audrey rose (robert wise, usa 1977)

Veröffentlicht: Dezember 14, 2015 in Film
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audrey-rose-26472Welche Umwälzungen William Friedkins THE EXORCIST nach sich zog, der dem einst nur mit Nasenrümpfen betrachteten Genre des Horrorfilms eine ungeahnte neue Respektabilität verlieh und Phänomenen, die zuvor höchstens etwas für zauselige Spinner waren, mit geradezu wissenschaftlicher Nüchternheit begegnete, kann man AUDREY ROSE entnehmen, einem gleichermaßen betont gediegenen wie absolut bizarren Vertreter der Seventies-Mystery. Robert Wise, 1977 bereits ein Veteran (AUDREY ROSE ist sein viertletzter Film), hatte den Trend „seriösen“, rational unterfütterten Horrors mit seinem THE HAUNTING 1963 gewissermaßen initiiert und dürfte auch als Inspirationsquelle für Friedkin gedient haben: Insofern war er für dieses Reinkarnationsdrama der richtige Mann.

Wie der vor kurzem hier besprochene THE CHANGELING beginnt AUDREY ROSE mit einem Autounfall, der in der Gegenwart des Films bereits 11 Jahre zurück liegt. In dieser genießt das Ehepaar Bill und Janice Templeton (John Beck und Marsha Mason) gemeinsam mit der 11-jährigen Tochter Ivy (Susan Swift) den Upper-Middleclass-Lifestyle in einem edlen Altbau-Appartement in Uptown Manhattan. Nur einmal im Jahr, rund um den Geburtstag Ivys, wird die Harmonie durch rätselhafte Anfälle der Tochter getrübt, für die es keine medizinische Erklärung gibt. Dann taucht der mysteriöse Fremde Hoover (Anthony Hopkins) auf, jagt dem Ehepaar mit seiner stalkerhaften Omnipräsenz erst einen gehörigen Schrecken ein, sucht dann schließlich den Kontakt und wartet mit einer spektakulären Geschichte auf: Es gäbe keinen Zweifel, Ivy sei die Reinkarnation seiner bei besagtem Unfall verstorbenen Tochter Audrey Rose. Und sie schwebe in Gefahr, denn ihre unsterbliche Seele sei zu früh ins Leben zurückgekehrt, weshalb Ivy nun immer wieder von heftigen Albträumen und Zusammenbrüchen geplagt werde. Nachdem der von den  Wahnvorstellungen eines vermeintlich Irren genervte Bill dem verzweifelten Mann bei einer erneuten Attacke Ivys den Zutritt zur Wohnung verweigert und dieser das Mädchen daraufhin mit Gewalt entführt, kommt es erst zu einer Gerichtsverhandlung, bei der die Jury unter anderem darüber zu entscheiden hat, ob es Reinkarnation gibt, und dann zu einer von Bill veranlassten Hypnosetherapie, die ein für allemal belegen soll, dass seine Gattin auf einen Betrüger hereingefallen ist …

Die Siebziger müssen schon eine seltsame Zeit gewesen sein: Auf der einen Seite näherte man sich mit Riesenschritten dem magischen Jahr 2000, hatte bereits das Weltall und den Mond erobert, sah schon einer greifbaren Zukunft mit bewohnbaren Planeten entgegen und genoss großen Wohlstand mit immer neuen Errungenschaften, die das Leben vereinfachten und verlängerten, auf der anderen Seite schien all das aber nicht genug zu sein: In AUDREY ROSE kommt das Bedürfnis nach Spiritualität, einer Welt hinter den interpretierbaren Zahlen und nach kosmischer Geborgenheit zum Ausdruck, das durch materiellen Luxus nicht gedeckt wird. Aber weil unbedingter Glaube für den aufgeklärten Menschen dann doch nicht so ohne Weiteres möglich ist, müssen all diese überirdischen Phänomene ihm akribisch erklärt und wenn möglich auch noch stichhaltig bewiesen werden. AUDREY ROSE wird so zu einer wunderbar schizophrenen Angelegenheit: Was wie ein effektiver, wenn auch behäbiger Mystery-Grusler beginnt, der Raum für die Möglichkeit lässt, dass es sich bei Hoover tatsächlich nur um einen verwirrten Spinner handelt, der den Tod seiner Familie nie überwunden hat, nimmt ungefähr zu Halbzeit eine überraschende Wendung, die sich inhaltlich, vor allem aber tonal niederschlägt. Wises Grusler verwandelt sich plötzlich in einen lupenreinen Gerichts- und Aufklärungsfilm, der seinen Zuschauern das Konzept der Reinkarnation nicht nur erklären, sondern geradezu schmackhaft machen will. Da tritt dann zur Verteidigung Hoovers ein indischer Guru in den Zeugenstand, der der staunenden amerikanischen Jury davon berichtet, dass niemand in seiner Heimat Angst vor dem Tod habe, weil alle davon überzeugt sind, dass ihre Seele in einen neuen Körper einzieht, sobald der alte tot ist. Im Stile eines Dokumentarfilms wird ein kurzer Exkurs nach Indien unternommen und eine beruhigend klingende Stimme predigt die unschlagbaren Vorteile des Wiedergeburtsglaubens. Man fühlt sich ein bisschen wie in einem Tante-Emma-Laden für Selbstbetrüger: Geglaubt wird, was glücklich macht. Dieses ganze Szenario ist auf so vielen Ebenen falsch und ideologisch so angreifbar, dass AUDREY ROSE heute weitaus besser als Entlarvung von New-Age- und Esowahn funktioniert, denn als Auseinandersetzung mit fremden Religionen.

AUDREY ROSE präsentiert sich als so überzeugt von der dem christlichen Glauben an ein doch reichlich ungewisses und schwer vorstellbares Dasein im Paradies überlegenen Traumvorstellung des ewigen Lebens mit immer neuen Wirtskörpern, dass er sogar den tragischen finalen Tod des Mädchens noch als Happy End verkaufen kann. Eigentlich handelt AUDREY ROSE von Eltern, die nach dem Verlust ihrer Geliebten entweder nicht loslassen können, bereit sind, sich auch an den dünnsten Strohhalm zu klammern, um vor der Einsicht ins Unleugbare zu fliehen, oder ihre eigenen Streitigkeiten auf dem Rücken ihrer Kinder austragen, diese lieber zerbrechen, anstatt von ihrem eigenen Recht abzulassen. Wie schnell die anscheinend so harmonische Einheit von Bill und Janice zerbröckelt, sich die beiden als erbitterte Feinde gegenüberstehen, lässt schon tief blicken und Vermutungen darüber anstellen, was bei Ivy unterbewusst am Wirken war. Dass der Film selbst blind für diese Möglichkeit ist, macht die Interpretation nur umso überzeugender. AUDREY ROSE ist gerade in der Blindheit für seine eigenen Unzulänglichkeiten absolut faszinierend, der Film fürs unantastbare Ego.

 

 

 

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