2. mondo bizarr weekender: meng long zheng dong (chia chun wu, hongkong 1975)

Veröffentlicht: Januar 25, 2016 in Film
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bruce_lee_against_supermen_poster_01„Wer lang hat, lässt lang hängen“, lautet der Originaltitel übersetzt, ein altes chinesisches Sprichwort, das hier natürlich vor allem auf Bruce Li zutrifft, einen der besseren Bruce-Lee-Imitatoren die in den Bruceploitation-Filmen aufliefen, welche nach dem frühen Tod des Kultstars in geschäftiger Eile aus dem Boden gestampft wurden. BRUCE LEE GEGEN DIE SUPERMÄNNER, wie der Film in Deutschland heißt, passt zugegebenermaßen aber auch sehr gut. Ich muss ja zu meiner Schande einräumen, mich mit Eastern so gut wie gar nicht auszukennen: Diese ganzen superrohen Klopper, die in Deutschland mit markigen Coverartworks und knalligen Titeln à la „Tigerpranke: Sein Schlag bricht 1000 Knochen“ herauskamen, haben mich nie so wirklich erreicht (bei aller grundsätzlichen Sympathie für das Genre), die etwas filigraneren, aufwändigeren Vertreter der Shaw Brothers habe ich mir vor Jahren in einem mehrwöchigen Bingewatching leider irgendwie kaputtgeschaut. Vielleicht war BRUCE LEE GEGEN DIE SUPERMÄNNER gestern der Auftakt einer neuen Liebe, who knows? Eins kann ich indes jetzt schon mit Gewissheit sagen: Der Film hat mich bei der gestrigen Kinoaufführungen massiv geflasht, meine Erwartungen turmhoch übertroffen und stellt – so am heutigen, letzten Tag des Mondo-Bizarr-Weekenders nichts völlig Unvorhergesehenes passiert – für mich schon jetzt das Highlight der Veranstaltung dar. (Mit der kleinen Einschränkung, dass dies wahrscheinlich nicht der Fall wäre, hätte ich Shermans DEATH LINE und Fulcis L’ALDILA nicht schon zuvor gesehen, letzteren darüber hinaus etliche Male.) Warum dieser Film, den einige Stimmen nach der Vorführung – mir vollkommen unerklärlich – als „totalen Schrott“ bezeichneten?

Ich kann mich jetzt spontan nicht daran erinnern, jemals einen Film gesehen zu haben, der ein dermaßen entfesseltes, an die Raserei eines cholerischen, unter LSD-Flashbacks leidenden koffein- und speedsüchtigen Epileptikers gemahnendes Tempo geht. Es gibt einen einzigen ruhigen Moment, bezeichnenderweise auch eine Montagesequenz, die den Helden beim romantischen Sightseeing-Spaziergang mit seinem love interest zeigt und mit einem Fototapeten-Standbild der beiden (bzw. offensichtlich gerade nicht der beiden, sondern irgendeines Paares, das eben auf dem verwendeten Foto drauf war) im Sonnenuntergang am Strand endet. Ansonsten reiht Regisseur Chia Chun Wu in nicht abreißender Folge wüste Keilereien und irrwitzige Verfolgungsjagden aneinander, dass man schon beim bloßen Zuschauen Herzrasen bekommt. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass dieser Film das Ergebnis eines besonnenen, entspannten, konzentrierten Drehs war. Wahrscheinlicher scheint es mir, dass Chia Chun Wu wie ein Derwisch spontan jedem Impuls folgte, sein Team planlos von einem Drehort zum nächsten hetzte, Drehbuch und -plan jeden Tag komplett und willkürlich umstrukturierte, wilde, unverständliche und völlig widersprüchliche Regieanweisungen in sein Megafon bellte und alle Crewmitglieder so in einen permanenten, auszehrenden Stresszustand versetzte. Und ganz bestimmt ließ er die Schlafgemächer seiner Angestellten des nachts auch noch mit dem Emerson-Lake-and-Palmer-Score beschallen, den er für BRUCE LEE GEGEN DIE SUPERMÄNNER zweckentfremdete (bzw. seiner wahren Bestimmung zuführte) – und zwar natürlich in ohrenbetäubender Lautstärke, damit sich bloß nicht dieses kreativitätsabtötende Stadium der Entspannung und Erholung einstellt. Jeder weiß, dass Schlafentzug und Erschöpfung der Nährboden sind, auf dem wahre Kunst einzig und allein gedeihen kann.

