hangman’s house (john ford, usa 1928)

Veröffentlicht: Dezember 19, 2015 in Film
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hangmans-house-movie-poster-1928-1020432022Hier beginnt es, kompliziert zu werden. HANGMAN’S HOUSE, ein weiterer von Fords späten Stummfilmen, markiert m. E. narrativ und strukturell einen Bruch bzw. einen Entwicklungssprung. Auch wenn ich noch nicht genau weiß, woher dieser Eindruck genau rührt: Es ist der erste seiner Stummfilme, bei dem man das Gefühl hat, dass da Ton fehlt. Nicht, dass da wirklich ein Mangel im negativen Sinne zu vermelden wäre, aber HANGMAN’S HOUSE unterschiedet sich erzählerisch kaum noch von den kurze Zeit später den Stummfilm ablösenden talkies, verwirft dafür viele der für den Stummfilm typischen Eigenheiten. HANGMAN’S HOUSE ist auf der einen Seite weniger universell und archetypisch als etwa noch der zuvor gedrehte FOUR SONS, er hat nicht annähernd dessen emotionale Wirkung (und will das auch gar nicht), ist kleiner und gewissermaßen exploitativer, in seinem Handlungsaufbau aber trotzdem komplexer und weniger linear.

Der Film beginnt zunächst in Algerien, wo der irische Fremdenlegionär Hogan (Victor McLaglen) einen Brief erhält, dessen Inhalt ihn sofort dazu veranlasst, in seine Heimat zu reisen, obwohl er dort zum Tode verurteilt ist. Es geht um Rache, aber was ihm durch wen widerfahren ist, bleibt zunächst unklar. HANGMAN’S HOUSE wendet sich danach zunächst anderen Charakteren zu: In Irland verheiratet der sterbende, zu aktiven Zeiten gefürchtete und unbarmherzige Scharfrichter O’Brien (Hobart Busworth) seine Tochter Connaught (June Collyer) mit dem fiesen Informanten D’Arcy (Earle Foxe), obwohl sie doch in den Stallburschen Dermot (Larry Kent) verliebt ist. D’Arcy entpuppt sich schnell als feiger Opportunist und Profiteur, der es nur auf das Vermögen seiner Gattin abgesehen hat. Und er ist auch der Mann, den Hogan ins Visier genommen hat, der mittlerweile in Irland eingetroffen ist.

HANGMAN’S HOUSE bezieht seine Spannung wesentlich aus der Frage, was sich D’Arcy in der Vergangenheit hat zu Schulden kommen lassen und welche Gefahr Connaught möglicherweise von ihm droht. Die Antwort auf diese Frage bis kurz vor dem Ende offen zu lassen, ihr beinahe aktiv aus dem Weg zu gehen und sich im Wesentlichen damit zu befassen, die Verzögerung für den Zuschauer attraktiv zu gestalten, ist einer dieser Kniffe, die mir „neu“ erscheinen. Fords Strategie führt unter anderem zu  einer langen Actionsequenz, die den Fluss der Geschichte ziemlich genau zur Halbzeit zugunsten eines ausgedehnten Spektakels unterbricht, das den zentralen Konflikt in reine Bewegung transformiert. Wie schon in THE SHAMROCK HANDICAP ist das auch hier ein Pferderennen und ebenso wie beim genannten Titel springt ein männlicher Held kurzfristig als Jockey ein, um den Sieg für seine Geliebte zu holen. Der fiese D’Arcy hat nämlich Connaughts Jockey vertrieben, damit ihr von allen favorisiertes Pferd unterliegt und er mit der Wette auf ein anderes Tier den großen Gewinn einstreicht. (Tiere spielen in fast allen Ford-Filmen eine wichtige Rolle: Ihre Treue und Loyalität fungiert als eine Art „Vorbild“. Sich gegen das Tier zu wenden, ist dasselbe, als würde man sich gegen Familie und Heimat stellen.) Dermot erklärt sich bereit, den verschwundenen Jockey zu ersetzen und das Rennen nach Möglichkeit zu gewinnen: Es geht dabei nicht nur um den eigenen Triumph, sondern auch um die Fairness, denn viele Menschen haben ihr hart verdientes Geld gesetzt und verdienen einen fairen Wettkampf. Es folgt eine rasant und mit zahlreichen waghlasigen Stunts inszenierte Sequenz, die mit Dermots Sieg und der endgültn Enttarnung D’Arcys als Schurken endet. Aus Wut erschießt er das siegreiche Tier: Tiefer kann man kaum noch sinken.

HANGMAN’S HOUSE bedient sich mit seinen symbolstarken Bilder – das als verflucht betrachtete Haus des Scharfrichters liegt ständig im Nebel, umgeben von knorrigen Bäumen, der Richter selbst wird von den Gesichtern der Hingerichteten geplagt, die ihm in seinem Kamin erscheinen – erneut beim deutschen Expressionismus, darf aber in seiner Abfolge bewegungslastiger Aktionen und seinem Racheplot durchaus als Vorläufer heutiger Actionfilme betrachtet werden. Auch das Spiel McLaglens ist sehr modern, vor alle, wenn man ihn im direkten Vergleich mit Earle Foxe vergleicht, der seinen D’Arcy mit übertriebener Mimik als Karikatur anlegt. Inszenatorisch ist HANGMAN’S HOUSE bemerkenswert, aber seine Durchschlagskraft ist mit jener von FOUR SONS nicht annähernd zu vergleichen.

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