il miele del diavolo (lucio fulci, italien/spanien 1986)

Veröffentlicht: Dezember 4, 2015 in Film
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00651605IL MIELE DEL DIAVOLO ist der erste Film, den Lucio Fulci nach seiner schweren Krankheit fertigstellte, die ihn fast zwei Jahre lang, 1984 und 1985, ans Bett gefesselt hatte. Es spricht einiges dafür, IL MIELE DEL DIAVOLO als Auftakt von Fulcis Spätwerk zu betrachten (zumindest ist das die These, die Sven Safarow und ich im hoffentlich nächsten Jahr erscheinenden Fulci-Buch vertreten werden): Es ist der erste Film, den er nach seinem Bruch mit Drehbuchautor Dardano Sacchetti fertigstellte, mit dem er seit SETTE NOTE IN NERO an einigen seiner erfolgreichsten Filme  zusammengearbeitet hatte (Fulci hatte ohne Sacchetti zuvor bereits CONQUEST und MURDERROCK gedreht, und die Nichtkollaboration bei ersterem, einem kommerziell sehr ambitionierten Fantasyfilm, hatte Sacchetti sehr verärgert), und bezeichnenderweise der erste seit 1977, der in Deutschland gar nicht erst herausgebracht wurde, nachdem seine Horrrofilme zuvor mit teilweise immensem Erfolg bei uns in den Kinos gelaufen waren. Für viele (selbst ernannte) Fulci-Experten markiert der Bruch zwischen Fulci und Sacchetti den Anfang von Fulcis Ende. Dem würde ich entgegenhalten, dass Fulci sowohl vor Sacchetti als auch später noch herausragende Filme gemacht hat: IL MIELE DEL DIAVOLO zählt meiner Meinung nach dazu, auch wenn er gewiss nicht aus dem Stoff gemacht ist, der dem gemeinen Horrorfan das Herz aufgehen lässt (was mir eher die Ursache hinter der obigen Einschätzung zu sein scheint). Und man sieht hier und mehr noch in den kommenden Jahren, dass sich das gesamte italienische Kino in einer finanziellen Abwärtsspirale befand, die auch Fulci mitriss. Konnte Argento als anerkannter Künstler für OPERA anno ’87 noch ein üppiges Budget einstreichen, musste der mittlerweile als „Zombie-Opa“ verschrieene Fulci sich mit Engagements fürs italienische Fernsehen zufriedengeben.

IL MIELE DEL DIAVOLO markiert bildlich und inhaltlich zunächst einmal eine Rückbesinnung auf die Siebziger- und Sechzigerjahre, in denen sich Fulci nicht zuletzt mit Sexkomödien einen Namen gemacht hatte. Es geht beinahepornös zur Sache: Der Saxofonspieler und Popstar Johnny (Stefano Madia) treibt es überaus bunt und einfallsreich mit seiner schönen Freundin Jessica (Blanca Marsillach), die ihm sexuell absolut erlegen ist (einmal kommt sein Blasinstrument orgsamusstiftend in der Aufnahmepause zum Einsatz). Johnny ist ein Hedonist, der keine Hemmungen kennt und die beiden fast in einen Frontalzusammenstoß mit einem LKW führt, als er sich von ihr auf dem fahrenden Motorrad einen runterholen lässt. Die Quittung erhält er, als er sich bei einem seiner Spielchen den Kopf anschlägt, wenig später bewusstlos zusammenbricht und auf dem OP-Tisch von Dr. Wendell Simpson (Brett Halsey) landet. Der ist mit Carol (Corinne Cléry) verheiratet, tobt sich aber immer wieder bei Prostituierten aus, während im heimischen Ehebett rein gar nichts mehr geht. Als Johnny unter seinem Messer verstirbt, kidnappt ihn die untröstliche Jessica, kettet ihn in Johnnys Strandhaus an und demütigt ihn in dem Vorhaben, ihn irgendwann umzubringen. Natürlich kommt es anders.

Die Story weckt Assoziationen etwa zu Pedro Almodóvars ATAME! oder auch zu diversen japanischen BDSM-Filmen – Yasuzo Masumuras MÔJÛ fällt mir spontan ein -, doch wo diese sich entweder in abstrakten Psychologisierungen ergehen oder sich vollends in den Wahn hineinderilieren, verwandelt sich der Stoff in den Händen Fulcis in eine melodramatische, schwülerotische und quasiromantische Liebesgeschichte voller ungewöhnlicher Einfälle und Wendungen. Die Geiselnahme-Geschichte wird immer wieder durch Rückblenden in Jessicas Vergangenheit mit Johnny unterbrochen, die mehr und mehr deutlich machen, dass ihre Erinnerung an diese Beziehung extrem idealisiert ist, sie sich bei Johnny im Grunde in einer ähnlichen Situation befand wie Dr. Simpson bei ihr. In einer großartigen Szene schaut sie sich im Schlafzimmer ein Video an, das sie einst am selben Ort gedreht hatte: Man sieht Johnny auf dem Bett sitzen, Saxofon spielen und mit ihr flirten, die sich ja nun für den Zuschauer sowohl unsichtbar hinter der Kamera verbirgt als auch sichtbar vor dem Fernseher sitzt. Schließlich zieht Johnny Jessica ins Sichtfeld der Kamera und beginnt sie gegen ihren Willen auszuziehen und zu küssen, während sie in der Gegenwart ihrer eigenen Vergewaltigung zuschaut. IL MIELE DEL DIAVOLO überrascht nicht nur mit solchen formalen Spielereien und erzählerischen Abgründen, sondern auch mit seinem Exhibitionismus. Wie oben schon erwähnt, streift der Film die Grenze zum Porno manchmal sehr bewusst und die überaus ansehnliche Blanca Marsillach (die Schwester von Cristina, Hauptdarstellerin aus OPERA) verbringt fast die gesamte zweite Hälfte des Filmes nackt. Und der Symbolismus des Films gewinnt ob des frontalen, alles andere als subtilen Inszenierungsstiles Fulcis eine sehr eigene, überdrehte Qualität, die ihn zu einem der ungewöhnlicheren Psychodramen macht, die ich bislang sehen durfte. Dieses eher unbekannte Werk sei damit allen wärmstens als „echter Fulci“ ohne Abstriche ans Herz gelegt.

Kommentare
  1. Welche Fassung empfiehlt sich hier?

  2. Is ja bald wieder Vollmond. Ich guck dann mal nach! Danke!

  3. Der Film ist digital laut OFDb noch gar nicht verfügbar. = Das stimmt übrigens nicht: In Italien gibt’s ne DVD. Nur leider komplett auf italienisch….:(

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