Archiv für Dezember, 2015

1111_il_mostro_di_firenzeZwischen 1968 und 1985 werden in der Provinz Florenz insgesamt 16 Menschen von einem Serienmörder umgebracht, den die Medien schnell „Das Monster von Florenz“ taufen. Der Modus operandi ist immer derselbe: Immer überrascht der Killer ein Liebespärchen beim Schäferstündchen im geparkten Auto, tötet sie durch Schüsse aus seiner Beretta Kaliber 22 oder Messerstiche, verstümmelt anschließend die Geschlechtsteile der weiblichen Opfer. Erst 1994 wird der vermeintliche Täter verhaftet und verurteilt, nur wenig später jedoch begnadigt. Bevor es zu einer Wiederaufnahme des Verfahrens kommen kann, verstirbt er unter ungeklärten Umständen. Bis heute bleibt die brutale Mordserie ungelöst.

Regisseur Cesare Ferrario beteiligt sich mit seinem Regiedebüt anlässlich des damals aktuellen (und, was niemand wissen konnte, auch letzten) Akts der Mordserie an den Spekulationen über den Killer und drehte einen Film, der ganz von der damals über der toskanischen Stadt und ihren Bewohnern hängenden Unsicherheit geprägt ist. Protagonist von IL MOSTRO DI FIRENZE ist, wenn man ihn denn so nennen will, der Schriftsteller Andreas Ackerman (Leonard Mann), der schon nach den ersten Mordern begonnen hatte, einen auf den Tatsachen basierenden Roman zu schreiben, diesen jedoch abbrach, als er mit der Charakterisierung des Mörders „steckenblieb“. Was veranlasste ihn zu seinen Taten? Was könnte sein Hintergrund sein? Wie gelingt es ihm, nach all den Taten weiterhin unentdeckt zu bleiben? Mit seiner Lebensgefährtin, der Journalistin Giulia (Bettina Giovannini) stellt Andreas Spekulationen über die psychische Disposition des Mannes an: Er leidet unter einer sexuellen Störung, einer möglicherweise dysfunktionalen Mutterbindung und an Impotenz. Gleichzeitig erlaubt ihm ein gewisses Maß an Wohlstand, die bürgerliche Fassade aufrechtzuerhalten. Die andere Hälfte des Films widmet sich dem – möglichen – Täter, dergestalt, dass die Spekulationen Andreas‘ und Giulias anhand eines weiteren Charakters, des reichen Muttersöhnchens Enrico (Gabriele Tinti), verbildlicht werden. Am Ende steht Andreas seiner „Schöpfung“ auf den Straßen von Florenz gegenüber, doch was sollte er tun? Er muss den Mann ziehen lassen und weiter mit der Gewissheit leben, dass der Mörder irgendwo da draußen herumläuft, unerkannt und unbehelligt.

IL MOSTRO DI FIRENZE ist ein hochgradig seltsamer Film, auch wenn er sich durchaus erfolgreich um Nüchternheit und Sachlichkeit bemüht. Aber da Ferrario nicht daran gelegen ist, der Realität vorzugreifen und selbst Fakten zu schaffen, ihm aber auch der lange Atem und die Akribie fehlt, um sich im Stile von David Finchers ZODIAC durch turmhohe Aktenberge zu wühlen und die Arbeit von jahrzehntelanger, letztlich ergebnisloser Ermittlungsarbeit zu protokollieren, ist sein Giallo von auffallender Statik. Nichts von dem, was passiert, ist von Belang, ja, im Grunde genommen ist eigentlich völlig unklar, ob das, was da passiert, Wirklichkeit ist oder nur der Vorstellungskraft des Protagonisten entspringt, mithin Spekulation ist. Darf die erste Hälfte des Films noch suggerieren, die Überlegungen des Schriftstellers führten zu irgendeinem – vielleicht gar überraschenden, unerwarteten? – Ergebnis, so kommt die diegetische Gegenwart des Films in der zweiten Hälfte zum völligen Stillstand: Andreas schaut da nachdenklich zum Fenster raus, geht in seinem Zimmer auf und ab oder setzt sich an seine Schreibmaschine, um seine neuesten Gedanken festzuhalten. Weiteren Anteil an der Handlung hat er nicht. IL MOSTRO DI FIRENZE spielt sich ausschließlich in seinem Kopf ab, seine Überlegungen ersetzen jede greifbare Wirklichkeit, werden nur für den Zuschauer „wahr“, der nicht mehr genau weiß, was er da eigentlich glauben soll. So muss es wohl damals auch den Menschen in Florenz gegangen sein …

