straight outta compton (director’s cut) (f. gary gray, usa 2015)

Veröffentlicht: Januar 17, 2016 in Film
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straight-outta-compton-posterDie popkulturelle Bedeutung von N.W.A. ist kaum zu überschätzen. Als 1988 das viel beachtete und kontrovers diskutierte Debütalbum „Straight outta Compton“  und drei Jahre später das textlich noch krassere Zweitwerk  „Efil4Zaggin“ erschienen, war das vielleicht das letzte Mal, das Popmusik „gefährlich“ war (oder zumindest schien) und tatsächlich so etwas wie umstürzlerisches Potenzial besaß. Public Enemy – eine Crew aus New Yorker Kunststudenten – verpackten  ihre kaum weniger radikalen Thesen auf der anderen Seite der USA in ein künstlerisch-intellektuelles Gesamtkonzept, zu dem Lyrics voller Zitate von Bürgerrechtlern und Hinweise auf den aktuellen politischen Diskurs genauso gehörten wie militärische Bühnenoutfits und an Propagandaflugblätter erinnernde Artworks, N.W.A. hingegen verkörperten die ungerichtete, ungefilterte Wut des jungen, perspektivlosen Afroamerikaners, der auf den Straßen von L.A. mit alltäglichem institutionellen Rassismus konfrontiert wurde, der mit Drogen handelte, um der Armut zu entkommen, mit Wohlstandsgütern, seiner Potenz und der Zahl der Feinde, die er (angeblich) umgelegt hatte, prahlte. Es wäre grob vereinfacht (und falsch), zu behaupten, dass N.W.A. den Gangsta Rap erfunden haben, aber sie waren gewiss die, die ihn perfektionierten, sein agitatorisches Potenzial erkannten und ihn zu dem Schreckgespenst machten, auf das die Sittenwächter aus Politik und Medien so vorhersehbar reagierten, wie der Pawlow’sche Hund auf die Glocke. N.W.A. waren gewiss keine Wohltäter auf aufklärerischer Mission: Sie hatten das immense kommerzielle Potenzial dieser Spielart der noch jungen Musikrichtung erkannt und waren bereit, es gnadenlos auszuschöpfen, verliehen aber nichtsdestotrotz unzähligen Jugendlichen, die niemand zuvor gehört hatte, eine Stimme – eine hasserfüllte, fluchende, schimpfende Stimme. Wer weiß, ob es ohne die verbale Zuspitzung, die Ice Cube mit seinen brandstifterischen Lyrics leistete, jemals zu der Stimmung gekommen wäre, die nötig war, um die Wut über das Rodney-King-Skandalurteil 1992 in den L.A. Riots eskalieren zu lassen.

Auch für mich persönlich waren N.W.A. wichtig. Um das Debüt „live“ mitzuerleben, war ich noch ein bisschen zu jung (1988 war ich gerade 12), erinnere mich aber noch an das Cover in den Regalen, von dem aus Dr. Dre, Eazy-E, Ice Cube, MC Ren und Yella auf den Betrachter herabblickten wie auf ein am Boden liegendes Opfer. Aber als 1991 „Efil4Zaggin“ erschien, da war ich Feuer und Flamme, rappte mit Wonne die ultravulgären, gewaltverherrlichenden und auch misogynen Lyrics mit (soweit ich ihnen folgen konnte). Ich war 15, 16 und N.W.A. verkörperten eine Respektlosigkeit und Abgezocktheit, die mich einfach beeindruckte. Dass Dre einen geradezu unwiderstehlichen Sound für die auf diesem Album schon fast postapokalyptisch brutalen Texte lieferte, war natürlich keine Nebensache. „Efil4Zaggin“ war damals für mich wahrscheinlich das beste Album der Welt, obwohl ich in erster Linie Metalhead war. Heute lässt sich kaum verleugnen, dass dieses Zweitlingswerk bereits alle Zeichen des Niedergangs trug, der sich damals schon fast komplett vollzogen hatte. Ice Cube, Hirn und Sprachrohr der Gruppe, war bereits kurz nach „Straight outta Compton“ ausgestiegen, weil er sich um seinen Verdienst betrogen fühlte, und mit ihm verloren N.W.A. auch die politische Schärfe. Was blieb, war im Grunde genommen reiner shock value, der dem Debüt nur noch quantitativ etwas hinzuzufügen wusste. Stattdessen veröffentlichte Ice Cube „AmeriKKKa’s Most Wanted“, mit dem er seinen einstigen Weggefährten sofort den Rang ablief. Die Produktion hatte das Produktionsteam namens „Bomb Squad“ übernommen, das auch hinter Public Enemy stand. Während Eazy-E darüber rappte, irgendwelche bitches umzubringen, erklärte Ice Cube den USA den Krieg. Heute ist das alles kaum noch vorstellbar: Die Aufregung über Gewaltverherrlichung und Sexismus in Rap Lyrics ist zum Teil eines Spiels geworden, das geradezu standardmäßig abläuft, generell scheint die Zeit, in der eine Popgruppe die Massen in dieser Form mobilisiert, ja zum echten Politikum wird, lange vorbei. Ice Cube ist Familienvater und dreht brave Mainstreamkomödien, Dr. Dre setzt Millionen mit Kopfhörern um, Eazy-E ist seit 20 Jahren tot und von MC Ren und Yella hat man seit den Neunzigern nichts mehr gehört.

