american sniper (clint eastwood, usa 2014)

Veröffentlicht: Januar 3, 2016 in Film
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american-sniper-posterDass es hitzige Debatten um AMERICAN SNIPER geben würde, war vorprogrammiert und wahrscheinlich einer der Gründe, warum man die Biografie des Texaners Chris Kyle, des „erfolgreichsten“ Scharfschützen in der Geschichte des US-Militärs,  überhaupt verfilmte. Kyle, der nach vier Kriegseinsätzen im Jahr 2013 von einem unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidenden Veteran in der Heimat erschossen wurde, hatte es während seiner Einsatzzeit im Irak auf unfassbare 160 bestätigte Tötungen gebracht und wurde nach seinem Tod von vielen Amerikanern als Märtyrer gefeiert. Eastwood durfte mit seinem Film den größten Erfolg seiner Regielaufbahn feiern, sah sich aber auch heftiger Kritik liberaler Kräfte ausgesetzt. AMERICAN SNIPER betreibe Geschichtsklitterung, weil er die „wahren Gründe“ für den Krieg im Irak verschleiere, er stilisiere den kaltblütigen Mörder Kyle zum Helden, rechtfertige die auf Kriegsführung basierende amerikanische Außenpolitik, sei rassistisch und faschistisch. Hier in Deutschland hatte man natürlich ähnliche Vokabeln parat, auf den antiamerikanischen Reflex ist eben immer noch Verlass.

Ich war auf Einiges gefasst, als ich mich gestern dazu entschloss AMERICAN SNIPER zu schauen und bin nun vor allem überrascht darüber, dass man anscheinend nicht gewillt war, diesen Film als das zu sehen, was er ist: als Antikriegsfilm eines Mannes, dem Slogans wie „Kein Blut für Öl“ als bekennendem Republikaner eher fremd sind und von dem man gewiss auch nicht die Verdammung amerikanischer Soldaten erwarten sollte. Das Problem, das Kritiker hatten, ist m. E. nicht Eastwoods Ideologie, sondern eher, dass AMERICAN SNIPER zu wenig der „richtigen“ Ideologie vertritt. Eastwood schwingt keine pazifistischen Reden, er zeigt den Krieg zunächst mal sehr nüchtern als Extremsituation, die zu bewältigen es eines ganz bestimmten Menschentyps bedarf, der dann aber auch nicht in der Lage ist, mit den Konsequenzen seiner Taten umzugehen. Sein Chris Kyle (Bradley Cooper) ist kein Mörder, kein Schurke, sondern jemand, der durch seine Erziehung in den Glauben versetzt wurde, es gäbe Menschen, die böse sind – „Wölfe“, wie sein Vater sich ausdrückt -, und die Bestrafung durch die „Guten“  – die „Schäferhunde“ – verdienen. Außerdem kann er verdammt gut schießen. Dies, verbunden mit dem Wunsch, etwas von Bedeutung zu leisten, führt ihn zum Militär, wo er als Navy Seal ausgebildet und als Scharfschütze in den Irak geschickt wird. Dort findet er sich in einer Situation wieder, die es von ihm erfordert, binnen Sekundenbruchteilen Entscheidungen über Leben und Tod zu treffen, Menschen mit einem Zucken seines Zeigefingers zum Tode zu verurteilen, darunter auch Kinder, die von der Gegenseite als Todesengel eingesetzt werden. Kyle, der ja felsenfest davon überzeugt ist, das Richtige zu tun, kann das alles weder verarbeiten noch kommt ihm überhaupt in den Sinn, irgendeine Konsequenz zum Schutz der eigenen Gesundheit ziehen zu müssen. Als einer seiner Armeekameraden ihm gegenüber Zweifel an der Richtigkeit ihrer „Mission“ äußert, begreift er gar nicht, wovon der andere spricht. Und als ein Arzt ihn zurück in der Heimat mit der Tatsache eines dauerhaft am oberen Anschlag befindlichen Blutdrucks konfrontiert, beteuert er nur mantrahaft, dass „alles gut“ sei.

