un gatto nel cervello (lucio fulci, italien 1990)

Veröffentlicht: Dezember 5, 2015 in Film
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30089_cda594dd78cac8e94273a72263b52b67_1Fulcis Antwort auf Fellinis 8 1/2 ist eine höchst seltsame, resignierte, zutiefst schizophrene und bittere, dann aber auch wieder sehr komische Abrechnung mit der italienischen Filmindustrie, die ihn als Schundfilmer stigmatisiert hatte, und der eigenen Unfähigkeit, aus dem kreativen Gefängnis auszubrechen. UN GATTO NEL CERVELLO ist gewiss nicht Fulcis bester Film, dazu plagen ihn zu viele jener Mängel, die sein ganzes Spätwerk kennzeichnen, aber es ist sein ultimativer. In einer perfekten Welt hätte Fulci sein Schaffen damit beendet, wäre nach der letzten Klappe sanft entschlummert oder hätte sich auf der Premierenfeier publikumswirksam die Kugel gegeben. Ein solcher Abgang hätte UN GATTO NEL CERVELLO die Krone aufgesetzt. Wir dürfen durchaus dankbar dafür sein, dass uns Fulci noch drei weitere Filme schenken konnte, bevor er ins l’aldila abberufen wurde, aber sich mit diesem schrägen Teil vom Erdball zu verabschieden, wäre ein nicht zu toppender Coup gewesen.

UN GATTO NEL CERVELLO handelt vom Horrorfilmregisseur Lucio Fulci (Lucio Fulci), der in seinem Leben zunehmend von den Schreckensbildern aus seinen Filmen heimgesucht wird. Er fürchtet wahnsinnig zu werden und sucht einen Psychiater auf, der aber selbst ein irrer Mordbube ist, und in dem Filmemacher einen willkommenen Sündenbock sieht: Fulci soll selbst glauben, dass er der Urheber hinter der grausamen Mordserie ist, die die Stadt zur selben Zeit in Angst und Schrecken versetzt, und so schließlich auch die Polizei überzeugen. Der Plan geht schief: Am Ende wird der wahre Mörder überführt und Fulci schippert gemeinsam mit der schönen Sprechstundenhilfe des Psychiaters auf der Yacht „Perversion“ aufs Meer hinaus. Er folgt der Frau unter der Deck, man hört Schreie und Kettensägengeräusche und der Regisseur kehrt mit einem Teller Geschnetzeltem an Deck zurück.

Ich weiß noch, wie ich UN GATTO NEL CERVELLO zum ersten (und bis heute auch letzten Mal) vor rund 20 Jahren sah. Fulci kannte ich vom Lesen (und von einer unsanften Begegnung mit dem NEW YORK RIPPER), seine bei uns beschlagnahmten Zombiefilme standen beim Besuch der Venloer Maaskade-Videothek ganz oben auf dem Wunschzettel. Sein Spätwerk wurde hierzulande mehr oder weniger totgeschwiegen, es existierte eigentlich nicht, lediglich für UN GATTO NEL CERVELLO machte man aufgrund der Vielzahl deftiger Effekte eine Ausnahme. (Man muss dazu sagen, dass es in dieser Vor-Internetzeit mit Ausnahme der Splatting Image keinerlei respektable Publikationen gab, die die dringend notwendige Aufklärung geleistet hätten. Fulci war ein Thema, das fest in den Händen der Gorebauernschaft lag, die seinen Zombiefilmen einen Altar errichtet hatte, neben dem nichts anderes von ihm geduldet wurde.) So landete der Film eines Tages auch bei mir im Player und ließ mich einigermaßen ratlos zurück. Ja klar, da wurde ordentlich rumgesaut, aber echte Freude wollte dabei nicht aufkommen. Zu eigenartig und verschroben war UN GATTO NEL CERVELLO in Ton und Inhalt, zu hingeworfen die Splattereffekte, die überhaupt nicht dramaturgisch eingebunden waren. Was ich damals neben einigen anderen Dingen nicht wusste: Die meisten der Effektsequenzen hatte sich Fulci aus seinen eigenen Filmen ausgeliehen. Wenn sie mir also „nicht dramaturgisch eingebunden“ schienen, dann lag das daran, weil sie das tatsächlich nicht waren. Im Stile einer Collage hatte Fulci seinen neuen Film um altes Material herum arrangiert, das aus QUANDO ALICE RUPPE LO SPECCHIO, IL FANTASMA DI SODOMA und LA CASA NEL TEMPO stammte. Das hatte sicher den nicht unerwünschten Nebeneffekt, dass Kosten und Zeit gespart werden konnten, vor allem aber brachte es die Aussage auf den Punkt: Fulci fühlte sich von seinem eigenen Werk heimgesucht.

Es gibt allerdings einen Haken, der UN GATTO NEL CERVELLO von einer bloß eitlen schöpferischen Alters-Exzentrizität zu einem so durch und durch schizophrenen Film macht: Denn wenn Fulci der Meinung war, von diesem Horrorschund, den immer wieder aufs Neue zu drehen er quasi gezwungen war, verfolgt zu werden, dass dieser zudem nicht nur jeglichen künstlerischen Werts entbehrte, sondern sogar schädlich war, warum artikulierte er diese Ansicht in einem seiner mit Abstand blutrünstigsten und bedingt durch seine Form auch selbstzweckhaftesten Filme? Es bieten sich mehrere Antworten auf diese nagende Frage an: Zum einen genoss Fulci den Ruf des eigenwilligen Misanthropen, dem am Verständnis seiner Mitmenschen gar nicht mehr wirklich gelegen war. Dass er ihnen also einerseits gab, was sie von ihm ausschließlich erwarteten und akzeptierten, und ihnen im gleichen Atemzug sagte, was er von dieser Art von Entertainment hielt, lag gewiss in seinem Naturell begründet. Andererseits kommt in UN GATTO NEL CERVELLO aber auch Fulcis verschrobener Humor zum Vorschein: Er inszeniert sich ja nicht als griesgrämigen Eigenbrötler, sondern als gebeugten alten, vollkommen hilflosen und verzweifelten Mann, der sich noch nicht einmal mehr ein Schnitzel bestellen kann, ohne in kalten Schweiß auszubrechen. Die Absurdität seiner Lage war ihm durchaus bewusst und er begegnete ihr mit Selbstironie und Galgenhumor. Was blieb ihm auch anderes übrig? Für einen Kurswechsel war es zu spät, es galt, seinen Frieden mit der verfahrenen Situation zu machen. Seine Gesundheit ließ ihn mehr und mehr im Stich, sein Vermögen war fast komplett aufgebraucht. In den letzten Jahren seines Lebens musste Fulci sein Haus verkaufen und ein kleines Appartement beziehen. Aber vielleicht gab es für ihn doch ein Happy End: Zwei Monate bevor er 68-jährig alleinstehend im Schlaf verstarb, wurde ein sichtlich überraschter Fulci von begeisterten amerikanischen Fans bei der Fangoria Horror Convention wie ein König empfangen. Es ist anzunehmen, dass er etwas versöhnt war mit der Welt und dem Leben, als er die letzte Reise antrat. Ich wünsche mir jedenfalls, dass es so war.

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