Wie das damals war, als N.W.A. zur „world’s most dangerous group“ aufstiegen, zeigt STRAIGHT OUTTA COMPTON, das von Dr. Dre und Ice Cube mitproduzierte Biopic, das die Geschichte von der Gründung der Band im Jahr 1986 bis zum Aids-Tod von Eazy-E 1995 nachzeichnet. Die Beteiligung der beiden Masterminds ist ein zweischneidiges Schwert, verleiht dem Film einerseits Authentizität und Respektabilität (sowie natürlich die Mitwirkung von Ice Cubes Sohn, der dem Vater bisweilen zum Verwechseln ähnlich sieht), verhindert andererseits aber auch, dass er über die nur milde kritische Heldenverehrung und Selbstmythologisierung hinauskommt (und Yella und MC Ren einen Status zugeschrieben bekommen, der über den bloßer weed carriers hinausreicht). Allzu unangenehme Episoden, wie etwa jene um den physischen Angriff Dr. Dres auf die Journalistin Dee Barnes, lässt der Film aus, ist sichtlich bemüht, die „niggaz with attitudes“ als liebenswerte Menschen, echte Kumpels und Opfer der äußeren Umstände zu zeichnen. Was ja auch durchaus OK ist: N.W.A. konnten ja überhaupt nur als Bedrohung angesehen werden, weil man nie verstanden hatte, dass sie im Wesentlichen Schauspieler waren, die in ihrer Funktion als Bandmitglieder lediglich eine Rolle spielten. Eazy-E hatte sich als Drogendealer verdingt, ansonsten hatte keiner von ihnen einen kriminellen Background, zumindest keinen, der die Dämonisierung, die sie medial erfuhren, rechtfertigte. Aber es ist schon auffällig, dass das Thema „Misogynie“, das aus dem Diskurs über die Band und ihr Werk kaum wegzudenken ist, im Film geradezu peinlich gemieden wird. STRAIGHT OUTTA COMPTON ist in dieser Hinsicht sehr unreflektiert und die Szene, in der er geradezu teilnahmslos dabei zusieht, wie die Band ein Groupie, dessen wütender Freund während einer wilden Orgie an der Hotelzimmertür klopft, nackt auf den Flur setzt, ihm noch eine Backpfeife und eine zünftige Beleidigung mit auf den Weg gibt, ist die mit Abstand ekligste des Films.

Ansonsten darf man ihn durchaus zu den besseren Biopics zählen: Er nimmt sich viel Zeit, die Besetzung ist gut, die Szenen, in denen die Musik zum Einsatz kommt, ragen erwartungsgemäß heraus. Ich hätte mir durchaus noch mehr davon gewünscht, vor allem eine, die die Aufnahme von Cubes bahnbrechender erster Strophe des Titelsongs entsprechend ikonisch ins Bild setzt. Aber man kann nicht alles haben, und STRAIGHT OUTTA COMPTON, dessen Director’s Cut es auf beachtliche 165 Minuten bringt, ist eigentlich eh schon viel zu vollgepackt, beginnt bereits zur Halbzeit merklich zu zerfasern. Das ist der Bandgeschichte selbst zuzuschreiben und weil ihr das große, crowdpleasende Finale verwehrt blieb, erzählt Grays Film plötzlich eine Vielzahl von Geschichten, die mit N.W.A. streng genommen nichts mehr zu tun haben: Da geht es dann u. a. um den Aufstieg von Suge Knights berüchtigtem Label Death Row, an dem Dr. Dre maßgeblich beteiligt war, die Karriere von Ice Cube, der innerhalb weniger Jahre vom Rapper zum Sprachrohr zum Schauspieler zum Drehbuchautoren und Produzenten reift, und als wichtigsten Strang um die Erkrankung von Eazy-E und seinen schnellen Tod, der ihn just in dem Moment ereilt, als sich die Freunde von einst versöhnt haben und ein Comeback-Album aufnehmen wollen. Dutzende von Nebenfiguren, deren Geschichten eigentlich einen eigenen Film rechtfertigen würden – D.O.C., Suge Knight, Snoop Dogg und Tupac (Biopic folgt in Kürze) -, treten teilweise nur auf, um für einen kurzen Aha-Effekt zu sorgen (oder um den nächsten Hit auf dem Soundtrack zu triggern) und verschwinden dann wieder. STRAIGHT OUTTA COMPTON wird so zwar niemals langweilig, versäumt es bei dem Affenzahn, den er vorlegt, aber leider auch, irgendetwas von wirklich bleibender Wirkung zu schaffen. Filmisch ist er gar völlig uninteressant, rast an einem vorbei wie die drei Jahre der Karriere von N.W.A. Dass sich in 25 Jahren noch jemand so an ihn erinnert wie an die Musik der fünf Reizfiguren, darf gewiss bezweifelt werden. Wohl aber auch, dass solche Nachhaltigkeit wirklich beabsichtigt war.

 

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