136855-riley-the-cop-0-230-0-345-cropJames „Aloysius“ Riley (J. Farrell MacDonald) ist ein Streifenpolizist in New York, alleinstehend und mit einer ganz besonderen Erfolgsphilosophie ausgestattet: Wie gut man als Polizist ist, lasse sich an den Festnahmen ablesen, die man nicht gemacht habe. Und Riley ist nach dieser Philosophie ein Meister: 20 lange Jahre ist er ohne eine einzige Verhaftung ausgekommen. Er versteht seinen Job eher als Sozialarbeit, und wenn ihm doch mal eine Ordnungswidrigkeit begegnet, dann schickt er deren Urheber schnell auf die andere Straßenseite, in das Revier von seinem Rivalen Krausmeyer (Harry Schultz). Mit dieser Strategie hat er es geschafft, als Musterbeispiel für Effizienz angesehen zu werden, sodass man ihm auch die wenig vorteilhafte Körperhaltung, eine gewisse Faulheit und die bootsgroßen Füße verzeiht. Sein ganzer Stolz sind die junge Mary (Nancy Drexel) und ihr Liebhaber David (David Rollins), die Riley von Kindesbeinen an beobachtet und wie seine eigenen Kinder ins Herz geschlossen hat. Ihrer bevorstehenden Hochzeit fiebert er fast genauso nervös entgegen wie die beiden selbst. Doch dann gibt es Ärger: Während David seine reisende Mary in Europa sucht, wird ihm in den USA Veruntreuung vorgeworfen. Riley soll ihn in München einsammeln und zurück nach New York bringen. Aber dann freundet er sich mit deutschem Bier und der schönen Lena (Louise Fazenda) an …

Mit knapp 70 Minuten Länge ist RILEY THE COP nach den deutlich ambitionierteren FOUR SONS und HANGMAN’S HOUSE wieder eines der eher kleineren Ford-Projekte „für Zwischendurch“. Außerdem handelt es sich um eines jener auf der Schwelle zum Tonfilm entstandenen Werke, die bereits mit der neuen Technik experimentieren, aber den entscheidenden Schritt noch vor sich haben: In RILEY THE COP gibt es immer wieder Szenen, in denen Soundeffekte, Stimmen und Geräusche die Musikspur ergänzen und so eine neue, ungewohnte Lebendigkeit schaffen. Inhaltlich ist RILEY THE COP zwar vergnüglich (sehr schön der Running Gag, dass Riley immer wieder anhand seiner großen Füße identifiziert wird), aber auch etwas dünn. Worin da am Ende die Entwicklung des Titelhelden besteht bzw. ob es diese überhaupt gibt, ist mir nicht klar geworden. Riley ist ein von äußeren Einflüssen nahezu ungerührter Gesell, ganz im Hier und Jetzt geerdet, ohne Träume und Hoffnungen, aber auch ohne Zweifel oder Unzufriedenheit. Ja, er findet im Verlauf der Geschichte eine Frau, die ihm bislang noch fehlte, aber wenn er unter dieser Einsamkeit wirklich gelitten haben sollte, wusste er gut, das zu verbergen. Doch scheint die Handlung auch nur wenig zwingend, so gibt es doch das ein oder andere interessante Detail.

