Ausblick auf 2016

Veröffentlicht: Dezember 23, 2015 in Film

henryhathaway

Wie es seit einigen Jahren schöne Tradition ist, wird mein Jahresrückblick 2015 auch diesmal wieder Bestandteil des großen Listen-Rundumschlags von Hard Sensations sein, der die Leser im Januar, also spät, aber noch rechtzeitig, erwartet. Statt der gängigen Top 10 bis Flop 100, die man dieser Tage überall zu lesen bekommt, richte ich an dieser Stelle den Blick nach vorn, auf das, was meine Leser im kommenden Jahr hier im Blog erwartet bzw. erwarten könnte.

Es ist sicher kein Geheimnis, dass mich das aktuelle Filmgeschehen immer weniger interessiert, ich die dadurch frei gewordene Zeit lieber in das Aufarbeiten von Filmgeschichte investiere. Derzeit eröffnet mir die Ford-Werkschau eine ganz neue Perspektive auf die Traditionen filmischer Narration: Techniken, die ich bislang für Errungenschaften der 50er-, 60er-, 70er- oder 80er-Jahre hielt, erweisen sich plötzlich als alte Hüte, die man schon zu Stummfilmzeiten zu tragen pflegte. Wissenslücken zu schließen, ist immer gut: Jeder, der sich mit Begeisterung einem Hobby widmet, weiß, dass sich die Decke niemals schließt, sich stattdessen immer neue Lücken auftun, je tiefer man in die Materie eindringt. Die Hofbauer-Kongresse haben mich aber auch gelehrt, dass es sich genauso lohnt, den Blick etwas schweifen zu lassen, nicht nur die filmhistorischen Fixsterne in den Blick zu nehmen, sondern auch das, was sich in deren unmittelbarer Nähe ereignete.

WALSH, RAOUL

Aus diesem Grund habe ich mir ein paar Regisseure ausgeguckt, die nächstes Jahr Gegenstand einer intensiven Betrachtung werden könnten. Da viele dieser Filmemacher ihr Handwerk zu Stummfilmzeiten oder kurz danach erlernten, also zu einer Zeit, als die Studios noch einen um ein Vielfaches höheren Output hatten als heute, und jeder von ihnen um die 40 bis 50 Filme drehen konnte, werde ich sie unmöglich alle in einem Jahr unterbringen können. Zumal mich John Ford, von dem ich noch gut 60 Filme vor der Brust habe, mit Sicherheit noch das ganze nächste Jahr beschäftigen wird. Trotzdem wollte ich euch einige meiner Ideen als kleinen Appetizer für die Feiertage mitgeben. Vielleicht lasse ich mich von eurem Zuspruch oder eurer Ablehnung ja sogar beeinflussen. Wer weiß?

film_nicholasray

Sehr naheliegend ist es natürlich, nach John Ford mit Howard Hawks weiterzumachen, dem anderen maßgeblichen, klassischen US-Regisseur. Aber auch ein paar andere Klassiker interessieren mich brennend, darunter etwa Raoul Walsh, William Wyler, Henry Hathaway, Anthony Mann, John Sturges, Robert Wise und Nicholas Ray. Eher thematisch orientierte Reihen mit einigen Überschneidungen zu den genannten Leuten wären eine Screwball-, Film-noir- und eine Pre-code-Retrospektive. Die Don-Siegel-Reihe, einst die erste Werkschau, die mich hier im Blog beschäftigte, harrt seit Jahren ihrer „Vollendung“, die nun endlich greifbar ist: Sein Frühwerk liegt mir mittlerweile fast vollständig vor. Als Kontrast dazu stelle ich mir derzeit eine farbenfrohe Elvis-Reihe überaus reizvoll vor, und modernere, von mir nicht minder geschätzte Filmemacher wie John Frankenheimer, Sidney Lumet, Michael Winner und Peter Hyams haben ebenfalls noch Werke im Programm, die mir unbekannt sind und dringend nachgeholt werden müssen.

Wie ihr seht, habe ich viele Ideen und irrsinnig viel Lust auf das kommende Jahr, das, so hoffe ich, wieder mindestens genauso viele Entdeckungen bereithält wie dieses. Der 15. Hofbauer Kongress sollte Anfang 2016 einen adäquaten Startschuss liefern, Ende Januar gibt es beim zweiten Mondo-Bizarr-Weekender die geballte Ladung Bahnhofskino. Und sollte euch meine Auflistung in ihrer US-Zentrierung zu langweilig sein, so kann ich euch beruhigen: Ich werde auch weiterhin fleißig in Italien, Deutschland und Spanien stöbern und euch wissen lassen, was ich dabei gefunden habe.

In diesem Sinne: Frohes Fest!

 

Kommentare
  1. Ghijath Naddaf sagt:

    Ah, William Wyler. Einer der erfolgreichsten Regisseure der Traumfabrik und trotzdem, oder
    gerade deshalb, von einigen Kritikersnobs regelrecht gehasst.
    Dabei ist bei Wyler wirklich für jeden was dabei. Aber The Best Years of our Lives habe ich
    tatsächlich erst vor 2 Jahren für mich entdeckt. Seitdem aber einer meiner Favoriten.
    Hathaway, Sturges, Mann…unbedingt.
    Dann wünsche ich dir, und deiner Familie, frohe Weihnachten und einen guten Rutsch.

  2. david sagt:

    Ein in der Tat appetitanregender Ausblick! Ich freue mich schon jetzt. Hier an dieser Stelle ein ganz großes Dankeschön für die vielen schönen Beiträge! Ohne „Remember It For Later“ und deine Schreibe wäre die deutschsprachige Filmblogosphäre wesentlich ärmer.
    Zu Wyler: den hat Norbert Grob kürzlich in einer Essay-Sammlung als radikalen Kino-Erneuerer in eine Reihe mit Erich von Stroheim und Otto Preminger gestellt. Der Essay zu Wyler war zwar interessant in der Grundthese, aber nicht so wirklich schlüssig im Detail: vielleicht kannst du dann tatsächlich eine Lücke schließen😉
    À propos Otto Preminger: möglicherweise auch ein guter Kandidat für eine Retrospektive hier?
    Dir und deiner Familie wünsche ich ebenfalls frohe und entspannte Feiertage.

    • Oliver sagt:

      An Preminger hatte ich tatsächlich auch gedacht. Aber erst einmal reicht das Pensum. Zumal ich in meiner Ankündigungsliste Michael Curtiz vergessen habe. Der war auch recht produktiv.😀

      Ach so, und danke natürlich für die lieben Worte!

  3. Dennis Neiss sagt:

    John Frankenheimer halte ich für einen nicht ausreichend gewürdigten Filmemacher. In seinem Frühwerk finden sich einige großartige Filme, die heute weitestgehend in Vergessenheit geraten sind. Besonders Billy Liar, Darling und Sunday Bloody Sunday möchte ich an dieser Stelle erwähnen.

    • Dennis Neiss sagt:

      Oh, wie peinlich. Ich habe John Frankenheimer mit John Schlesinger verwechselt. Streich alles bis auf den ersten Satz🙂

      • Oliver sagt:

        Passiert schon einmal. SUNDAY BLOODY SUNDAY und BLACK SUNDAY kann durchaus verwechseln. Ist mir ehrlich gesagt selbst gar nicht aufgefallen, dein Fehler.🙂

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