four sons (john ford, usa 1928)

Veröffentlicht: Dezember 15, 2015 in Film
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foursonsposterbajaIn dem kleinen bayrischen Örtchen Burgendorf lebt Frau Bernle (Margaret Mann), eine liebenswürdige alte Dame, die für vorbeikommende Kinder immer ein Stück ihres berühmten Honigkuchens übrig hat und bei allen Einwohnern beliebt ist. Kaum weniger beliebt sind ihre vier wohlgeratenen Söhne, der Soldat Franz (Ralph Bushman), der Feldarbeiter Joseph (James Hall), der Schmied Johann (Charles Morton) und der Schafhirte Andreas (George Meeker). Das Leben könnte wunderbar sein, aber am Horizont zieht das Unglück in Form des nahenden Ersten Weltkriegs und des schurkischen Major von Stomm (Earle Fox) herauf. Anlässlich ihres Geburtstags schenkt Mutter Bernle ihrem Sohn Joseph das nötige Geld für die ersehnte Emigration in die USA. Es wird ein ausgelassenes Fest gefeiert, das letzte, bei dem noch einmal alles beim Alten ist, Söhne und Mutter vereint sind. Auf den Schlachtfeldern Europas werden Franz, Johann und Andreas in den kommenden Jahren ihr Leben lassen. Erst nach Kriegsende sehen sich Joseph und seine Mutter – mittlerweile Großmama – unter dramatischen Umständen in New York wieder …

John Ford ist mit FOUR SONS ein absolut ergreifendes Meisterwerk gelungen, das wohl niemanden, der über ein schlagendes Herz verfügt, kalt und unberührt lässt. In Bildern, die in dieser fast unerträglichen Pointierung und Dramatik kein anderer als Ford so zu zeichnen versteht, macht er das Schicksal der Mutter, die ihre Kinder an einen unerbittlichen Militärapparat verliert, greif- und nachfühlbar. Der drohende Schatten des Briefträgers, der den Umschlag mit der schwarzen Borte bei sich trägt, seine von einer unsichtbaren Last gebeugte Haltung, als er an der Tür von Mutter Bernle klopft, das fast schon überirdische Licht, das in ihre dunkle Kammer fällt, in die sie sich zum Trauern zurückzieht, das Pendel der Uhr, die im Bildhintergrund ungerührt weiterschlägt: Bilder, die mich in ihrer suggestiven Kraft gestern absolut niederschmetterten. Etliche weitere dieser Qualität ließen sich aufzählen, und wenn FOUR SONS die Mutter am Ende nach beschwerlicher Reise auf Ellis Island ankommen und zur Sprachprüfung antreten lässt, die alte Frau geplagt von den Strapazen, der Aufregung und der Angst dem Neuen, das sie erwartet, plötzlich all das vergessen hat, was sie vorher so fleißig gelernt hatte, sie dann völlig orientierungslos und ganz allein durch die Straßen der riesigen Metropole stolpert, ist man bereit für den sentimentalen Gnadenstoß, den Ford in einem der wohl schönsten Happy Ends der Filmgeschichte mit unvergleichlicher Präzision ausführt.

FOUR SONS zeigt den Filmemacher auf einem neuen Gipfel seiner Kunst. Die ersten zaghaften Experimente mit dem von Murnau inspirierten expressionistischen Stil (der deutsche Regisseur fungierte am Set als Berater) und einer beweglicheren Kamera, die der Zuschauer in UPSTREAM und MOTHER MACHREE bewundern konnte, sind hier – noch nicht einmal ein Jahr später – zu neuer Blüte und einer verblüffenden Perfektion gereift. Visuell atemberaubend die Szene, in der der mittlerweile ebenfalls eingezogene Joseph auf einem von Nebelschwaden durchzogenen Weizenfeld seinem im Sterben liegenden Bruder Andreas begegnet: Wenn sein vor Trauer zu Stein gewordenes Gesicht vom Dunst verschluckt wird, weiß man, wo sich Francis Ford Coppola gut 50 Jahre später für die entsprechende Szene in APOCALYPSE NOW die visuelle Inspiration herholte. Thematisch knüpft Ford an seine Auswanderer- und Pionierfilme an, wechselt lediglich die Perspektive, beleuchtet nicht so sehr das, was sie aufbauen, sondern das, was sie zurückgelassen haben. Auf einer universelleren Ebene handelt FOUR SONS aber einfach vom Leben in all seinen Facetten, von den Schmerzen, die der Lauf der Geschichte unweigerlich mit sich bringt. Mutter Bernle ist die „Mutter“ schlechthin, der nichts anderes übrig bleibt, als für ihre Söhne das Beste zu hoffen, sie für das zu rüsten, was da kommen mag, die aber schließlich ohnächtig ist. Dem ursprünglichen, fast paradiesischen Glück, das in Burgendorf herrscht, setzt er die moderne, prosperierende Metropole New York – den unaufhaltsamen Fortschritt -, aber auch die maschinelle Unbarmherzigkeit des Militärs – den Tod – gegenüber. Man weiß, dass es auch für den zuletzt berufenen Andreas keine Hoffnung gibt, wenn man sieht, wie er in einer dunkeln Baracke kahlgeschoren, seiner Individualität beraubt wird. Mutter Bernle kann nur einen untröstlichen Blick durch das Fenster darauf werfen, wie ihr ihr Sohn schon vor seinem Tod genommen, in einem vollgestopften Zug voller Ahnungsloser in den Rachen des Monstrums gefahren wird.

 

 

 

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