Bereits in meinem Text zu 3 BAD MEN hatte ich angemerkt, dass Ford seinen Film streng genommen aus der Sicht dreier Nebenfiguren erzähle, nämlich der titelgebenden „drei bösen Männer“, die dem jungen Pärchen – den eigentlichen Hauptfiguren – den Weg in einer strahlende Zukunft bereiten und dabei selbst verschwinden. In RILEY THE COP ist das so ähnlich: Für Riley steht nichts auf dem Spiel, es sind Mary und David, die etwas zu verlieren haben und die Hilfe Rileys gut gebrauchen können: Sie haben ihr Leben noch vor sich, wollen einander heiraten und eine Familie gründen. Riley hingegen steht außerhalb gängiger gesellschaftlicher Konventionen: Er hat weder Frau noch Kinder oder sonstige Angehörige, auch der Job scheint keine existenzielle Bedeutung in seinem Leben zu haben, einen wirtschaftlichen Zweck zu erfüllen. So, wie Ford diesen Riley darstellt, fragt man sich, ob er überhaupt ein Leben außerhalb seines Berufes hat. Ford arbeitet im Grunde genommen mit einer archetypischen, quasimythischen Charakterisierung – der Held als außerhalb jeder Gesellschaft stehende autonome Gestalt ohne Vergangenheit und Zukunft -, aber er verlegt diese in einen absolut banalen, aller dramatischen Übertreibungen freien Alltag. Riley ist nicht etwa ein mysteriöser Reiter, der auf seinem Hengst aus dem Nichts geritten kommt, um den Tag zu retten, sondern ein etwas grober, nicht besonders intelligenter Streifenpolizist mit Quadratlatschen. Das sorgt zum einen für den Humor des Films, liegt zum anderen aber voll auf der Linie von Fords Verehrung der Alltagshelden. Es sind eben nicht die in leuchtender Rüstung vom Himmel herabsteigenden Ritter, die die Erde zu einem bessere Ort – zur geliebten Heimat – machen, sondern Leute wie Riley mit ihrer intakten Moral und dem Mut, die Dinge beherzt und unverdrossen anzupacken. Und manchmal führt auch ein Umweg zum Ziel: Letzten Endes rettet Riley den Tag, indem er in einem Pariser Nachtlokal versumpft. Das ist wahre Größe.

11180826_oriDie Drohung Dicksons (Ice Cube) vom Ende des ersten Teils, die beiden Helden undercover aufs College zu schicken, wird wahr gemacht: Wieder gilt es einen Drogenring auszuheben, der diesmal die Designerdroger WhyPhy auf den Markt bringen will. Doch Jenko hat andere Pläne: Er wittert die Chance, zusammen mit dem „seelenverwandten“ Studenten Zook (Wyatt Russell) Football-Karriere zu machen. Schmidt ist auf sich allein gestellt …

Der im Vorgänger noch recht milde selbstreflexive Charakter wird im zweiten Teil wesentlich mehr in den Vordergrund gerückt. Running Gag ist etwa das ständige Beharren von Schmidts (Jonah Hill) und Jenkos (Channing Tatum) Vorgesetzten, bei diesem Fall sei alles ganz genauso wie beim vorangegangenen, man habe diesmal lediglich mehr Geld zur Verfügung. Durchsichtige Plotvariationen – die aus dem Vorläufer bekannte Dynamik zwischen den beiden Protagonisten wird nun einfach umgekehrt -, sinnlose „Verbesserungen“ – das zuvor noch reichlich schäbige Hauptquartier der Undercover-Cops ist nun mit reichlich eitlem Hightech-Zeug zugestellt – werden von den Charakteren höchstselbst bemerkt und immer wieder aufs Korn genommen. Ein schöner Einfall ist eine Verfolgungsjagd, bei der die eigentlich zu Budgeteinsparungen angehaltenen Protagonisten sich zufällig stets für genau jenen Weg entscheiden, auf dem sie den größten Schaden anrichten: Da wird dann ein Geldautomat umgefahren, sodass die Banknoten durch die Luft wirbeln oder ein ganzer Skulpturenpark geschrottet. 22 JUMP STREET wandelt auf einem schmalen Grat, riskiert ständig, dass man ihn nur noch als Parodie wahr-, seine Geschichte gar nicht mehr ernstnehmen kann. Dass ihm die Gratwanderung gelingt, liegt erneut an der Chemie des Hauptdarstellerpärchens: Hill und Tatum haben sich das Image von liebenswerten, schlitzohrigen Underdogs, die man gern anfeuert und denen man auch einen Fehltritt gern verzeiht, hart erarbeitet, und das färbt auch auf den Film ab. Die beiden haben die Gabe, selbst einen schwächeren Gag noch zum Gewinner zu machen. Großartig ist auch wieder Ice Cube, der zum heimlichen Star der Show wird: Sein Ausraster am Buffet eines feinen Restaurants ist ein Highlight. (Er hat noch ein weiteres, das ich hier aber nicht verrate.)