Eastwood zeigt sehr unmissverständlich, was Krieg noch mit den bestausgebildeten Spezialisten anrichtet, dass die spätere Betreuung mangelhaft ist, Veteranen bei der Aufarbeitung ihrer Erlebnisse weitestgehend auf sich allein gestellt sind. Seinem Protagonisten steht er mit einer Mischung aus Mitleid, Bewunderung und Befremden gegenüber, zeichnet ihn als höchst ambivalentes Geschöpf irgendwo zwischen (tragischem) Held und Monster. Wofür sich Eastwood hingegen rein gar nicht interessiert, ist Politik: Wer eine Verurteilung des Irakkriegs erwartet, einen kritischen Kommentar zu amerikanischer Außen- und Interventionspolitik, der sieht sich enttäuscht. Das wurde AMERICAN SNIPER dann ja auch vorgeworfen, ich hingegen würde sagen, dass gerade dieser Verzicht Eastwoods humanistische Gesinnung erkennen lässt. Die Chris Kyles dieser Welt haben seine Empathie, weil sie von ihren Staaten – seinem Staat – gnadenlos verheizt werden, nur um dann nach ihrem Tod mit allerlei nationalistischem Tamtam zu Grabe getragen zu werden. Den Abspann, der Bilder der Feierlichkeiten rund um den Tod des echten Chris Kyle zeigt, hat demnach auch weniger huldigenden als dokumentarischen und anklagenden Charakter: Es ist einfach verlogen, einen 160-fachen Killer als Helden zu verehren, wenn doch offensichtlich ist, dass man es mit einem seelischen Krüppel zu tun hat, der professioneller Hilfe bedarf.

Aber AMERICAN SNIPER ist kein makelloser Film und bleibt streitbar – wenn auch aus anderen Gründen. Eastwood findet keinen richtigen Ansatz für seinen Stoff, ergeht sich über weite Strecken in der distanzierten Abbildung der blutigen Kriegshandlungen, was angesichts seines Themas kontraproduktiv ist. Der innere Konflikt Kyles ist ihm nicht ausreichend, es muss noch ein äußerer hinzukommen, das erbitterte Fernduell gegen einen feindlichen Scharfschützen, den der Protagonist im Finale mit einem unmöglichen Meisterschuss beseitigt, der das Ende seiner persönlichen Mission bedeutet. Angesichts solcher konventioneller dramaturgischer Kniffe scheint die Kritik dann wieder verständlich, wenngleich sie Eastwoods Intention Unrecht tut. Der Regisseur fällt hinter die Modernität der Diegese zurück, in der etwa die Mobilfunkverbindung zwischen Kyle und seiner Gattin ein wichtiges – und verblüffendes – Erzählelement ist. Die stärksten Momente von AMERICAN SNIPER sind tatsächlich die ruhigen, unspektakulären, etwa jener, als Kyle zu Hause von einem anderen Soldaten erkannt wird, der dem Protagonisten das Leben verdankt und ihm voller Bewunderung und Dankbarkeit gegenübertritt. Kyle findet nicht die Mittel, diesen Einbruch seines Berufs in den sonst so sicheren Alltag zu verarbeiten, steht stammelnd vor dem jungen Mann, speist ihn mit Floskeln ab, die seine Unsicherheit und auch die allgegenwärtige Angst erkennen lassen. Jede Erinnerung an den Krieg ist für ihn wie der Schluck aus der Pulle für den Alkoholiker.

 

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Kommentare
  1. Mr. Majestyk sagt:

    Über Begriffe wie Antikriegsfilm lässt sich lange und sinnlos streiten.
    Die Abneigung gegen Filme wie AMERICAN SNIPER ist m.E. eher anerzogene Ablehnung und eine Frage der persönlichen Grundhaltung, hat also auch wieder viel mit Ideologie zu tun.

