embryo (ralph nelson, usa 1976)

Veröffentlicht: Dezember 4, 2015 in Film
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embryoFilme wie EMBRYO sind mir mit die liebsten. Wir haben es hier mit einer Hollywoodproduktionen zu tun, bei der etwas ganz erheblich schiefgelaufen und die infolgedessen zu einem unerklärlichen Fiasko geraten ist. Auch die Anwesenheit des großen Rock Hudson (im Herbst seiner Karriere) kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser sicherlich gut gemeinte SciFi-Horrorfilm eine bodenlose und nahezu unerklärliche Geschmacksentgleisung ist, die wahrscheinlich selbst im Bahnhoskino eine Massenflucht der anwesenden Obdachlosen verursacht hätte (so sie nicht vom wärmespendenden Anblick der nackten Barbara Carrera zurückgehalten worden wären). Aber die Reaktionen, die dieser Film bei einem „normalen“ Publikum einst auslöste? Schade, dass man das wohl nie erfahren wird. Vorab eine Warnung: Wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist, sich den Film aber nicht von mir verderben lassen will, hört hier auf zu lesen, denn es hagelt Spoiler.

EMBRYO beschäftigt sich im Stile der Science-Fiction-Mahnfabel mit der Behandlung von Embryonen ex utero und den natürlich verheerenden Folgen, die diese nach Genrelogik nach sich zieht. Rock Hudson gibt den ganz und gar freundlichen, humanistisch gesinnten, verwitweten und gar nicht so verrückten scientist Holliston, dem es gelingt, das Junge einer sterbenden Hundemama durch Verabreichung eines Wachstumshormons zu retten, das das Tier binnen weniger Tage voll ausreifen lässt. Der vermeintliche Erfolg – nur der Zuschauer weiß, dass der Hund ein unberechenbarer Killer ist, der auch vor niedlich bejackten Yorkshires nicht haltmacht – führt Hollister dazu, bei einem befreundeten Arzt einen menschlichen Embryo anzufragen, einen, der anderenfalls eh keine Chance auf Überleben hätte. Was man als Arzt halt so macht. Er bekommt das gewünschte Objekt ohne große Probleme und geht sogleich ans Werk. Ralph Nelson, der zuvor immerhin mal den späten Noir-Klassiker REQUIEM FOR A HEAVYWEIGHT, den Oscar-nominierten LILIES IN THE FIELD und den Aufreger SOLDIER BLUE gedreht hatte, inszeniert fast das gesamte erste Drittel als semidokumentarischen Lehrfilm: Man sieht Rock Hudson in seinem Privatlabor an Gummiembryos rumhantieren, Injektionen verabreichen, ungeduldig-zweifelnd dreinblicken und durch Mikroskope schauen, hört dazu seinen Fachkommentar als Voice-over. Man fühlt sich unweigerlich an billigste Frankenstein-Klopper erinnert, nur dass sich in denen eben Gordon Mitchell oder John Carradine durch die Pappkulissen chargierten und nicht Rock Hudson. Der Film quält sich mit ernstem Blick durch diese „Geburtswehen“, bis im Brutkasten die zwar erst wenige Wochen alte, aber bereits zu Hosen anschwellen lassender Blüte gereifte Barbara Carrera liegt.

EMBRYO wird nach diesem reichlich wahnsinnigen Auftakt etwas gemäßigter, was aber nicht heißt, er wäre nun weniger bescheuert. Hollisters „Kind“ Victoria entpuppt sich nach seiner, ähem, Erziehung – man sieht in einer kurzen Montage, wie er ihr geduldig den Globus erklärt, sie durch Mikroskope gucken lässt etc. – als superintelligent, aber eben mit dem Gemüt eines Kindes ausgestattet. Trotzdem hält er es für eine gute Idee, sie als seine Assistentin in die feine Gesellschaft, in der er sich aufzuhalten pflegt, einzuführen. Zunächst geht alles gut, weil Victoria mit ihrem Charme (und ihren festen Brüsten wahrscheinlich) alle Herzen im Sturm erobert, obwohl sie doch im Grunde genommen eine üble, emotional unterentwickelte Streberin ist, die die Welt nur aus Büchern kennt. Aber bald schon ziehen dunkle Wolken auf: Victoria erleidet, unbemerkt von Hollister, schlimme Anfälle, und sie findet heraus, dass sie durch das forcierte Wachstum bereits langsam stirbt. Die Suche nach dem Hormon, dass ihren Tod verhindern kann, führt sie zu Hollisters schwangerer Tochter Helen (Alfs Adoptivmama Anne Schedeen). EMBRYO endet stilecht kintoppmäßig mit einem Kampf in Hollisters Labor, bei dem sein durch Kaiserschnitt auf die Welt geholtes Enkelkind lustig auf den Boden klatscht, und einer Verfolgungsjagd, in deren Verlauf er die mittlerweile wie eine alte Vettel aussehende Victoria beherzt von der Straße drängt und sie anschließend versucht, in einem Teich zu ersäufen. Als die Polizei auftaucht, steht er natürlich dumm da, aber das ist nichts gegen den Schock, der ihn ereilt, als sich herausstellt, das Victoria sein Kind erwartet. The End.

Inhaltlich ist EMBRYO eigentlich nicht besonders erwähnenswert: Er erzählt eine genretypische Story, die in ähnlicher Form bereits dutzendfach erzählt worden ist. Was Nelsons Werk auszeichnet und zu einem solch herausragenden Casefile hoffnungslosen Hollywood-Filmmakings macht, ist die Tatsache, dass er eben gar kein Genrefilm sein will, sondern seine haarsträubende Geschichte mit salbungsvollem Ernst und der unerschütterlichen Überzuegung in ihre gesellschaftliche Bedeutung erzählt. Tonal ist EMBRYO bis auf wenige Szenen kein Horrorfilm, sondern ein Drama, was ihn überhaupt erst zu dieser Geschmacksentgleisung werden lässt. Mal ganz davon abgesehen, dass die ganze Prämisse total bescheuert ist, ist die Beziehung zwischen Hollister und Victoria mehr als nur anstößig. Dass der Protagonist nicht bemerkt, auf welch wackliges Terrain er sich da begibt, liegt in der Natur der Sache, aber dass Nelson und Hudson das auch alles völlig normal zu halten scheinen, führt EMBRYO endgültig über die Klippe. Visuell und formal bewegt sich Nelsons Film auf Fernsehniveau (so weit ich das anhand meiner nicht optimalen Fassung beurteilen kann), aber auch intellektuell und emotional fühlt man sich hier an melodramatische Vorabendserien der Siebzigerjahre erinnert. In einer Szene bringt Hollister Victoria das Sprechen (und nach der verblüffenden Logik des Films auch das Rechnen) bei, indem er immer wieder sagt „One plus one is two, two plus two is four, four plus four is eight, eight plus eight is sixteen, sixteen plus sixten ist thirtytwo“. Victoria wiederholt das irgendwann selbstständig und mit holpriger Diktion und der Film zeichnet das als großen, ergreifenden, ja geradezu triumphalen Moment, der Hollister ein beglücktes Lachen aufs und die Tränen der Rührung ins Gesicht treibt. Als Zuschauer sitzt man hingegen nur fassungslos da und kann die Unbeholfenheit des Ganzen kaum in Worte fassen. Da wünscht man sich dann auch eine von Rock Hudson verabreichte Intelligenzspritze.

 

 

 

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