Alles in allem hat mir das Sequel am Ende sogar noch besser gefallen als der erste Teil, einfach weil die Gagdichte höher ist. Man kann ganz bestimmt darüber streiten, ob die beständige Selbstironie nun eher einen Fall von bequemer Absicherung gegen Kritik oder aber im Gegenteil sogar reichlich sibversiv ist. Ich tendiere zu letzterem, denn ein solch freidrehende, respektlose, gleichermaßen bescheuerte wie intelligente und schlicht gut gelaunte Komödie halte ich für einen ausgesprochenen Glücksfall. Besser kann man ein Sequel eines Films, dessen erste Installaton die meisten schon für eine Schnapsidee hielten, kaum gestalten.

sigi götz entertainment # 27

Veröffentlicht: Dezember 20, 2015 in Film, Zum Lesen

1419Ab sofort ist die 27. Ausgabe des „Sigi Götz Entertainment“, kurz: SGE, erhältlich. Neben bekannten Autoren wie Rainer Knepperges, Stefan Ertl, Ulrich Mannes und Viktor Rotthaler bin auch ich zum allerersten Mal auf den glamourös strahlenden Seiten vertreten: mit einem kurzen Aufsatz über die Simmel-Verfilmungen von Luggi Waldleitner. Ich bin ebenso aufgeregt wie erfreut und rege euch hiermit dazu an, das Heft – oder am besten gleich ein Abonnement – zu erwerben. Das geht am Besten hier. Dort erfahrt ihr auch, was es in diesem und den vergangenen Heften zu lesen gab und gibt.

21-jump-street-poster-artworkMit der Fernsehserie 21 JUMP STREET begann vor rund 30 Jahren auch die Karriere von Johnny Depp als Leading Man. Er hatte zuvor schon einige Filme gemacht, etwa A NIGHTMARE ON ELM STREET oder natürlich CRY-BABY, aber in Deutschland nahm man ihn eigentlich erst in der Serie um eine Spezialeinheit von als Schülern getarnten Undercover-Cops so wirklich war. Vor allem die Teenie-Postille „Bravo“ fuhr auf den gutaussehenden Star ab und sorgte dafür, dass sein makelloses Konterfei die Wände zahlreicher Mädchenzimmer schmückte. Und auch ich verbrachte bei der deutschen Erstausstrahlung auf RTL manchen Vorabend vor der Glotze und träumte davon irgendwann auch so cool zu sein wie Tom Hanson (Johnny Depp) und seine Kollegen. Ich war halt noch jung.

Phil Lord und Christoph Miller waren jedenfalls intelligenter als ich damals, haben den blinden Fleck der Serie erkannt und zum Ausgangspunkt ihrer filmischen Aufbereitung gemacht, die dann auch kein „Remake“ im engeren Sinne ist: Fertig ausgebildete Erwachsene, die noch als Schüler durchgehen und von ihren Vorgesetzten eingesetzt werden, um minderjährige Drogendealer und Rabauken festzusetzen, sind keinesfalls „cool“, sondern ziemlich genau das Gegenteil davon. Genauso wie die beiden frisch gebackenen Polizisten Schmidt (Jonah Hill) und Jenko (Channing Tatum), die nach bestandener Ausbildung mit dem Fahrrad durch den Park patrouillieren und Strafzettel für unerlaubtes Entenfüttern ausstellen. Weil sie eigentlich davon träumten, mit großkalibriger Waffe und PS-starkem Auto auf Verbrecherjagd gehen zu können, ergreifen sie die Gelegenheit, die Mitglieder einer Drogenbande gefangenzunehmen, mit großem Enthusiasmus, der ihre  wahre Befähigung allerdings weit übersteigt. Die Folge: Die Verbrecher müssen freigelassen werden, weil Jenko vergessen hat, ihnen die Rechte vorzulesen. Zur Strafe werden sie zum launischen Captain Dickson (Ice Cube) und seiner in einer alten Kirche untergebrachten Spezialeinheit versetzt. Im Folgenden müssen die beiden erwachsenen Cops wieder bei den Eltern wohnen und zur Schule gehen und das ist alles andere als ein Zuckerschlecken, weil dort deutlich andere Sitten herrschen als damals – und weil Schmidt und Jenko verwechselt werden, der Sportler folglich mit den Chemienerds rumhängen muss, der Eierkopf hingegen mit den Sportlern.

