it’s a wonderful life (frank capra, usa 1946)

Veröffentlicht: Dezember 25, 2015 in Film
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its_a_wonderful_life_movie_posterIT’S A WONDERFUL LIFE ist – zumindest in den USA – der Inbegriff des weihnachtlichen Feelgood Movies und bietet als solcher natürlich reichlich Ansatz für Ideologiekritik: Man könnte Capras Film vorwerfen, dass er die Verlierer des Kapitalismus, die einfachen Leute, mit ihrer Niederlage versöhnt, anstatt sie aufzuwiegeln, dass er ihnen Honig ums Bärtchen schmiert und ihnen ihr Dasein schmackhaft macht, anstatt es ihnen zu verleiden. Ich glaube aber, dass eine solche Kritik am Kern des Films vorbeigeht. IT’S A WONDERFUL LIFE ist zwar in der Realität angesiedelt – die Jahre der Depression und der Zweite Weltkrieg haben eine wichtige Bedeutung für die Handlung -, aber doch auch in einer märchenhaften Parallelwelt. Bedrock Falls, der Ort, in dem der Film spielt, ist eine idealtypische, gemütliche amerikanische Kleinstadt voller liebenswürdiger, schrulliger, rechtschaffener Bürger, die beim Grüßen den Hut ziehen und sich alle untereinander kennen. Der einzige, der aus der Rolle fällt, ist der griesgrämige Potter (Lionel Barrymore), ein unbarmherziger Kapitalist, der nur seinen Gewinn im Sinn hat und dafür auch bereits ist, Leben zu zerstören. Nicht von ungefähr erinnert er an Ebenezer Scrooge aus Dickens‘ Weihnachtsgeschichte. Sein Gegenspieler ist der empathische Humanist George Bailey (James Stewart), der als Leiter eines privaten Bankhauses auch den ärmsten der Armen noch Kredite gewährt, bei der Rückzahlung der Raten gern ein Auge zudrückt, so zwar ständig am Konkurs entlangschrammt, aber eben auch überaus beliebt ist bei den Einwohnern seines Heimatstädtchens, die ihm oft nicht weniger als die Existenz zu verdanken haben.

Natürlich hat Bailey mit seiner aus kaufmännischer Sicht mehr als fragwürdigen Geschäftsphilosophie auf lange Sicht keine Chance gegen Potter, aber Regisseur Capra, vielleicht der größte Humanist des US-Kinos, lässt ihn am Ende dennoch triumphieren: Als seinem Unternehmen der Konkurs und ihm Gefängnis droht, erinnern sich die Bürger von Bedrock Falls daran, wie er ihnen einst half und retten ihn, indem sie ihm etwas von ihrem Geld geben, um seine Schulden zu begleichen. Tue Gutes und es wird sich auszahlen, das könnte die Botschaft sein, aber Capra liegt solches Profitdenken eigentlich fern. Der Humanismus, das verantwortungsbewusste, rücksichtsvolle Handeln, Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe sind ihm Werte an sich, die nicht weniger wertvoll und wichtig sind als die Fähigkeit, imposante Bauwerke zu errichten, Maschinen zu konstruieren, Bücher zu schreiben oder sonstige sichtbare Spuren zu hinterlassen.Baileys Drama ist es, dass ihn sein Altruismus sein ganzes Leben davon abgehalten hat, seine eigenen Träume zu verwirklichen: Als junger Mann will er Bedrock Falls verlassen, um sich die Welt anzusehen, da macht der Tod seines Vaters es erforderlich, dass er bleibt und sich um das Geschäft kümmert. Sein energisches Eintreten gegen Potter imponiert dem Aufsichtsrat des Bankhauses so sehr, dass sie ihn zum neuen Geschäftsführer machen: Um die Philosophie seines Vaters am Leben zu halten, nimmt er den Job, der auch das Ende seiner eigenen Pläne bedeutet, zähneknirschend an. Später sitzt er mit seiner Gattin Mary (Donna Reed) im Auto auf dem Weg in die Flitterwochen, als der schwarze Freitag ihn dazu zwingt, sein Privatvermögen und damit auch den Urlaub mit der Frau für die Kunden zu opfern. Bailey, der eigentlich Dinge „erschaffen“ will, sieht sich als Opfer seiner eigenen Überzeugungen. Er trifft wichtige Entscheidungen, ja, aber alle diese Entscheidungen führen ihn auf einen Lebensweg, den er nie einschlagen wollte. Die Pointe des Films ist bekannt: Als er sich das Leben nehmen will, zeigt ihm ein Engel (Henry Travers), wie es in Bedrock Falls aussähe, wenn es ihn nie gegeben hätte. Dieser Blick erst zeigt George, dass er tatsächlich etwas von Wert geschaffen, dass er überall Spuren hinterlassen hat, dass der ganze Ort deutliche Zeichen seines Wesens trägt.

Einer Ideologiekritik, die dem Film vorwürfe, er sediere die vom Kapitalismus Unterdrückten, indem er ihnen ihr trauriges Leben zum Heldentum verzeichnen, würde ich also entgegnen, dass George ja keineswegs ein „John Doe“ ist, ein Durchschnittsbürger, der in der Masse versinkt. Im Gegenteil: Er tritt immer und überall für seine Überzeugungen ein, auch dann, wenn es ihm zum eigenen Nachteil gereicht. Nie geht er den Weg des geringsten Widerstandes, auch dann nicht, wenn er davon profitierte, immer hat er das große Ganze im Blick, seine Heimatstadt und die dort lebenden Menschen, die ihn brauchen. Das nicht länger Bedrock Falls, sondern Pottersville heißende Städtchen, das ihm am Ende vorgeführt wird, ist dann auch in etwas puritanischer Übersteigerung ein wahres Sündenbabel voller Stripschuppen und dubioser Nachtbars, die mit blinkenden Neonschildern wüste Versprechungen in die Nacht streuen. Blendet man die etwas piefige Lustfeindlichkeit aus, die aus der Gleichsetzung von Sex und Sünde spricht, bleibt ein Bild, das durchaus an unsere Innenstädte erinnert: Alles ist Kommerz und schöner Schein, im Vordergrund steht nicht mehr die Gemeinschaft, das Interesse am Wohlergehen des Nächsten, sondern der Profit. Bailey wird mit seinem Bankhaus niemals reich werden, sein Name wird niemals in den Geschichtbüchern verewigt werden, aber nichtsdesstotrotz hat er einen wichtigen Beitrag zum Leben geleistet: Er hat gezeigt, dass man für seine Überzeugungen und Werte einstehen muss, dass noch der kleinste Beitrag große Wirkungen zeitigen kann. IT’S A WONDERFUL LIFE entlässt seine Zuschauer nicht aus der Verantwortung, im Gegenteil: Er fordert ihnen eine Menge ab.

Kleiner Nachtrag: Ich habe den Film mehr aus Versehen in einer nachkolorierten Fassung geschaut, die dem Vergnügen aber keinen Abbruch getan hat. Im Gegenteil: Ich fand, dass die pastelligen, leicht unnatürlichen Farben den märchenhaften Charakter des Films und das Idyll von Bedrock Falls sehr schön unterstrichen haben.

Kommentare
  1. Ghijath Naddaf sagt:

    Der Film schafft mich am Ende immer. Auld Lang Syne, Susu, Glöckchen und Engelsflügel geben
    mir den Rest. Ein Meisterstück der Zuschauermanipulation.

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