la pretora (lucio fulci, italien 1976)

Veröffentlicht: Dezember 13, 2015 in Film
Schlagwörter:, , , ,

3119311104_83bb04a242_bNach seinem düsteren Spät-Italowestern I QUATTRO DELL’APOCALISSE kehrte Lucio Fulci zum letzten Mal in seiner Karriere zu jenem Genre zurück, in dem er seine ersten filmischen Gehversuche gemacht hatte: der Komödie. Es entstanden die Dracula-Parodie IL CAV. CONSTANTE NICOSIA DEMONIACO, OVVERO: DRACULA IN BRIANZA und die Commedia sexy all’italiana LA PRETORA, die vor allem Fans von Edwige Fenech in Verzückung geraten lassen sollte. Sie spielt eine Doppelrolle als strenge Richterin Viola Orlando, die keine Gnade bei der Bestarfung von Sündern walten lässt und vor allem gegen die Pornografie mit schwerem Geschütz vorgeht, und als deren Schwester Rosa, die das krasse Gegenteil ist, ihre üppigen Reize gern zur Schau stellt und einem spontanen Schäferstündchen nie abgeneigt ist.

Natürlich kommt es zu den Komplikationen, zu denen es bei dieser Konstellation zwangsläufig kommen muss: Der kleine Betrüger Raffaello (Raf Luca), der die Härte der Richterin erfahren durfte (er hat Hundefutter als Gourmet-Gulasch verkauft), lernt Rosa kennen und hält sie für ihre Schwester, deren Promiskuität und vermeintliche Macht er sich sogleich geldbringend zunutze macht. Als er sie dann für ein Pornoheft ablichten lässt, stehtt Viola in der von der Schwester nichts ahnenden Öffentlichkeit plötzlich als bigotte Heuchlerin da. Während sie mit der Wiederherstellung ihres Rufs und der Rettung ihrer Karriere beschäftigt ist, macht auch ihr Verlobter Renato (Giancarlo Dettori) Bekanntschaft mit Rosa, die so ganz anders ist als die spröde Viola …

Lucio Fulci nimmt mit seiner Komödie zum einen die Verlogen- und Verklemmtheit der italienischen Gesellschaft bzw. der Gesetzeshüter sowie die allgegenwärtige Korruption aufs Korn (während Viola mit ihren ihr ständig auf die Beine starrenden männlichen Untergebenen Pornos in einem Kino begutachtet und jeden Verstoß gegen das Gesetz mit spitzer Feder notiert, macht der Vorführer ein Riesengeschäft, indem er zahlende Zuschauer vom Vorführraum aus zusehen lässt), ermöglicht seiner Protagonistin zum anderen den „Ausstieg“ aus dieser Gesellschaft, lässt sie einen goldenen Mittelweg zwischen der übertriebenen, lebensfeindlichen Prüderie und der völlig enthemmten Nymphomanie ihrer Schwester finden und in eine glückliche Zukunft finden. LA PRETORA steht intellektuell wahrscheinlich über vielen anderen Vertretern der Commedia sexy all’italiana, vermeidet die ganz wilden Zoten und die comichaften Slapstickeinlagen und Grimassen, fühlt sich etwas geerdeter an. Dass ich den Film nicht in einer deutschen Kalauersynchro gesehen habe (LA PRETORA ist in Deutschland nie erschienen), sondern im O-Ton mit (ausgezeichneter) Untertitelspur, deren Verfasser sich sogar die Mühe gemacht hat, einige Wortwitze und Doppelbedeutungen zu erklären, mag seinen Teil zu dieser Wahrnehmung beigetragen haben. Was LA PRETORA wiederum mit anderen italienischen Sexkomödien teilt, ist seine narrative Wildheit. Scheint zunächst Raffaello der Protagonist zu sein, verschwindet dieser irgendwann zur Mitte des Films um Platz für den später eingeführten Renato zu machen. Diese mangelnde Stringenz steht dem ganz großen Erfolg zumindest bei mir etwas im Wege, aber ein hübscher Film ist LA PRETORA trotzdem. Allein schon, um das hierzulande doch reichlich verengte Bild von Fulci zu erweitern. Und natürlich wegen Edwige Fenech …

 

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s