    Gut, dass sich Eastwood auf eine politische Stellungnahme gar nicht einlässt, sondern lieber eine biographische Geschichte erzählt. Als erhellend empfand ich die Rückblenden in die Kindheit von Kyle. Die starken Szenen habe ich ähnlich gesehen. Allerdings muss ich sagen, ich habe AMERICAN SNIPER an einem Wochenende zusammen mit den letzten beiden Filmen von Kathryn Bigelow gesehen. Und anders als THE HURT LOCKER sind Eastwoods Bilder doch schon sehr verblaßt und hallen bei mir kaum nach.

    • Oliver sagt:

      Ich finde auch nicht, dass AMERICAN SNIPER ein herausragender Film ist. Er ist eben nur besser und differenzierter, als viele ihm das unterstellt haben.

  2. Mr. Majestyk sagt:

    Ach, speziell in Deutschland ist die Abneigung gegen alles, was Patriotismus auch nur ansatzweise positiv oder neutral darstellt schon pathologisch.

    Ich denke Eastwood muss niemandem mehr etwas beweisen. AMERICAN SNIPER ist einfach die Verfilmung der Biographie eines Scharfschützen. Cooper spielt auch brilliant und glaubwürdig.
    Um die Geschichte eher spannend zu inszenieren müsste man aber die Differenzierungen unter den Tisch fallen lassen, heute kaum mehr möglich. Und eben die Brüche in der Person des Chris Kyle verhindern jegliche Identifikation und echte emotionale Nähe. Wer kann sich schon in jemanden hineinversetzen der knapp 160 Menschen erschossen hat und dies nach außen als patriotische Pflicht rechtfertigt und zudem als Held verehrt wird.
    Zudem wissen wir schon seit TAXI DRIVER, THE DEER Hunter und Co., das Krieg die Psyche oft anknackst.

    In THE HURT LOCKER gibt es eine Szene, wo Jeremy Renner im Supermarkt völlig überfordert ist die richtige Cornflakes-Packung auszuwählen. Ein solches prägnantes Bild hat mir in AMERICAN SNIPER gefehlt. Über dem Durschnitt befindet sich der Film aber allemal und das Eastwood den Zeigefinger unten lässt und eben nicht alles ausformuliert spricht für ihn. Ich habe die Ambivalenz und die Kritik auch so verstanden.

    • Oliver sagt:

      Ich fand den Dialog, als Kyle zu Hause von dem Invaliden wiedererkannt wird, ziemlich brillant.Nicht so prägnant wie du sagst, aber dafür sehr subtil gespielt von Cooper. Das ganze Unbehagen, das die Figur fühlt, tritt da sehr deutlich hervor.

      • Mr. Majestyk sagt:

        Ja, das stimmt. Eine der stärksten Szenen, wenn nicht sogar die eindringlichste.
        Überhaupt finde ich, dass Cooper sich gemacht hat, bzw. ich nehme ihn anders wahr.
        Früher war der für mich immer nur der Hangover/ Komödientyp, bei mir fast in der gleichen Schublade wie McConaughey und schon bei THE PLACE BEYOND THE PINES dachte ich alle Achtung, der kann was.

      • Oliver sagt:

        Den habe ich nicht gesehen, habe aus diffusen Gründen eine Abneigung gegen den Film, weiß auch nicht genau, warum. An Coopers Fähigkeiten habe ich gar nie wirklich gezweifelt. Ich mag den einfach nicht. Der hat so ne Date-Rape-Fresse. Ich glaube, ich habe in meinem A-TEAM-Text was dazu geschrieben.

  3. Mr. Majestyk sagt:

    Wenn die Zeit es zulässt solltest Du THE PLACE BEYOND THE PINES mal eine Chance geben.
    Den find ich richtig toll. A-TEAM habe ich nicht gesehen, da kann es nur eines geben. Kenne ansonsten ohnehin nur AMERICAN HUSTLE und LIMITLESS mit Cooper. Die sind beide recht schnell verblasst.

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