschossen, und zur Heirat gehört ein Spiel, bei dem die männlichen Stammesmitglieder der in einer Hütte sitzenden künftigen Gattin von außen durch ein Loch die Brust kneten dürfen. Auch die eher unschöne „Tradition“ des Tiersnuff wird in Lenzis Film bereits gepflegt und ganz zum Schluss treten auch endlich die Kannibalen auf, hinterlassen aber längst noch nicht den Eindruck, den sie in Filmen wie CANNIBAL FEROX, MANGIATI VIVI oder natürlich CANNIBAL HOLOCAUST würden machen können. IL PAESE DEL SESSO SELVAGGIO ist ein mixed bag: Formal beanstandungslos, inhaltlich und ideologisch zweifelhaft, ohne dies – wie Deodato im unfassbaren CANNIBAL HOLOCAUST – reflektieren zu können, und insgesamt vielleicht noch etwas zu bieder, um sich über all die Entgleisungen so richtig zu freuen.

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Kommentare
  1. Marcos sagt:

    MONDO CANNIBALE II – DER VOGELMENSCH war vor ein paar Jahren eines der intensivsten filmischen Erlebnisse, dass ich je hatte (obwohl ich den Film schon zig Mal gesehen hatte). Die Intensität und Dichte hat sogar CH vom Spitzenplatz verdrängt.

  2. Oliver sagt:

    Kann mich auch kaum noch an ihn erinnern, weiß nur noch, dass ich ihn damals sehr gut fand.

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