la casa dolce degli orrori (lucio fulci, italien 1989)

Veröffentlicht: Dezember 5, 2015 in Film

la_dolce_casa_degli_orrori_1989Wie so viele seiner einstigen Weggefährten des italienischen Kinos landete auch Lucio Fulci Ende der Achtzigerjahre beim Fernsehen. Sein einstiger großer Rivale Argento, dessen Karriere ein gutes Jahrzehnt später begonnen hatte, hatte kurz zuvor noch mit dem üppig budgetierten OPERA einen großen Publikums- und Kritikererfolg gelandet, sah nun gar dem Sprung über den großen Teich entgegen (wo er dann allerdings auch ein TRAUMA erleben sollte, aber das wusste zu diesem Zeitpunkt ja noch niemand). Fulci hingegen hatte sich mit seinen zu Anfang des Jahrzehnts gedrehten Zombieepen zwar finanziell gesundgestoßen, aber dafür auch einen faustischen Pakt geschlossen, mit dem er zum Schundfilmer gebrandmarkt worden war, dem der Olymp der Filmkunst fortan verschlossen blieb. Mit dem kommerziellen Niedergang des italienischen Kinos und folglich des Genrefilms trat mithin auch Fulci seine lange Reise ans Ende der Nacht an. Seine Filme nach AENIGMA (der bodenlose Mattei-Film ZOMBI 3 mal ausgenommen) funktionieren allesamt auch als Was-wäre-wenn-Übungen: Als geübter Zuschauer beginnt man unweigerlich, sie durch eine Art Fulci-Brille zu betrachten, die die furchtbar konturlosen Darsteller, die preisgünstigen Settings und Requisiten, die mitunter schmucklosen Kompositionen und die betont einfachen Geschichten ausblendet. Man ahnt, wie diese Filme unter besseren Umständen hätten aussehen können, versteht, dass Fulci nicht plötzlich durch einen untalentierten Doppelgänger ersetzt worden war, sondern lediglich ein bemitleidenswertes Opfer dramatisch veränderter Rahmenbedingungen geworden war (sein schlechter Gesundheitszustand dürfte auch seinen Teil zu dieser unguten Gemegelage beigetragen haben).

Der Fernsehfilm LA CASA DOLCE DEGLI ORRORI bietet dem Fulci-Brillen-Träger nach dem wenig erquicklichen IL FANTASMA DI SODOMA erstmals wieder Anlass, aufzuatmen. Er lebt noch! Fulcis erneuter Ausflug ins Subgenre des Villenfilms (dem er auch mit dem im Anschluss ebenfalls fürs Fernsehen gedrehten LA CASA NEL TEMPO treu bleiben würde) zeugt mit schöner Kameraarbeit vom einstigen visuellen Einfallsreichtum des Regisseurs und bietet vor allem auch inhaltlich wieder etwas mehr als der hingeschluderte Vorgänger: Nach dem vermeintlichen Unfalltod ihrer Eltern sehen die beiden Kinder Sarah und Marco einem Leben bei ihren ungeliebten Verwandten entgegen, die zu allem Überfluss auch noch das ins Herz geschlossene Haus der Familie verkaufen wollen. Als Geister kehren die Eltern zurück, um Kontakt zu ihren Kindern aufzunehmen, das Haus zu retten, ihre Ermordung zu rächen und die Familieneinheit wiederherzustellen. Diese gleichermaßen rührende wie auch bittere Geschichte – man sollte meinen, dass liebende Geistereltern ihren Kindern eher dabei helfen, das Leben ohne sie zu meistern, anstatt sie vollkommen abhängig zu machen – deckt auf die Fulci eigene, unnachahmliche Art ein enorm breites Stimmungsspektrum von komischen, zu Herzen gehenden und brutalen Momenten ab, die auf verschiedene Episoden verteilt werden. Stand der Regisseur bei IL FANTASMA DI SODOMA noch vor dem Problem, seine Vorlage auf Spielfilmlänge strecken zu müssen, gibt es nun nämlich eine Vielzahl von Plotsträngen, die untergebracht werden wollen. LA CASA DOLCE DEGLI ORRORI zerfasert im Verlauf seiner Spielzeit etwas, weil Fulci sich nicht für einen zentralen Handlungsstrang entscheiden kann und so auch die emotionale Wirkung verwässert. Als am Ende auch noch ein Exorzist seine Aufwartung macht und den Film binnen weniger Minuten zu Ende bringt, wünscht man sich, jemand hätte das Drehbuch großzügig mit dem Rotstift bearbeitet. Andererseits macht diese konfuse Überfülle auch den Reiz des Films aus.

Sein größtes Manko sind sicherlich die beiden Kinderdarsteller, die in der deutschen Pornosynchro (der Film wurde in Deutschland erstmals auf DVD vermarktet) gleich doppelt so nervtötend sind. Abstriche muss man auch bei einigen visuellen Effekten machen, aber insgesamt markierte LA CASA DOLCE DEGLIO ORRORI einen großen Schritt in die richtge Richtung und ein deutlich vernehmbares Lebenszeichen.

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