21 JUMP STREET liegt durchaus auf der Linie der in den letzten Jahren so erfolgreich gelaufenen Komödien um Männer, die sich beharrlich weigern, erwachsen zu werden. Nach anfänglichen Schwierigkeiten genießen Schmidt und Jenko es, noch einmal Parties feiern und zum Abschlussball gehen zu dürfen und ihre Mission rückt darüber ziemlich weit in den Hintergrund, doch am Ende beweisen sie sich dann natürlich doch noch als echte Cops. Die Komödie ist tatsächlich sehr charmant geraten, wenn sie auch nicht die lustigste ist, die ich in letzter Zeit gesehen habe. Hill und Tatum sind einfach beide sehr liebenswert und glaubwürdig in ihren Rollen, Ice Cube ist spitzenmäßig als ständig fluchender, überaus genervter und maximal desillusionierter Vorgesetzter. Neben den erwartbaren Witzchen um die vermeintliche Homosexualität der beiden Protagonisten, Penisgrößen und Potenzprobleme, gibt es auch einige glücklicherweise nicht zu aufdringlichen selbstreferenziellen Gags, mit denen 21 JUMP STREET weitere Sympathiepunkte einheimst. Keine Meisterleistung, aber ich freue mich trotzdem aufs Sequel.

 

28162Was für eine Wiederentdeckung!

Ich mochte Alberto de Martinos zu Unrecht als THE EXORCIST-Rip-off marginalisierten Besessenheitsfilm schon damals, als ich ihn zum ersten Mal gesehen hatte, fand ihn sogar deutlich befriedigender als Friedkins Megahit, dem zum vollen Erfolg m. E. immer das Drehbuch des erzkatholischen William Peter Blatty im Wege stand, aber dass er mich bei der Wiederbegegnung so dermaßen begeistern würde, war nicht unbedingt zu erwarten gewesen. Ich habe ihn innerhalb der letzten sieben Tage gleich zweimal gesehen (einmal in Englisch auf der Anchor-Bay-DVD, einmal in deutscher Synchronisation im Kino), und es spricht nur für den Film, dass ihm das nicht nur kein bisschen geschadet hat, sondern ich ihn beim zweiten Mal sogar noch besser fand.

Hier stimmt wirklich alles: Schon die fulminante Eröffnungssequenz, in der de Martino im semidokumentarischen Stil einfängt, wie sich verkrüppelte, zitternde, zuckende und geifernde Menschen in religiösem Wahn um eine Marienstatue tummeln, von der sie sich Heilung versprechen, zieht einen sofort in ihren Bann, macht unmissverständlich klar, wie der Hase hier in den nächsten 110 Minuten laufen wird. Der größte Wurf des Films ist gewiss, dass er seine Besessenheitsgeschichte in einer tief in der klerikalen Struktur Roms verwurzelten, großbürgerlichen Familie ansiedelt: Natürlich glaubt die aufgrund einer psychischen Blockade gelähmte Tochter (Carla Gravina), dass sie von einer als Hexe verbrannten Vorfahrin besessen ist, natürlich glauben ihre nächsten Verwandten, dass der Teufel im Spiel ist, natürlich „funktioniert“ der Exorzismus am Ende. Aber de Martino lässt nie einen Zweifel daran, was die höchst weltliche Ursache und dass das alles nur Projektion ist. Man merkt ihm die Abneigung gegen die Institution der katholischen Kirche jederzeit an, aber, und das ist entscheidend, man spürt auch die Empathie mit den Menschen, die in ihrem irrationalen Glauben konditioniert und damit gefangen sind.

L’ANTICRISTO kann effekttechnisch logischerweise nicht annähernd mit Friedkins bahnbrechendem Horrorfilm mithalten, ist stilistisch eher klassisch und gediegen, aber was ihm an Übergriffigkeit fehlt, macht er durch sein intelligentes Drehbuch mehr als wett. Und wenn die arme Ippolita sich in einer Satansorgie komplett mit Ziegenbock-Anus hineinhalluziniert, sie anfängt, obszöne Flüche auszustoßen, die selbst Klaus Kinski erröten ließen, im finalen Exorzismus Fensterläden auf- und Möbelstücke herumfliegen, sich der Schnittrhythmus frenetisch steigert, dann fühlt man sich auch von L’ANTICRISTO erheblich drangsaliert. Besondere Erwähnung verdient die Hauptdarstellerin Carla Gravina, die sich hier den Arsch abspielt, die ganze Palette von der auf die neue Geliebte des Vaters eifersüchtige,hilflose Tochter über die aufgrund ihrer gesundheitlichen Situation sexuell frustierten junge Frau bis hin zur lüsternen Femme fatale und schließlich zur Erbsensuppe spuckenden Besessenen überzeugend abdeckt, dabei eine wahre körperliche Tour de force hinlegt. Die anderen Akteure müssen fast zwangsläufig neben ihrer Leistung verblassen, was Gelegenheit gibt, die famose Kameraarbeit von niemand Geringerem als Aristide Massaccesi aka Joe D’Amato und die fantastischen, opulenten Settings zu bestaunen oder dem fiesen Score von Ennio Morricone und Bruno Nicolai zu lauschen.

