dolemite (d’urville martin, usa 1975)

Veröffentlicht: Januar 22, 2016 in Film
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dolemite_poster_01Um DOLEMITE, einen zwar einfluss- und erfolgreichen, aber auch ungeheuer schmuddeligen und unbeholfen inszenierten Blaxploiter, angemessen würdigen zu können, muss ich erst ein paar Takte zu seinem Erfinder, Rudy Ray Moore, sagen. Moore ging Mitte der Siebzigerjahre schon mit großen Schritten auf die 50 zu und hatte bereits eine erfolgreiche Showbiz-Karriere als Stand-up-Comedian hinter sich. Seine Schallplatten, auf denen er schmutzige Witze oder gereimte Geschichten aus dem Ghetto erzählte, waren besonders in den sozial schwachen Schichten ein Renner. Sein „Handwerk“ hatte er zunächst als Prediger und dann als R’n’N-Sänger beim Militär gelernt, wo er die Kameraden während seiner Stationierung in Deutschland mit schwarzen Interpretationen von Hillbilly- und Countrysongs bei Laune hielt. Seine ersten Comedy-Alben erschienen schon Ende der Fünfziger-/Anfang der Sechzigerjahre, doch die Idee für DOLEMITE entstand zu Beginn der Siebziger, als Moore Geschichten über eine Figur dieses Namens auf der Straße aufschnappte. Nachdem er den selbstbewussten, scharfzüngigen, Kung-Fu-kämpfenden Superpimp auf der Bühne verkörpert hatte, entstand der Spielfilm, für den Moore als Hauptdarsteller, Produzent und Drehbuchautor fungierte. Der Film war angeblich ein großer Erfolg, in nehme an vor allem in urbanen Grindhouses, zog mehrere Fortsetzungen nach sich und war der Startschuss für Moores (kurze) Filmkarriere. Größer ist aber sein ideeller Wert: So gilt Dolemites/Moores Wortwitz als maßgeblicher Einfluss auf zahlreiche Rapper, die sich selbst gern als Pimps inszenierten. Snoop Dogg etwa, auf dessen vierten Album „No Limit Top Dogg“ Moore als Dolemite zu hören ist, ließ verlauten, dass es ihn ohne den Comedian wahrscheinlich nie gegeben hätte.

Von der Vorstellung, mit DOLEMITE einen konventionellen Blaxploiter vor sich zu haben, muss man sich weitestgehend verabschieden. Zwar werden alle Zutaten, die ein solcher aufzuweisen hatte, hier verbraten – vom toughen Superheld, dessen sexueller Power die Chicks reihenweise erlegen sind und der schon allein deshalb zum Schreckgespenst für die „honkies“ und „crackers“ wird, über die Scharen mehr oder weniger schöner Frauen und eine Figurenriege, die alle Ghetto-Klischees vom Heroinjunkie bis zum Prediger, der eigentlich ein militanter Schwarzenführer ist, inkorporiert, bis hin zum pumpenden Soul-Soundtrack und den Martial-Arts-Einlagen -, aber am auffälligsten sind die Unbedarftheit, mit der das alles inszeniert ist, und das offensichtlich mangelnde Budget, das der Geschichte vom Ghetto-Superstar an allen Ecken und Enden im Wege steht. Der höchst einfache Plot – Dolemite, der von seinem Konkurrenten Willie Green (D’Urville Martin) geframed wurde, wird aus dem Knast entlassen, um im Ghetto für Ordnung zu sorgen und seinem Rivalen, der unter anderem mit dem schmierigen Bürgermeister unter einer Decke steckt, das Handwerk zu legen – wird superstatisch und ohne jedes Gespür für Rythmus oder Timing erzählt, Framing (als Kameramann fungierte Josef von Sternbergs Sohn Nicholas Josef!) und Schnitt sind stümperhaft, von der Straße aufgelesene Darsteller stehen hilflos im Bild rum. Richtig erbärmlich sind die Kung-Fu-Einlagen, auf die man sich doch einiges einzubilden schien: In den Credits wird die Mitarbeit von Howard Jackson als „Martial Arts Instructor“ verkündet, einem renommierten Schwarzgurt und engen Vertrauten von Chuck Norris, doch auch der war offensichtlich reichlich überfordert damit, ein paar aufgeregten Schrapnellen und einem hüftsteifen Comedian auf die Schnelle Karate beizubringen. Da werden Arschtritte und Schläge verteilt, die blutige Folgen nach sich ziehen, in Wirklichkeit aber noch nicht einmal meinen eineinhalbjährigen Sohn erschrecken würden.

Aber diese Unbeholfenheit nimmt empathische Menschen wie mich ja eher für einen Film ein, als dass ich mich darüber kaputtlachen könnte, wie das herzlose SchleFaZ-Konsumenten und ähnlicher Pöbel tun. DOLEMITE ist das Produkt einer Zeit, in der jemand mit einer Idee einfach einen Film machen, ihn in die Kinos bringen und auch noch einen veritablen Hit damit landen konnte. Heute ist ein Film wie DOLEMITE selbst als Direct-to-DVD-Produkt nahezu undenkbar, viel zu verwöhnt ist man, was Production Values und vordergründige Perfektion selbst noch des hinterletzten Ramschfilms angeht. In der schmierig-löchrigen Form von DOLEMITE steckt dann auch ein gutes Stück Authentizität und Ehrlichkeit. Nicht, dass der Film uns zeigen würde, wie es damals wirklich war, Gott bewahre, aber das Wissen um seinen Erfolg lässt doch auf die Bedürfnisse seines Publikums schließen. Eines Publikums, dass sich von den damaligen Hollywood-Kassenschlagern eben weniger repräsentiert sah als von den Abenteuern eines großmäuligen Superpimps, der den „rat-soup eating motherfuckers“ zeigt, wo der Frosch die Locken hat und zwischendurch innehält, um kalauernde Reimgeschichten über den Untergang der Titanic oder die Rivalität zwischen einem Löwen und einem Affen zu erzählen. Und die Bilder, die der Film von der Straße einfängt, die sind tatsächlich ungeschönt und (wahrscheinlich) höchst realistisch. DOLEMITE ist nichts weniger als afroamerikanische Folklore und als solche wahrscheinlich wahrer als all die SHAFTs, FOXY BROWNs, COFFYs oder SLAUGHTERs, die von weißen Produzenten erdacht worden waren.

 

 

Kommentare
  1. Marcos sagt:

    Wahre Worte. Vor allem der letzte Satz hallt nach.

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