BRUCE LEE GEGEN DIE SUPERMÄNNER handelt von … ja, gute Frage. Es ist aber auch vollkommen egal, weil die nur rudimentär entwickelte Prämisse – irgendwas mit einem Wissenschaftler, der für die Erfindung einer Superformel von Bösewichten gekidnappt wird – eh nur dazu dient, möglichst viel Krawall in möglichst kurzer Zeit unterzubringen. Diese Mission erfüllt der Film mit Bravour und überholt sich dabei selbst – und zwar mehrfach. Das ganze Teil ist so dermaßen durchgeknallt und außer Kontrolle, dass es mir kaum möglich erscheint, das hier auch nur annähernd adäquat wiederzugeben. Ich versuche es mit einer kurzen Aufzählung, die ihr am besten lest, nachdem ihr zwei Kannen starken Kaffee (SCHWARZ!!!) getrunken und drei runden um den Block gelaufen seid: Bruce Li gehört zum Team des „Roten Drachen“ und trägt als solcher ein rotes Superheldenkostüm mit einer Comicbiene vorne drauf, manchmal aber auch Bruce Lees Kostüm aus THE GREEN HORNET. Mithilfe der Formel des kranken Wissenschaftlers kann man aus Erdöl Lebensmittel herstellen. Ein Teil des Films spielt in Nahost, das so aussieht wie eine Kiesgrube in Hongkong und von Scheichs mit (sorry) Schlitzaugen bewohnt wird. Zur Titlesequenz läuft ein Musikstück, das klingt wie die Verpoppung eines Weihnachtsliedes, bevor es sich in fünf parallel laufende andere Songs verwandelt. Die „Supermänner“ sind herumhüpfende Killer und sehen aus wie Kellner oder Zirkusartisten, ihr Chef hat eine große Serviette als Cape um den Hals gebunden. Als Belohnung werden ihm 10.000 Dollar und „eine Wagenladung voller Bräute“ angeboten. (Er nimmt natürlich an.) Bruce Li verfolgt einmal ein Auto mit einer Rikscha, dafür wird der Film dann schneller laufen gelassen. Ein anderes Mal reißt er in einer Kneipe eine Ische auf, die sich dann einen Bitchfight mit seinem Love Interest liefert, der die beiden bis in die Badewanne führt. Der Showdown besteht aus ca. 87 verschiedenen Keilereien, die alle keine Entscheidung bringen. Dann heißt es nur, dass die Bösen über die „Grenze“ fliehen wollen: Schnitt auf einen Wegweiser mit den Worten „Border 10 miles“, dann Schnitt auf zwei Rostlauben, die zusammen mit ein paar „Soldaten“ mitten in der Pampa rumstehen. Ich schätze, das ist die Grenze, die der Film selbst erfinden musste, weil er alle anderen schon überschritten hatte. Am Ende sind alle happy, die Bitchfight-Ische aus der Kneipe entpuppt sich als Geheimagentin und der Bienenkostüm-Kollege von Bruce taucht auf, nachdem man ihn 85 Minuten nicht mehr gesehen hat, und lässt sich feiern, als sei er der eigentliche Held des Films. Dann ist Feierabend und man hat das Gefühl, zum ersten Mal wieder tief Luft holen zu können. Ein Wahnsinn. Filmgucken als Hochleistungssport.

Ich weiß, dass ich mich gleich fürchterlich ärgern werde, weil mir garantiert etliche Sachen einfallen werden, die ich noch unbedingt hätte erwähnen müssen, aber es ist eh unmöglich, all den funkensprühenden Irrsinn von BRUCE LEE GEGEN DIE SUPERMÄNNER in einem Text unterzubringen, der für Menschen les- und nachvollziehbar bleiben soll. Nur noch so viel: Ihr MÜSST diesen Film sehen. Aber wenn ihr es tut, nehmt um Himmels willen keine Drogen dazu.

Kommentare
  1. Marc sagt:

    Wunderbarer Text. Trifft genau mein Gefühl bei bei der Sichtung, wenn sich irgendwann bei der xten Entführung von Dr. Ting zu orgiastischstem Jazz-Getöse langsam die eigenen Synapsen auflösen… Neben all den angesprochenen Highlights vielleicht noch erwähnenswert: Bruce Lis erfolgreicher Plan die Entführer einfach durch simples vor-den-Wagen-legen zu stoppen, die extrem hektische Snap Zoom Montage bei der sich der Bewacher von Lis Love Interest in Vergewaltigungsstimmung säuft oder Supermans Antwort auf die moralischen Bedenken seiner Untergebenen („Halts Maul“). Um den Stählernen auf die dunkle Seite zu ziehen bedurfte es übrigens 100.000 Dollar, 10 Bräute und einer Wagenladung Whsikey. Andereseits kann man nach dem Erstgenuss dieses Werkes überhaupt froh sein, wann man den eigenen Namen noch grob weiss…

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