L’ANTICRISTO ist gewiss kein Geheimtipp mehr, aber neben all den anderen Italo-Horrorfilmen, die bereits an jedem Baum zum zweiten Mal angepriesen wurden, dürfte seine Klasse ruhig etwas lauter besungen werden. Wer ihn bislang noch nicht kennt, sollte das schleunigst ändern. Und wenn er schon dabei ist, kann er auch noch HOLOCAUST 2000 nachlegen, de Martinos Variation des anderen großen Okkultschockers der Siebziegerjahre, THE OMEN.

rettet „der perser und die schwedin“!

Veröffentlicht: Dezember 19, 2015 in Film
Schlagwörter:

jeunesse-perdue-1_articleDER PERSER UND DIE SCHWEDIN (JEUNESSE PERDUE) des mysteriösen iranischen Einmal-Regisseurs/Drehbuchautors/Schauspielers Akramzadeh verzauberte bei seinem Einsatz während des Hofbauer-Kongresses alle Anwesenden mit seiner Unschuld und Naivität, seinem unverstelllten Blick auf das Londoner Nachtleben der frühen Sechzigerjahre durch die Brille eines iranischen Studenten und seiner reizvollen Mischung aus Sitten-, Liebes-, Nacht- und Problemfilm. Seit er in jener magischen Nacht die Herzen zum Tanzen brachte, ist er durch die Nation getourt – stets mit vergleichbar euphorischen Reaktionen.

Er wurde so zu einer Art paradigmatischem Hofbauer-Kongress-Film: Er ist eine jener Ausgrabungen, auf die alle Besucher stets hoffen, die aber natürlich alles andere als alltäglich sind. Von Film und Macher fehlte bis zu seiner Bergung durch das Hofbauer-Kommando jede Spur, es gab noch nicht einmal einen IMDb-Eintrag. Die Kopie, die man ausfindig gemacht hatte, stinkt bereits nach Essig und ist damit dem unvermeidlichen Tod anheimgegeben: Jede Vorführung kann die letzte sein, was dann auch das Ende dieses Films darstellen wird. Die Idee, ihn durch eine – leider kostspielige – Digitalisierung zu retten, war geboren.

An dieser Stelle kommt ihr ins Boot, die ihr euch für außergewöhnliche, seltsame, komische und neben der Spur liegende Filme interessiert und die Wahrung eines Filmerbes jenseits des Kanons für wünschens- und erstrebenswert haltet: Eine Crowdfunding-Kampagne wurde ins Leben gerufen, um den Film auf DVD oder ggf. sogar auf Blu-ray herauszugeben und damit für die Nachwelt zu erhalten. Etwa 350 bis 450 „Funder“ sind nötig.

Ich möchte alle meine Leser bitten, sich die Seite anzuschauen und zu überlegen, ob das nicht die Gelegenheit ist, einen Beitrag zur Erhaltung des marginalisierten Films zu leisten – mal davon abgesehen, dass es einfach nur grandios wäre, DER PERSER UND DIE SCHWEDIN im Regal stehen zu haben, zum Immer-wieder-Sehen, MIt-ins-Bett-Nehmen, Anfassen und Weitergeben. Meinen Text zum Film findet ihr hier, Silvia Szymanski schrieb hier über den Text, Michael Kienzl verfasste eine Rezension auf critic.de. Ich habe mit der Kampagne nichts zu tun, habe lediglich einen kleinen Text dafür verfasst. Ich werde als ganz normaler Funder meinen Beitrag leisten und hoffe darauf, dass ihr das auch tut.

Danke für eure Aufmerksamkeit!