upstream (john ford, usa 1927)

Veröffentlicht: Dezember 11, 2015 in Film
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upstream-1927Erst seit sechs Jahren liegt uns diese kleine Komödie aus Fords Fox-Zeiten wieder vor, nachdem sie in einem Filmarchiv in Neuseeland geborgen wurde. Wie auch die vorangegangenen Titel ein eher kleiner Film von nur 60 Minuten länge, ohne den epischen Scope eines 3 BAD MEN oder gar THE IRON HORSE, dafür aber mit dem erstmals sichtbaren visuellen Einfluss Murnaus, dessen epochemachender SUNRISE: A SONG OF TWO HUMANS im selben Jahr erschienen war und vom Fleck weg den bis dahin paradigmatischen Stil Griffiths abgelöst hatte.

UPSTREAM spielt nicht etwa, wie man annehmen könnte, auf einem Schiff, sondern in einer Pension, in der mittellose Bühnenkünstler leben, und der Titel ist ein Bild für den Aufstieg eines der Bewohner aus der Armut. Der eitle Eric Brashingham (Earle Foxe) stammt aus einer namhaften Schauspieler-Sippe, die ihn wegen seines mangelnden Talents allerdings enterbt hat. Nun verdingt er sich gemeinsam mit der hübschen Gertie (Nancy Nash) und dem Messerwerfer Jack (Grant Withers) in einer drittklassigen Varieté-Nummer. Bis eines Tages ein Agent daherkommt, der Brashingham als Hauptdarsteller für eine Londoner Theateraufführung von „Hamlet“ haben will: Nicht wegens seines Talents wohlgemerkt, sondern allein wegen des wohlklingenden Namens. Eric lässt sich vom alternden Veteranen Mandare (Emile Chautard) schnell noch ein paar Tipps geben, pumpt Gertie um ein paar Mäuse an (sie rechnet eigentlich damit, dass er sie mitnehmen will) und braust dann mit großer Geste ab. Das Unwahrscheinliche passiert: Eric avanciert in London tatsächlich zum Star und kommt ein Jahr später in die Pension zurück, Fotografen und Presseleute im Schlepptau, die seine Rückkehr zu den Wurzeln publicityträchtig einfangen sollen. Dummerweise findet soeben die Hochzeitsfeier von Jack und Gertie statt, während Eric dachte, er könnte vom Himmel herabschweben und die darbende Frau mitnehmen. Als Jack bemerkt, dass Eric ihm Gertie abspenstig machen will, fliegt der Herr Star im hohen Bogen aus der Pension, genau vor den begierig klickenden Kameras.

Auch in UPSTREAM geht es wieder um Fords Lieblingsthema der Heimat, die hier aber weniger örtlich definiert ist, sondern eher einen geistig-ideellen Herkunftsort meint. Eric vergisst mit seinem Abstecher nach London und dem sich einstellenden Erfolg, wo er herkommt und wem er seinen neuen Ruhm maßgeblich zu verdanken hat. Er verliert jegliche Demut, fühlt sich als Privilegierter, der aus (gut zu vermarktender) Barmherzigkeit zum armen Pöbel herabsteigt, um etwas von seiner Gnade auf ihn abstrahlen zu lassen. Der Witz besteht natürlich darin, dass dieser mit hoch zum Himmel emporgereckter Nase daherkommende Geck ein totaler Blender ist, Profiteur einer unerklärlichen Laune des Publikums. Fords Herz schlägt recht eindeutig für die „Arbeiter“, die beiden albernen Komiker mit ihrer Tanznummer, den Messerwerfer Jack und Gertie und die anderen traurigen Gestalten, die zwar nicht von der Muse geküsst sein mögen, sich aber auch nicht in Selbstverherrlichung ergehen, sondern einfach ihre Berufung verfolgen und trotz klammer Kassen die Hoffnung nicht verlieren. Und mit dem Spott, den Ford über Eric ausschüttet, bekommen natürlich auch die Zuschauer ihr Fett weg, die solche eitlen Popanze mit ihrer Zuwendung überhaupt erst erschaffen.

UPSTREAM ist mithin von eben jener Melancholie, Sehnsucht und Nostalgie durchzogen, die auch die oben genannten epischen Frontier- und Siedlerfilme beatmet. Er erinnert sich an eine Zeit der Unschuld, in der Schauspiel und Theater noch kein verlogenes, kalkuliertes Business waren, sondern voller Freude, Humor, Naivität und Träumereien. Als es noch um das Herzblut ging, das man in seine Darbietung investierte, und nicht um die Wichtigkeit, die man sich selbst beimaß.

 

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