la residencia (narciso ibáñez serrador, spanien 1969)

Veröffentlicht: Januar 1, 2016 in Film
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la_residencia_281969_film_poster29Filme, die in Anstalten für junge Frauen spielen, sind ein Standard des Genrekinos: Von kunstvollen Werken wie Peter Weirs traumgleichem PICKNICK AT HANGING ROCK über die unzähligen Women-in-Prison- bis hin zu straighten Horrofilmen reicht die Bandbreite. Die besseren dieser Werke zeichnen sich dadurch aus, dass sie ihr sexuell aufgeladenes Sujet nicht nur exploitativ ausschlachten, sondern seine Implikationen auch auf Inhaltsebene verhandeln. Wenn Mädchen im Alter knospender Leidenschaften auf engstem Raum zusammengepfercht sind, ein repressives System versucht, ihre Gelüste von oben herab zu reglementieren und zu unterdrücken, kommt es meist zur Katastrophe (zumindest aber zum feuchtfröhlichen Rudelbums). Das gilt auch für Serradors Mysterythriller LA RESIDENCIA, der dieser Tage bei uns auf DVD erschienen ist, die ich trotz eher mittelprächtiger Bildqualität allen Lesern ans Herz legen möchte.

LA RESIDENCIA spielt in einem mondänen Mädcheninternat, dessen Direktorin Madame Fourneau (Lilli Palmer) ein eisernes Regiment errichtet hat. Harte Strafen sind an der Tagesordnung, und was der Aufmerksamkeit der Madame entgeht, das meldet ihr ihre linke Hand, die sadistische Schülerin Irene (Mary Maude). Die körperlichen Bedürfnisse der Mädchen schlagen sich unter diesen Repressionen natürlich eigene Bahnen: Der wöchentliche Besuch des Gärtners aus dem nahegelegenen Ort wird von ihnen heiß erwartet, darf ihm doch eine per Los bestimmte Schülerin bei der Arbeit „Gesellschaft“ leisten. Die junge Isabelle (Maribel Martin) indessen bändelt mit Fourneaus Sohn Luis (John Moulder-Brown) an, der dabei ist, einen heftigen Mutterkomplex zu entwickeln. Und Irene wiederum findet ihren Spaß darin, sich immer neue Sünderinnen auszugucken, zu erpressen, quälen und demütigen. Doch dann verschwindet Isabelle spurlos …

Serradors wunderschönes Schauerstück ist tatsächlich ein schöner Partner für Weirs oben genannten Klassiker. Er behandelt ganz ähnliche Themen, formuliert diese aber deutlicher aus und überführt sie in das schattig Ambiente des Gothic Horrors an der Grenze zum Giallo. Die eh schon aufgeheizte Atmosphäre auf der Schule wird durch die Schandtaten eines Handschuhmörders zum Sieden gebracht, so sehr sich Lilli Palmer in einer denkwürdigen Darbeitung als eisige Gouvernante auch bemüht, den Keim der sündigen Lust abzutöten. Natürlich erreicht sie genau das Gegenteil – eine Binsenweisheit, die Autoritätspersonen und Lustfeinde bis heute leider nicht verstanden haben: Der größte Perverse wird unter Garantie der, dem man am nachdrücklichsten jede körperliche Freude verdorben hat. LA RESIDENCIA ist auch deshalb so schön, weil er ganz explizit auf die Tradition verweist, aus der er stammt: Mehr als einmal wird Jack Claytons meisterlicher THE INNOCENTS referenziert und mit Schlöndorffs Musil-Verfilmung DER JUNGE TÖRLESS gespiegelt, am Ende wächst er sich gar zur FRANKENSTEIN-Variante aus. Wie man das vom Regisseur des nicht minder grandiosen ¿QUIÉN PUEDE MATAR A UN NINO? erwarten durfte, hält LA RESIDENCIA ein hohes intellektuelles Niveau, gleitet nie in die Niederungen des (natürlich auch schönen) Schmuddelkinos ab: Umso stärker wirken eben auch jene Szenen, in denen die gediegene Atmosphäre dann doch einmal aufgebrochen und es ruppig und schmerzhaft wird. Der PSYCHO-artige Twist zum Finale hin ist die Prise Salz, die zum Glück noch gefehlt hat. Und Mary Maude eine wunderbar hassenswerte Schurkin. Rundum gelungen und ein würdiger Jahresabschluss.

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Kommentare
  1. Wolfgang sagt:

    Ja, ein toller Film, gar keine Frage!!

    Ich moechte Dir in diesem Zusammenhang (Maribel Martin!!) den mindestens ebenso guten span. Film aus 1972 „La novia ensangrentada“ als must-see an´s Filmherz legen. 🙂

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