born reckless (john ford/andrew bennison, usa 1930)

Veröffentlicht: Januar 12, 2016 in Film
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born-reckless-1930-posterMit BORN RECKLESS gehen die Probleme weiter, die ich schon mit den beiden letzten Fords hatte – THE BLACK WATCH und MEN WITHOUT WOMEN -, wenn auch in etwas abgeminderter Form. Wie Marcos in einem Kommentar zu letztgenanntem Film erwähnte, war Ford selbst wohl nicht so angetan von BORN RECKLESS: Obwohl sein vorangegangener Film SALUTE der Fox enorme Gewinne beschert hatte, bestanden die Produzenten darauf, dem Filmemacher mit Andrew Bennison einen „dialogue director“ zur Seite zu stellen, der sich zum Ärger Fords massiv in dessen Arbeit einmischte. BORN RECKLESS, dessen umständlicher Handlungsverlauf eine ordnende Hand gut hätte gebrauchen können, ist tatsächlich höchst schizophren, zeigt auf der einen Seite schöne Bildkompositionen, brillant komponierte Szenen wie die finale Konfrontation der beiden Kontrahenten und stimmungsvoll inszenierte Settings, ist auf der anderen Seite aber hoffnungslos verquatscht und undynamisch.

Zum Teil ist das wahrscheinlich der Zeit geschuldet, jener Übergangsphase zwischen Stumm- und Tonfilm, in der der Umgang mit der neuen Technik und der zusätzlichen Bedeutungsebene noch nicht so selbstverständlich war. Wenn man aber weiß, dass Ford erzählerisch meist die klare Linie bevorzugte, liegt die Mutmaßung, dass die unelegante, teilweise gar unfilmische Narration nicht auf seinem Mist gewachsen ist, sondern auf dem seines ungeliebten Mitstreiters, ziemlich nahe. BORN RECKLESS, die Geschichte des italienischstämmigen Gangsters Louis Beretti (Edmund Lowe), der statt in den Knast in den Ersten Weltkrieg geschickt wird, geläutert zurückkommt und feststellt, dass seine alten Kumpels nicht mehr dieselben sind, ist einer jener unglücksseligen Filme, die wichtige Ereignisse nicht zeigen, sondern Menschen atemlos von ihnen berichten lassen, sodass man als Zuschauer immer das frustrierende Gefühl hat, das Interessanteste zu verpassen. Vor allem in der zweiten Hälfte vollzieht BORN RECKLESS mehrere große Zeitsprünge, lässt wichtige Figuren verschwinden, andere auftauchen und eine klare Linie weitestgehend vermissen. Das eigentliche Thema, der Verlust der Heimat, gerät bei dem Durcheinander ziemlich unter die Räder.

Es sind dann eher losgelöste Szenen, die für den Film einnehmen: der Anfang in einer wunderschön schummrigen Großstadt-Kulisse, der kurze Abstecher nach Frankreich während des Krieges, der Besuch in einem in den nebelverhangenen Sümpfen gelegenen Versteck der Ganoven oder der schon angesprochene Showdown, mit der zurückweichenden Kamera und der vor ihr zuschlagenden Schwingtür, die den Blick auf das Resultat verdeckt. Wer genau aufpasst, wird außerdem Zeuge einiger Spitzen, die Ford angeblich einbaute, um seinem Unmut Luft zu verschaffen: In einem Dialog stellt Joan (Catherine Dale Owen), eine alte Bekannte Louis‘, diesem ihren Verlobten Dick vor und lädt den Freund zum gemeinsamen Abendessen ein: „Will you stay for dinner with me and Dick? That is, if you don’t mind Dick.“ Und Dick antwortet auf Louis‘ Ausrede, er müsse in die Stadt: „Old man, if you really have to beat it, I’ll run you down to the station.“ Die homosexuelle Konnotation (die einmal auf der Doppeldeutigkeit von „dick“, dann auf der von „to beat it“ beruht) dürfte wohl nur ausgeprägten Puritanern entgangen sein und belegt, dass Ford mit BORN RECKLESS wohl innerlich lange vor der Fertigstellung abgeschlossen hatte. Schade, denn die guten Ansätze sind hier unverkennbar.

Kommentare
  1. Marcos sagt:

    Man sollte die Ton-Filme Fords zwischen 1928 und 1930 wirklich im Zusammenhang der damaligen Möglichkeiten sehen. Aber ab UP THE RIVER, also dem nächsten Ford, wird alles besser. UP THE RIVER ist nicht nur eine Gefängniskomödie, sondern auch so rasant und geschwind inszeniert, Kamera wie Dialoge (für die Zeit!!!), sowie zwei Hauptdarsteller präsentierend, die Ford persönlich entdeckt und als für Film verwendbar hielt. Dank ihm durften Spencer Tracy (!) und Humphrey Bogart (!) zeigen, was sie können (und natürlich wieder der endgeile Warren Hymer, spielte er in MWW noch den Stänkerer und in BORN RECKLESS den ultracoolen Badguy, ist er hier ein kompletter Idiot). Dann kommt UNTER DER SEE – THE BRAT ist inszenatorisch wieder ein Rückschritt, aber thematisch Wilder und Hawks, bevor diese Wilder und Hawks wurden – und ab ARROWSMITH wird dann eh alles anders. Danach entstanden dann nur noch die maßstabsgebenden Filme der Filmgeschichte, die Blaupausen für die jeweiligen Genres wurden. ARROWSMITH für das Arzt- und Wissenschaftlerdrama. AIR MAIL als Action- und Aviatordrama, FLEISCH als Sport- und Liebesdrama, PILGRIMAGE als Frauen- und Mütterdrama, DR. BULL als Provinztragikomödie mit dem bedeutendsten Hollywood-Schauspieler indianischer Abstammung, der je in Hollywood Karriere gemacht hat, Will Rogers (in Amerika verehrt wie ein Gott) und damit ein völlig neues Genre schaffend, mit DIE LETZTE PATROUILLE ein existenzialistisches Männerdrama schaffend für das es in keiner Kunstform eine Entsprechung gibt und welches von Filmhistorikern zu den einflussreichsten Filmen der 30er und 40er Jahre gezählt wird, mit DAS LEBEN GEHT WEITER, der zwar als inszenatorisch schwach angesehen wird (man ließ Ford keine Drehbuchänderungen vornehmen), aber den Maßstab für Historienfilme darstellte, da er 150 Jahre eier Familiendynastie abbildet und Maßstab für Soaps und dergl. wurde, mit JUDGE PRIEST Ford seine eigene Art von Tragikomödie schuf, mit STADTGESPRÄCH eine grelle Parodie auf Hollywood-Gangsterfilme geschaffen wurde, mit DER VERRÄTER der gesamte Hollywoodbetrieb revolutioniert wurde, da Ford den wichtigsten Independantfilm aller Zeiten schuf, ach,… ich kann nicht mehr.

    Ich hab nun genug mitgeteilt, was Du über die Filme denken könntest. Mach Dir Dein eigenes Bild, aber mach Dir klar, dass Du nun nur noch Filmgeschichte beschritten wird, die alles nachfolgende (über alle transkulturellen Ebenen hinweg, Kurosawa, Renoir, Ozu, Ray, Visconti und mehr nicht-amerikanische Regisseure geben Ford als Quelle an) beeinflusst, ja sogar ermöglicht haben.

    • Oliver sagt:

      UP THE RIVER und SEAS BENEATH habe ich beide schon geschaut, fand beide sehr gut und bin jetzt noch mehr auf Kommendes gespannt.🙂

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