le porte del silenzio (lucio fulci, italien 1991)

Veröffentlicht: Dezember 6, 2015 in Film
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porte.PNGDas ist er nun, Fulcis letzter Film. Ich hatte zu UN GATTO NEL CERVELLO schon geschrieben, dass er ein geradezu fulminanter Schlusspunkt unter einer spannenden Karriere gewesen wäre. Bei LE PORTE DEL SILENZIO, auf den das nicht minder zutrifft, hat es dann, wenn man so will, „geklappt“. Fulci hatte eigentlich andere Pläne: Fünf Jahre später stand er kurz vor seinem Regiecomeback mit dem von Dario Argento produzierten MASCHERA DI CERA, einem Remake des Klassikers HOUSE OF WAX, doch der Drehbeginn verzögerte sich, Fulcis Gesundheitszustand wurde immer schlechter und schließlich verstarb er, noch bevor die Arbeiten an dem Film begonnen hatten. Man hätte Fulci gewiss noch einmal einen großen, ansprechend budgetierten Film gegönnt, aber im Hinblick auf die biografische Wohlgeformtheit ist LE PORTE DEL SILENZIO ein würdiger und überaus vielsagender Abschluss. (Der MASCHERA DI CERA, der unter der Regie von Effektmaestro Sergio Stivaletti entstand, lässt keine Rückschlüsse darauf zu, ob Fulci noch einmal ein großer Wurf gelungen wäre, ist leider durch und durch ernüchternd und hat angeblich nichts mit dem Film zu tun, den der Altmeister geplant hatte.)

Seinerzeit sah man das leider anders. LE PORTE DEL SILENZIO erntete vernichtende Kritiken, die ein Grund für das vorzeitige, ungeplante Karriereende Fulcis waren. Einerseits ist das verständlich: Im Jahr von TERMINATOR 2: JUDGEMENT DAY und SILENCE OF THE LAMBS mutete Fulcis Fingerübung noch minimalistischer und desinteressierter an aktuellen Trends an, als sie es ohnehin schon war. LE PORTE DEL SILENZIO war – das kann man über fast alle seine Filme nach MURDER ROCK sagen – eine auf Spielfilmlänge gedehnter Kurzfilm, dessen Auflösung zudem von Anfang an offensichtlich ist. Getragen wird er mit John Savage von einem Darsteller, der einst in Michael Ciminos THE DEER HUNTER mitgewirkt hatte, sich zu Beginn der Neunzigerjahre aber schon lange in den Niederungen des Videothekenschlocks bewegte. Der Horrorfan, der in totaler Verleugnung der Realität immer noch hoffte, das Fulci irgendwann zurück nach Matul reisen oder das nächste Kapitel des Buchs Eibon aufschlagen würde, musste sich von LE PORTE DEL SILENZIO vor den Kopf geschlagen fühlen: Dem Gore hatte Fulci nun endgültig entsagt, sein letzter Film kommt ohne jeden Spezialeffekt aus.

Den aufgeschlossenen Filmfreund kann das alles nicht schocken. Dass man eigentlich von Anfang an weiß, auf welche Pointe zuläuft, verstärkt nur die Blindheit und Verzweiflung des Protagonisten Melvin Devereux, der als einziger nicht weiß, wie ihm da geschieht, die Abwesenheit jeglichen Zierrats räumt den Blick buchstäblich frei. Die nicht enden wollende, sich unaufhörlich durch die sich bis zum Horizont reichende Sumpflandschaft Louisianas schlängelnde Landstraße, die tief am Himmel hängende, gleißende Sonne, marode Bars, Tankstellen und verfallene Siedlungen, die immer gleich verlaufenden Begegnungen mit unbekannten, austauschbaren Personen, die mit jeder langsam verrinnenden Sekunde des sich geduldig wie Schlamm dem Ende entgegenwälzenden Plots anwachsende Unruhe Melvins, der immer klebriger werdende Schweißfilm auf seiner Haut: Fulci zelebriert das alles mit der Geduld eines Filmemachers, der keine Ambitionen mehr hat, die über das Hier und Jetzt hinausgehen. LE PORTE DEL SILENZIO ist der Film eines Mannes, der sich damit abgefunden hat, dass er sterben wird, der weiß, dass der Moment schon greifbar nah ist. Dass er aber von einem Mann handelt, der sich auch dann noch gegen diese Einsicht wehrt, als der Tod schon vor der Tür steht, der Grabstein bereits beschriftet ist, macht das ausgesprochene Faszinosum dieser kleinen, wunderschön schwermütigen Fabel aus. Diesen Film hätte keiner machen können außer Lucio Fulci.

 

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