up the river (john ford, usa 1930)

Veröffentlicht: Januar 14, 2016 in Film
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up_the_river_28film_poster29„Up the River“ (oder auch „up north“) – so wird in den USA umgangssprachlich der Knast bezeichnet, weil das berühmte New Yorker Gefängnis Sing Sing eben flussaufwärts liegt. Der Ausdruck spielte bereits eine nicht unwichtige Rolle in BORN RECKLESS, der aber letztlich ohne Ausflug in eine Strafanstalt auskam. Mit UP THE RIVER legte Ford schließlich einen waschechten Knastfilm vor, wenngleich einen, der sich vom durchschnittlichen Vertreter des Subgenres tonal unterschiedet. Es geht hier nicht um die Härten, die den Verurteilten erwarten, nicht um eine Anklage des Justizsystems: UP THE RIVER ist vielmehr eine warmherzige Gaunerkomödie, die deutliche Parallelen zu Fords 3 BAD MEN aufweist und möglicherweise ein Einfluss für Michael Curtiz‘ WE’RE NO ANGELS war. Dabei war das keineswegs so geplant: Der Film sollte ein „handelsüblicher“ Knastfilm werden, wurde von Ford jedoch konsequent zur leichtfüßigen Komödie umgeschrieben.

Im Zentrum der Handlung stehen drei Männer: Die beiden verbündeten Gauner Saint Louis (Spencer Tracy) und Dannemora Dan (Warren Hymer), die nach einem zunächst gelungenen Ausbruch schnell wieder in der „Heimat“ landen, sowie ihr neuer Zellengenosse Steve (Humphrey Bogart), ein braver Kerl, der nach einem unglücklichen Zwischenfall wegen Totschlags hinter Gittern gelandet ist. Er ist verliebt in die schöne Judy (Claire Luce), die nebenan im Frauenknast sitzt, weil sie von ihrem ehemaligen Arbeitgeber, dem Finanzbetrüger Frosby (Gaylord Pendleton), hintergangen wurde. Saint Louis und Dannemora schließen die beiden wegen ihrer Ehrlichkeit und  Reinheit schnell ins Herz und eilen Steve zur Hilfe, als der nach seiner Freilassung ebenfalls ein Opfer von Frosby zu werden und die Beziehung zu Judy daran zu scheitern droht.

UP THE RIVER ist zunächst einmal filmhistorisch bedeutsam, weil er den Beginn der Filmkarrieren sowohl von Spencer Tracy als auch von Humphrey Bogart und zugleich ihre einzige Zusammenarbeit bedeutete. Die beiden späteren Superstars und Ikonen des klassischen Hollywood absolvierten für Ford tatsächlich ihre ersten Hauptrollen, lediglich Bogey war zuvor schon einmal auf der Leinwand zu sehen gewesen. Eine der Freuden dieses Films ist es dann auch zu sehen, wie Spencer Tracy bereits in seinem ersten Leinwandauftritt agiert wie ein alter Hase und Ford auf Anhieb erkennt, wie er ihn einsetzen muss. Tracys Saint Louis ist eine „old soul“, ein Mann, der selbst vom Gefängnisdirektor wie ein König behandelt wird und dem überall der Respekt und die Sympathien seiner Mitmenschen entgegenfliegen. Der wunderbare Warren Hymer gibt den comic relief neben ihm, einen ungebildeter, aber herzensguten Lulatsch, auf den sich Saint Louis immer verlassen kann, selbst wenn er ihm mal einen mitgibt: Der Film beginnt damit, dass Louis seinen Partner nach einem Gefängnisausbruch sitzen lässt und allein mit dem bereitstehenden Automobil davonbraust. Wenig später treffen sich die beiden in Kansas City: Dan hat sich einer christlichen Organisation angeschlossen und predigt auf den Straßen von seiner Läuterung, von Buße und Vergebung, als Louis mit einem ganzen Wagen voller schöner Frauen vorfährt und Dans Scheinheiligkeit verlacht. Natürlich springt Dan auf die Provokation an, fällt nur Sekunden, nachdem er behauptet hat, keiner Fliege mehr etwas zuleide tun zu können, über seinen alten Freund her und landet sofort wieder im Bau. Wenn auch Saint Louis dort wenig später auftaucht, versteht man auch ohne explizite Erwähnung, dass ihn das schlechte Gewissen gegenüber dem schmerzlich vermissten Kumpel dorthin getrieben hat.

Ford zeichnet die Knastgemeinschaft als verschworene Gruppe, das Leben dort überwiegend als turbulent, freudvoll und friedlich. Mehrere Nebencharaktere werden eingeführt und lassen den Ort lebendig werden: Dder alte Knacki, der das Baseballteam trainiert, und sich über die Neuankömmlinge mokiert, die man zu seiner Zeit gar nicht ins Gefängnis reingelassen hätte; die gouvernantenhafte Miss Massey (Louise Mackintosh), die als eine Art Wohltäterin im Knast nach dem Rechten sieht und von den Häftlingen als Brieftaube für geheime Nachrichten zweckentfremdet wird (mit den männlichen Insassen hat sie unendliches Mitleid, für die Frauen fehlt ihr hingegen etwas das Verständnis); der jugendliche Straftäter, dessen Verurteilung seine Mutter ins Grab getrieben hat. Und inmitten der Gauner das Liebespärchen, dessen gemeinsame Zukunft zu einer Art gesamtgesellschaftlicher Utopie wird. Darum machen es sich Saint Louis und Dannemora Dan zur persönlichen Aufgabe, sie vor dem erneut drohenden Unheil zu bewahren. Am Ende, nach erfolgreicher Mission, kehren sie aus freien Stücken in ihre „Heimat“ zurück, gerade noch rechtzeitig, um im Baseballspiel gegen den Konkurrenzknast antreten und so auch dort den Tag retten zu können. Ihr erneuter Ausbruch hat eine Verdopplung ihrer Haftdauer zur Folge. Egal, sie werden sowieso für den Rest ihres Lebens einsitzen und wenn sie mal Sehnsucht nach draußen haben sollten, dann brechen sie eben einfach wieder aus. Wie im oben genannten 3 BAD MEN müssen die Guten vor den Härten des Lebens geschützt werden, damit sie nicht untergehen, und diese Aufgabe übernehmen eben jene gesellschaftlichen Außenseiter, die zwar an der „Normalität“ nicht teilhaben können, mit ihren Eigenschaften und Fähigkeiten aber in der Lage sind, den Unterschied zu machen.

UP THE RIVER ist ein wunderschöner kleiner Film, bisweilen urkomisch, ohne jemals überdreht zu sein und voller liebevoller Details, toller schauspielerischer Darbietungen und inszenatorischer Ideen (die Dialoge zwischen Männern und Frauen durchs Gittertor etwa). Ich vermute, dass dies nach einer etwa durchwachsenen Übergangsphase der Auftakt zu Fords zweiter großer Schaffensperiode ist, während der er zum kultisch verehrten Meisterregisseur und einem der einflussreichsten Filmemacher des 20. Jahrhunderts aufstieg.

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